Von Knalltüten und -erbsen

Am Dienstag war die letzte reguläre Stunde mit den Geschichts-Achtern.

Die Frau Hilde hat ihnen gleich am Anfang gesagt, dass sie die Achters abgeben muss und die einen neuen Lehrer bekommen. Woraufhin großes Gejammer war. Und die Frau Hilde den Helden auch mitgeteilt hat, wie sehr sie sie vermissen wird.

Die Stunde lief dann so ab:

Die Frau Hilde wollte eigentlich Unterricht machen (Ausbreitung des Islam im Mittelalter).

ADS-Schüler S. nach etwa fünf Minuten: „Frau Hilde, ich hab Nasenbluten!“ (Hatte bereits sich, den Tisch und die umsitzenden und darob mäßig begeisterten Klassenkameraden vollgeblutet.)

Frau Hilde: „Herrje, S., geh aufs Klo und hol dir was Kaltes. Soll ich den Schulsani rufen?“

Schüler S.: „Nee.“ *blut* „Geht schon.“ *blut*

Während Schüler S. friedlich am Verbluten war, knallte es von hinten. Schüler B. kreischte und Schüler F. versuchte, sich unterm Tisch zu verstecken.

Nach einem in nicht geringer Lautstärke geführten kurzen Dialog stellte sich heraus, dass Schüler H. (der mit dem Tennisball) Knallerbsen mitgebracht hatte. Er hatte sie auch gleich fein säuberlich auf dem Boden verteilt und Schüler F. hatte sie wieder eingesammelt und auf Schüler B. geworfen.

Währenddessen versuchte Schüler W. (ja, der W.) der Frau Hilde zu erklären, dass er keine Stimme habe, was aus genau diesem Grund auch nicht so recht klappen wollte. Er kam dann auf die glorreiche Idee, es dem neben ihm sitzenden Schüler S. zuzuflüstern, damit dieser es dann übersetzen könnte. Nun war Schüler S. ja aber gerade damit beschäftigt, einen neuen Rekord im Verlust lebenswichtigen Blutes aufzustellen und mit zwei Tamponaden in den Nasenlöchern übersetzt es sich nicht so gut.

Die Frau Hilde winkte resigniert ab, bat Schülerin K., die Quellen vorzulesen, sammelte in dieser Zeit noch drei Knallerbsen ein, verwarnte Schüler H., der versucht hatte, diese in Schüler W.s Kapuze zu stecken, was jener wiederum mit einem Schrei quittierte, den man vermutlich noch in Burkina Faso gehört hat. Da W. ja aber eigentlich gar keine Stimme hatte, hörte sich das Ganze ungefähr wie der Brunftschrei eines Velociraptors an.

In die nun doch etwas gestrenge Ansprache der Frau Hilde mischten sich W.s Röcheln, zwei weitere detonierende Knallerbsen und K.s Stimme, die tapfer immer weiter las.

Die Frau Hilde war kurz versucht, in den Tisch zu beißen, lächelte dann aber grimmig und setzte den Unterricht fort.

Kurze Zeit später meldete sich Schüler W. und sagte, er bekäme jetzt keine Luft mehr und aber die Frau Hilde solle sich keine Sorgen machen. Fiele er jetzt vom Stuhl, sei er halt tot, aber er gäbe vorher noch Handzeichen.

Schüler S. quiekte, weil ein Blutströpflein seine heilige Wasweißichwiedieblödemarkeheißt-Jeans verunreinigt hatte und hinten in der Ecke knallte es erneut.

Die Frau Hilde sagte einige nicht sehr nette Sachen zu Schüler F., der ganz augenscheinlich der Schuldige war, Schülerin D. jammerte, sie habe da jetzt was abgekriegt und das sei aber auch so gemein, nämlich es sei doch noch ein Tag bis Notenschluss und sie habe doch heute nochmal was für ihre mündliche Note tun wollen.

Die Frau Hilde ließ ein finales Donnerwetter los und beendete dieses just, als es klingelte.

Die Schülerschaft strömte von dannen („Hee, hierbleiben, Stühle hoch!!“), nur Schüler N. drehte sich noch einmal um.

„Frau Hilde? Vermissen Sie uns jetzt immer noch?“

Die Frau Hilde schüttelte müde den Kopf und sagte Schüler N., sie habe nun bloß Mitleid mit Kollege D., der die Klasse übernehmen werde.

Schüler N. nickte nachdenklich und meinte dann:

„Na ja. Vielleicht haben wir Glück und der gibt uns nach einer Stunde wieder an Sie ab.“

Da war die Frau Hilde aber schon gar nicht mehr in der Lage, sich über diesen Satz zu freuen.

Nächste Woche gibt es noch ein Filmchen zum Abschied (die Frau Hilde ist sich noch nicht sicher, welches. Da sie ein großer Sutcliff-Fan ist, hatte sie an den „Adler der Neunten Legion“ gedacht, aber inzwischen einige Kritiken gelesen und erfahren, dass sich der Film nicht gerade an die Buchvorlage hält. Sie wird morgen mal „probeschauen“ und dann entscheiden. Im Zweifelsfall gibt’s eine Straf-Doku) und dann heißt es „adieu, Geschichts-Achters“.

Und die Frau Hilde hat gerade nicht mal ein weinendes Auge deshalb…

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde und wird jetzt sehr intensiv an der Matratze lauschen. Geschichts-Achter, Notenschluss und Tag der offenen Tür in einer Woche, das ist ein bisschen viel für so ne kleine Hilde.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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12 Antworten zu Von Knalltüten und -erbsen

  1. OP-Tisch-Pilotin schreibt:

    ich wär‘ ja für eine richtig blutige, amerikanische rettungsdienstdoku – mit präklinischer thoraktomie und so! 😀

    • frauhilde schreibt:

      Prima Idee.
      Bevor ich das durchführen würde, müsste ich allerdings meinen Fremdwörterduden bemühen. („Du, S., wart kurz mit dem Ableben, ich muss erst schauen, was eine Thorakotomie ist und wie man das macht… Hm… *blätter* Jaja… *les* Soso… *nick* Na gut, ein Skalpell hab ich gerade nicht zur Hand. Hat mir vielleicht jemand eine Knallerbse…?“)

  2. Corinna schreibt:

    Ich wünsch‘ Dir ein erholsames Wochenende! Das hast Du Dir mehr als verdient. 🙂

  3. A. P. Glonn schreibt:

    Ich liebe deine Beschreibungen, frauhilde. Am Ende eines stressigen Tages bringst du mich garantiert zum Lachen. (Sorry, ich weiß ja, dass es für dich auch Stress war, aber immerhin lache ich nicht über dich. ;D) Sag mal, warum schreibst du eigentlich kein Buch darüber? Oder tust du das sogar?

    • frauhilde schreibt:

      Nein, nein, tu ich nicht. Man sollte nur das tun, was man kann. Und das Schreiben von Büchern gehört nicht zu meinem Talentrepertoire. 😉
      Aber es freut mich sehr, dass meine chaotischen Erlebnisse dich zum Lachen bringen. Ich werde es meinen Schülern weitergeben, auf dass sie weiterhin brav Stoff liefern. 😀

    • Kaa schreibt:

      Wofl, du Beherrscher der Technik! Du kannst doch nicht wildfremden Leute solche Flausen in den Kopf setzen! Wo kämen wir denn hin, wenn hier jeder ein Buch schreiben würde? Dann hätten doch all die ernsthaften Literaten gar keine Leser mehr.

      (Sorry, frauhilde, ich konnte einfach nicht an mich halten. Ich geh jetzt schnell Ihre Reime interpretieren … äh … kommentieren.)

      • frauhilde schreibt:

        Jawoll, losloslos! *scheuch* Und das Ganze schriftlich nicht unter einer DIN-A4-Seite. Und Ein-zel-arbeit, Kaa, sonst nehme ich dir das Blatt weg und schreib die Sechs drauf, dass das klar ist!!

        (Und keine Sorge; ich habe nicht vor, ein Buch zu schreiben, ich kann das nämlich nicht und überlass das lieber euch! ;))

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