Time is running out

Der morgendliche Zeitplan von Frau Hilde ist straff und durchgeplant. Womit er übrigens das Einzige im Leben der Frau Hilde ist, was straff und durchgeplant ist. Gut, das Konto könnte man auch als „straff“ bezeichnen, die Frau Hilde nennt den finanziellen Ist-Zustand aber lieber „chronisch klamm“.

Wenn nun also das sensible System „Hilde am Morgen“ in irgendeiner Form durcheinander gerät, dann ist Problem. Großes, großes Problem.

Denn die Frau Hilde fällt morgens zwischen 6.00 Uhr und 6.03 Uhr (je nachdem, wie taub sie sich in Sachen vierter Wecker – die drei anderen überhört sie oder stellt sie im Schlaf aus – stellt) aus dem Bett, von dort direkt in die Küche, um das Frühstück zu richten, sprich: eine Tasse Kaffee machen und das Brot vom Brotkasten (in Pannenfällen, also ungefähr fünf Mal in der Woche, holt sie das Brot auch direkt fluchend aus dem Gefrierfach) auf den Teller zu schmeißen.

Danach stolpert die Frau Hilde ins Bad, wirft sich unter die meist warme Dusche, dann das übliche Prozedere mit eincremen, anmalen, einnebeln, anziehen und fönen.

Vom Bad wuselt sie wiederum zurück in die Küche, um zu frühstücken. In der Regel beinhaltet das Frühstück einen klitzegrößeren Anfall von „Oh, verdammt, ich wollt doch noch das Arbeitsblatt für… (beliebige Klasse/Kurs einsetzen) ausdrucken!!“ mit anschließendem Gehoppel ins Arbeitszimmer.

Dann schaut die Frau Hilde noch schnell nach dem Wetter (= Nikotinkonsum), um schließlich um 7.18 Uhr mehr oder weniger fit die Treppe hinunter zum Rosinante-Bikel und mit selbigem den Weg zur Schule zu nehmen.

Die Frau Hilde braucht für die ganze morgendliche Aktion genau eine Stunde und fünfzehn Minuten. Manchmal auch eine Stunde und zwölf Minuten, wenn sie bereits um 6.00 Uhr aufgestanden ist. Auf keinen, wirklich keinen Fall geht es schneller, denn die Frau Hilde hat morgens das Tempo einer trölfzig Jahre alten Schnecke drauf.

Mit Ischias.

Oder so.

Kurz: Sie ist lahm wie sonstwas.

Dieses Hilde-System darf auf absolut keinen Fall in irgendeiner Form gestört werden.

Denn wenn das passiert, geschieht folgendes:

6.18 Uhr: Die Frau Hilde macht die kleinen Äuglein auf und starrt auf den Wecker.

Macht die Augen wieder zu.

Macht die Augen wieder auf.

PANIK!

Dann folgt das ganze übliche Prozedere; der Frau Hilde ihrer Meinung nach schneller als sonst, allerdings ist es, als die Frau Hilde aus dem Bad kommt, doch auch schon sieben. Das ist nicht gut. Ich wiederhole: Das. Ist. Nicht. Gut.

Denn ohne Frühstück kann die Frau Hilde nicht aus dem Haus. Bei sechs Stunden durchgehend ohne Zeit für einen Kaffee oder eine Banane (zu viele Raumwechsel) und anschließender AG würde die Frau Hilde nämlich sonst auf dem Hungerast sitzen, der würde brechen, die Frau Hilde würde runterfallen, und wer die Frau Hilde kennt, weiß, dass das ganz fatale Auswirkungen auf ihre Diät hätte.

Dumm nur, wirklich dumm, dass die Frau Hilde heute eigentlich NOCH früher aufstehen wollte, denn sie hat seit heute donnerstags Frühaufsicht. Das bedeutet, dass sie ab halb acht in der Vorhalle stehen und frierende Schüler davon abhalten muss, das Gebäudeinnere zu betreten. Aufsichtspflichtszeug und so.

Und das wiederum bedeutet, dass sie sämtliche Kopien und Kram bereits VOR halb acht erledigt haben muss, denn sie steht in der Vorhalle, bis es klingelt, und danach muss sie ja in den Unterricht.

Die Frau Hilde schlingt also zwischen sieben und sieben Uhr acht in Rekordzeit ihr Frühstück runter, fliegt die Treppe in Richtung Rosinante-Bikel, strampelt, was das Zeug hält, Richtung Schule, ist auch tatsächlich um fünf vor halb acht dort, kopiert blind ihre Unterlagen, will loswuseln Richtung Vorhalle – und trifft den Kollegen, für den sie die Frühaufsicht künftig übernimmt. Und der ihr mit minimal süffisantem Grinsen mitteilt, dass das Ganze erst ab Donnerstag nächster Woche gilt.

ARGHS.

Darf. Es. Denn. Wahr. Sein.

Die Frau Hilde murmelt etwas von „da möchte man doch schreiend im Kreis laufen“ vor sich hin und begibt sich zurück ins Lehrerzimmer – um dort dann noch zwanzig Minuten untätig herumzusitzen.

SO Tage braucht kein Mensch. Echt mal.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Hilde und geht in ihr Zimmer.

Ein bisschen weinen.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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2 Antworten zu Time is running out

  1. Corinna schreibt:

    Super! Ich lach‘ mich tot. 😉 Lehrer sind also auch nur Menschen… und auch nicht alle so cool wie Frau Freitag. Sehr sympathisch.

    • frauhilde schreibt:

      Liebe Corinna,

      danke für deinen Kommentar! 😉
      Nein, cool ist kein Attribut, mit dem sich die Frau Hilde schmücken könnte. Obwohl, vielleicht ist sie ja so uncool, dass sie schon wieder cool ist. Oder so.

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