Der (Tennis-)Ball des Grauens

Dienstag letzte Woche. Geschichte bei den Achtern. Wir schicken gerade Heinrich IV. im Winter über die Alpen, damit er sich ein bisschen vor Papst Gregor VII. im Schnee rumrollt und die Schüler den Begriff „Investiturstreit“ kennen.

Die Frau Hilde steht am Overheadprojektor, bekrakelt eine Folie und ist aus genau diesem Grund ziemlich blind.

Plötzlich…

*ssssssssst*

Ein gelbliches Objekt zischt an der Frau Hilde ihrem Ohr vorbei und plumpst irgendwo hinter ihr deutlich hörbar zu Boden; gefolgt wird das Ganze von einem entsetzten Quieken.

„Oh nein, es tut mir LEEEEIIIID!! Ich wollt doch zum W. werfen!“

Die Frau Hilde entblindet sich für einen Moment (= schaltet den OHP ab) und guckt verwundert die Schülerschaft an, bis ihr ein sehr, sehr bedröppelt dreinschauender Schüler H. auffällt.

Der wiederum hatte den Blindheitsmoment der Frau Hilde genutzt, um seinen Tennisball schnell Richtung Schüler W. zu schmettern werfen. Wohl in der Hoffnung, dass dieser sich beim Fangen desselben ein wenig verstümmelt.

Schüler W. ist ein Phänomen. Er ist so etwas wie die Frau Hilde in ungeschickt. Und da die Frau Hilde ja schon fürchterbar ungeschickt IST, kann man sich vielleicht annähernd vorstellen, wie Schüler W. dann sein muss. Er bringt es fertig, sich beim Zuklappen der Tafel eine Platzwunde zuzuziehen; beim Aufstehen hat er sich bereits einen blauen Fleck am Knie geholt; beim Stuhlzurückschieben fiel er von selbigem runter und trug eine Beule an der Stirn davon – die Liste ließe sich beliebig fortführen. Deshalb steht W. bei der Frau Hilde ein bisschen unter Naturschutz, denn gefährdete Spezies, da muss man schon drauf achten.

Und auf keinen Fall darf man mit Tennisbällen auf sie werfen, denn nachher bekommen sie den in den Mund und verschlucken ihn und ersticken oder sowas.

Kurz und gut, die Frau Hilde kassierte den Ball ein, führte ein kurzes pädagogisches Gespräch mit Schüler H., der darob nicht mehr rot, sondern blass wurde, und verblindete sich wieder am OHP.

Nach der Stunde bekam Schüler H. seinen Tennisball und eine klitzekleine Zusatzaufgabe.

Gestern (vorletzte Geschichtsstunde vor den Ferien) spielte die Frau Hilde mit den Achters Geschichts-Tabu. Vier Schüler/-innen gehen vor die Tür; der Rest überlegt sich historische Begriffe und die draußenen Schülers müssen sich die paarweise erklären (einer sieht die Begriffe, einer nicht, der bekommt sie erklärt und muss sie raten; es spielen immer zwei gegen zwei). Da es bei den draußen wartenden Schülern erfahrungsgemäß so laut wird, dass sich die Lehrer aus den Nebenräumen beschweren, ist die Frau Hilde Kontrollski gegangen, denn draußen war es verdächtig still… Sie machte die Tür auf, es machte *SSSSSSST* – und die Frau Hilde hatte einen gelben Tennisball am Knie kleben.

Hinter dem Tennisball konnte man schemenhaft Schüler H. ausmachen, der genau in diesem Augenblick sehr, sehr gerne eine Maus gewesen wäre. Zumindest schien sein Blick auf dem Boden ein Loch zum Reinkriechen zu suchen.

Nach einem erneuten kurzen pädagogischen Gespräch wurde der Tennisball mit dem Vermerk, den gäbe es erst am letzten Schultag wieder, erneut einkassiert.

Die Frau Hilde hat ihn heute Morgen dem Klassenlehrer übergeben. Also, den Tennisball.

Heute in der 6. Stunde war dann Jahresabschluss mit den Achters. Die hatten Plätzchen und weißnichwasalles dabei, die Frau Hilde entzündete ein Kerzlein und man hatte sich lieb (und starrte auf die Uhr in der Hoffnung, es würde bald klingeln).

Die harmonische Stimmung wurde jäh unterbrochen durch ein hysterisches lautes Kreischen von Schüler W.

Der soeben einen Tennisball an den Kopf bekommen hatte.

Das nun folgende pädagogische Gespräch mit Schüler H. war kurz, schmerzhaft und endete damit, dass ein Tennisball den (vorläufigen) Besitzer wechselte.

Das Corpus Dedingsi

Das Corpus Dedingsi

Nächstes Jahr dann kann H. ihn im Sekretariat wieder abholen.

Wenn die Frau Hilde ihn dort abgibt.

Nämlich, das macht ganz schön Spaß, so mit nem Tennisball in der Wohnung rumzudotzen!!

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde, die jetzt mal losfahren wird, Lieblingskollegin O. vom einwöchigen Frankreichaustausch am Bahnhof abzuholen (natürlich nicht mit dem Rosinante-Bikel; die Frau Hilde hat sich eigens zu diesem Zwecke O.s Autoschlüssel geben lassen).

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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12 Antworten zu Der (Tennis-)Ball des Grauens

  1. Corinna schreibt:

    Na, dann pass mal in der nächsten Zeit auf Schnee- oder andere Bälle auf. Man kann nicht wissen, wie Schüler H. den Verlust seines geliebten gelben Freundes ausgleichen wird. 😉

  2. Theni schreibt:

    Also, W. ist irgendwie süß ^^
    Und eine Lehrerin mit einem Tennisball abwerfen… Das ist natürlich doof 😀

    • frauhilde schreibt:

      In W. bin ich definitiv verliebt. 😉 Er ist einfach ZU putzig. Und immer, wenn ihm wieder ein Malheur unterlaufen ist, guckt er wie ein getretener Welpe. Da springen sämtliche Mutterinstinkte an!! 😀

  3. W ist also unter Naturschutz 🙂 wie süß 🙂 Es sollte noch mehr von dir als Lehrerin geben.

    • frauhilde schreibt:

      Noch mehr Hildes? Au weh, ich weiß ja nicht… Es sollte ja schließlich auch Lehrer geben, die technische Geräte pannenfrei bedienen können und sich nicht bei jeder Gelegenheit mit Kreide oder Whiteboard-Stift vollschmieren, oder? 😉

  4. tahmineh schreibt:

    Ich hatte in meiner Zeit als Lehrerin auch mal so einen Schüler, aber zum Glück fielen dem immer nur die eigenen Stifte, Ordner, Radiergummies etc… runter, mit Tennisbällen geworfen hat er dann doch nicht (obwohl ich ihm das durchaus zugetraut hätte)…

  5. diewiderspenstige schreibt:

    ich schließ mich Theni an; voll dooooof 🙂

    Was passiert denn eigentlich, wenn Lehrer Dinge auf Schüler werfen, so Kulis oder Kreidestücke? Werden die dann auch einkassiert? 😀

    • frauhilde schreibt:

      Die Lehrer? 😉
      Gute Frage; ich mach so was nicht, das grenzt für mich an Körperverletzung.

      • diewiderspenstige schreibt:

        ja – gibt´s das bei euch nicht? Also mein Ex-Lateinlehrer schmeißt jede Stunde mit Kulis, nassen Schwämmen und Kreidestückchen nach Schülern. Es gab allerdings auch schon den Fall, dass ein Schüler zurückgeworfen hat 😀

        • frauhilde schreibt:

          Ich wüsste nicht; es gibt eigentlich auch nur eine Lehrerin, der ich das zutrauen würde. 😉

          Ich wurde mal von meinem Geschichtslehrer mit Kreide beworfen (und er hat auch getroffen *grummel*). Damals hielt sich hartnäckig das Gerücht, innerhalb von drei Sekunden dürfe man zurückwerfen, damit das noch als Reflex durchginge.

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