Willkommen in Absurdistan

Heute waren also endlich die herbeigesehnten und gefürchteten Notenkonferenzen. Und was man da so erfahren hat, das lässt einen den Glauben an die Spezies homo sapiens sapiens mehr als verlieren.

Schülerin O. aus der Zehnten hat sieben Fünfen. Gespräch mit den Eltern verlief so, dass der Vater sämtlichen Lehrern Inkompetenz vorwarf und mit der Bemerkung, jetzt sei ihm klar, dass nur Vollidioten Lehrer würden, auflegte. Das Mädchen kann keinen Satz unfallfrei sprechen, geschweige denn schreiben. Dumme Lehrer, dabei ist es doch hochbegabt, nur die trotteligen Beamten merken das natürlich nicht.

Ein Attest bescheinigte Schülerin O. vor einem Jahr das ungefähre Gegenteil von Hochbegabung, nämlich eine Intelligenzleistung, die ungefähr auf dem Level eines Zwergpudels liegt. Was an sich nichts Schlimmes ist. Nur wenn man sich dann solche Vorwürfe anhören muss, obwohl von allen Seiten versucht wird, das Kind zu fördern, dann langt’s halt auch mal.

Schüler V. von den Geschichts-Achtern ist ein ähnlicher Fall. Allerdings behaupten da die Eltern nicht, er sei hochbegabt. Sie behaupten eigentlich gar nichts, denn sie verstehen kein Deutsch. Der Junge soll aber – mit fünf Fünfen und Rest Vieren – unbedingt auf dem Gymnasium bleiben.

Da fragt man sich, wieso? Was ist so unehrenhaft daran, einen soliden Realschulabschluss und danach eine fundierte Ausbildung zu machen? Warum muss sich der Junge jetzt abquälen, bleibt am Ende des Schuljahres sitzen und darf dann noch die Schmach des „Sitzenbleibers“ erleiden? Weshalb wird nicht geschaut, ob er eine praktische Begabung hat, anstatt dass er sich mit irgendwelchem wissenschaftlichen Schmu rumschlagen muss?

Das genaue Gegenteil wiederum ist der Fall von Schüler P. aus der Neunten. Der ist nicht dumm, vielleicht ein wenig oder auch ein wenig mehr faul. Er wäre aber durchaus in der Lage, das Schuljahr zu schaffen. Nun darf er sich daheim anhören, wie blöd er sei und dass man ihn vom Gymnasium runternehmen und in die Realschule schicken werde, damit er nach der Zehnten eine Ausbildung beginnen könne und Geld heimbringe und somit endlich mal zu was nutze sei.

So etwas macht einen echt traurig. Und dann wundern sich die Eltern, dass der Bub zum Totalverweigerer wird.

Die Klassenkonferenz hat diesmal aber einstimmig beschlossen, keinen Wechsel auf die Realschule zu empfehlen, sondern im Gegenteil den Verbleib auf dem Gymnasium. Ätsche.

 

So. Das war also die Notenkonferenz. Es wurden noch weitaus heftigere Dinge angesprochen, aber über die wird die Frau Hilde dann schreiben, wenn sie ausgestanden sind.

 

Der Tag fing im Übrigen schon montagig an.

Das befürchtete Chaos in Sachen Wetter und Verkehr traf genau so ein. Und während die meisten Schulen im Umkreis und einige in Hildehausen heute ihre Türen gar nicht erst öffneten bzw. nur Kernzeitbetreuung anboten, weil die Busse und Züge nicht fuhren, hatte die Frau-Hilde-Schule Türen und Tore geöffnet.

Dumm halt, dass außer den Lehrern so gut wie niemand kam …

Die Frau Hilde hat zum ersten Mal in ihrem Leben in fünf Stunden Unterricht keine einzige Minute desselben gemacht.

In der ersten Stunde waren von 31 Schülern der 9. Klasse sechs da. Im Raum funktionierte die Heizung nicht so recht und so froren die Frau Hilde und die sechs armen Hascherl 45 Minuten vor sich hin.

In der zweiten Stunde waren dann von 27 Zehnern genau fünfeinhalb da (einer war so erkältet, dass er nicht zählte).

Man begab sich dann ins Musikzimmer und vier tratschten, einer machte den Pianoman und einer starb vor sich hin.

Nach zwanzig Minuten beschloss man, die Bilingual-Kollegin (die Frau Hilde unterrichtet die „normalen“ Geschichtler; Geschichte bilingual wird von einer Kollegin unterrichtet) heimzusuchen zu besuchen.

Die Bilis waren auch nicht viel mehr, und so beschäftigte man sich mit Hausaufgaben abschreiben machen und Dinge klären, die man schon immer mal klären wollte.

In der nächsten Stunde hatte die Frau Hilde wieder eine erfreuliche Freistunde, die aus notenkonferenzigen Gründen aber nicht im Zweitwohnsitz, sondern vor dem Kopierer, im Sekretariat und wieder vor dem Kopierer verbracht wurde.

Danach kamen die Geschichts-Achter, die heute wieder ungenießbar waren. Da waren von 28 immerhin elf da. Und die Frau Hilde hat einen Film eingeschoben, Schüler N. rausgeschmissen, weil dauerstörend, und dann den Dingen ihren Lauf gelassen.

Und schließlich waren noch die Chaotenzwölfer dran. Von denen hatten es von 18 Schülern sage und schreibe fünf geschafft. Schüler H., der genau gegenüber der Schule wohnt, übrigens nicht. Aber laut Schüler B. lag er seit dem Wochenende im Suffkoma. Tja. Shit happens. Unentschuldigter Fehltag …

Von den fünf Zwölfern haute einer gleich wieder ab, zwei kurz darauf. Die drei restlichen Schüler schmissen zunächst eine DVD ein („Full Metal Jacket“, damit das unterirdische Niveau des Kurses gewährleistet blieb …), beschlossen dann aber nach ein paar Minuten, dass das langweilig sei, und so begaben sich die Frau Hilde und ihre drei Aufrechten zur Lieblingskollegin O., um deren Unterricht zu sabotieren besuchen. Lieblingskollegin O. war nämlich mit den Puschels, von denen auch mehr als die Hälfte fehlte, im Raum schräg gegenüber. Und freute sich sehr über die Unterbrechung. Nämlich die Puschels waren wegen des Wetters außer Rand und Band und mussten (schreiend natürlich, sonst hört das ja keiner!) den Aggregatzustand jeder einzelnen Schneeflocke beschreiben, die ihnen im Laufe des Tages begegnet war.

Irgendwann hatte die Klingel Erbarmen (wegen der Notenkonferenz war die 5. Stunde eine Kurzstunde) und Puschels und Chaoten suchten das Weite und Lieblingskollegin O. und die Frau Hilde den Raum, in dem die Konferenzen waren.

Womit die Frau Hilde irgendwie elegant den Bogen zum Beginn ihres Postings geschlagen hätte und nun endlich mal Unterricht vorbereitet.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde. Übrigens ist morgen ähnliches Wetter vorhergesagt. Jubel, Freude, Heiterkeit.

 

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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38 Antworten zu Willkommen in Absurdistan

  1. diewiderspenstige schreibt:

    „montagig“ – ich glaub, dass wird mein neues Lieblingswort 😉

    Krass, dass bei dir so wenige Schüler da waren, muss ja ein richtiges Chaos sein. Bei uns geht es leider schon wieder, liegt zwar viel Schnee, aber die Busse schleichen mit beständigen 10km/h Richtung Schule. Leider.

  2. Corinna schreibt:

    Zu meiner Zeit gab es nie schulfrei wegen Schneechaos. *nörgel* Es gabe auch so direkt kein Schneechaos – jedenfalls keines, an das ich mich erinnern würde. Das letzte muss wohl so um 1978 gewesen sein. Da war ich geistig noch nicht anwesend.

    • frauhilde schreibt:

      Gab’s nicht auch Anfang der 80-er (82?) einen sehr schneereichen Winter? Zumindest hatte es in meiner Erinnerung früher mehr Schnee. Aber da war ja auch mehr Lametta. 😉

      Schneefrei gibt’s hier nur, weil das Einzugsgebiet recht groß ist und die Schüler zum Teil 25, 30 km weit weg wohnen und auf die Busse angewiesen sind. Und wenn es im Pfälzer Wald schneit, dann kann da kein Bus mehr fahren.

      • teacheridoo schreibt:

        *hüstel* Also ich entsinne mich, anno dazumal, im tiefen Westerwald und verschneit war er obendrein (und richtig verschneit, nicht so lächerliche 2 Zentimeterchen, wie hier im Norden), als der Bus uns 5 km von der Schule entfernt absetzen musste, weil es zu riskant war, den verschneiten Berg (eine Riesenkurve, zudem sehr abschüssig) hinunter zu fahren.
        Den Rest samma dann gelaufen. >.>
        Von wegen, Schulausfall, und so. Nur noch Lappen, die Jugend von heute. (Spaß! Ich gönn’s ihnen. :-))

        • frauhilde schreibt:

          Jaaaa, damals, da waren die Schüler halt noch echte Kerle! Und wenn die drei Programme im Fernseher nichts mehr hergaben, dann haben wir unser Raider geschnappt und unseren Scout-Schulranzen und sind die dreißig Kilometer in die Schule gelaufen. Merkt man, dass ich gerade „Generation Golf“ lese? 😉

          • teacheridoo schreibt:

            Drei Programme??? *kreisch* Also wir damals, wir hatten ja nix, ne? *Krückstock schwenk*

            Ich habe es noch nicht gelesen. Ist es empfehlenswert?

            • frauhilde schreibt:

              Also, WIR hatten einen Schwarzweißfernseher mit DREI Programmen. *angeb* Na ja, als ich so drei, vier war zumindest. Und da kam das Sandmännchen. Und das war toll. Piggeldy und Frederick oder wie immer das geschrieben wird. Gab’s des bei euch nicht?

              Na ja, mäßig. Bin ungefähr bei der Hälfte. Es weckt ein paar nette Erinnerungen. Ist aber insgesamt so zusammenhangslos verbastelt, dass ich keinen roten Faden finde. Ich sag’s dir, wenn ich fertig bin, ja?

  3. cidrin schreibt:

    Offizier: „Marine was haben sie da an ihrer Weste?“ Joker: „Sir, ein Friedensymbol Sir!“ Offizier: „Sie schreiben born to kill auf ihrem Helm und tragen ein Friedenssymbol? Soll das etwa witzig sein?“ Joker: „Ich weiss nicht Sir!“ Offizier: „Sie wissen nicht gerade viel oder?“ Joker: „Sir, nein, sir!“ Offizier: Dann holen Sie jetzt mal ganz schnell ihrem Kopf aus dem Arsch oder sie kommen vors Kriegsgericht!“ Joker: „Sir, ich wollte etwas über die Dualität des Menschen sagen!“ Offizier: „Über die WAAAS?“ Joker: „Über die Dualität des Menschen, das Ding von Jung“

    Insofern muss ich schon alleine aus Gründen der psychotherapeutischen Berufsehre eine Lanze für Ihre Zwölfer und deren Filmgeschmack brechen. Obwohl, sie haben full metal jacket ja nicht bis zum Ende angeschaut. Die Zwölfer sind auch nicht mehr das was sie mal waren. O mei.

    • frauhilde schreibt:

      Ich möchte Ihnen ungern die Illusion nehmen, aber ich fürchte, der Hauptgrund, diesen Film zu schauen, war laut Schüler H., dass da „viel Blut spritzt“. 😉
      Wenn es um Inhalte geht, schau ich so etwas lieber mit den Geschichts-Dreizehnern. Da kann man wunderbar über Themen wie RAF, Vietnamkrieg usw. diskutieren. Und man hat nicht dauernd das dumme Gefühl, man sei das alleinige Überbleibsel der Antiatomkraft- bzw. Friedensbewegung.

      • cidrin schreibt:

        Dreizehner? Und was ist mit g8?

        • frauhilde schreibt:

          Rheinland-Pfalz hat G 8 1/2, d.h. die Schüler machen im Januar in 13.1 ihr schriftliches und im März das mündliche Abi, damit sie im April zum Sommersemester mit dem Studium beginnen können. Sollte laut Grundidee das inflationäre Einschreiben zum Beginn des Wintersemesters entzerren.

  4. sunshinemuffin schreibt:

    Puschel und Hascherl ♥

  5. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Ich kann nur wiederholen, was ich beim Frl. Krise schon geschrieben hab: Respekt vor allen, die das tagtäglich mitmachen und sich dann noch den Schwarzen Peter zuschieben lassen müssen!

    Herzlichst
    Marie

  6. fraubutterbrot schreibt:

    Hach ja, Konferenzen haben schon manchmal so etwas Morbides an sich…
    Mein Lieblingswort: Hascherl 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Oh ja.
      Aber von den profilierungssüchtigen Kollegen („Also, bei MIR macht er das nie! Ich weiß gar nicht, wieso ihr ein Problem mit der Klasse habt!“) mal abgesehen, ist es sehr beruhigend, nicht der einzige Lehrer zu sein, bei dem die Dinge einfach nicht so klappen wollen, wie im Ref gelernt. So was kommt meist erst bei Konferenzen raus.

  7. teacheridoo schreibt:

    Frau Hilde, Ihr Artikel hat mich so zum Lachen gebracht. 😀 Danke dafür.
    Leider musste ich auch über den weniger intelligenten Zwergpudel lachen. Dabei ist es ja eigentlich traurig. ;-/
    …aber da gab es _noch_ heftigere Dinge?! Weia…

    …ach, ich möcht auch endlich Puschel und Hascherl haben und mit denen „Full Metal Jacket“ schauen. *Kopf aufstütz und seufz*

    • frauhilde schreibt:

      Nimmer lang. *tröst*
      Dann kannst du „Full Metal Jacket“ schauen, deinen Hintern auf Konferenzen plattsitzen und vielleicht endlich die ultimative Antwort auf die Frage „WARUM MÜSSEN WIR DAS JETZT MACHEN? DAS BRAUCHEN WIE NIIIIEEEE WIEDER!!“ finden … 😉

      • diewiderspenstige schreibt:

        die Antwort: „WIR SIND EIN ALLGEMEINBILDENDES GYMNASIUM!!!“… so heißt es zumindest bei uns immer. Was auch lustig ist, wenn die Lehrer die Fächer der anderen Kollegen schlecht machen; „Musik? Hah, unnötig!!“

  8. Theni schreibt:

    Moah, bei uns löst das Wetter leider nie so ein Chaos aus 😀 Etwa eine halbe Stunde nach Unterrichtsbeginn sind dann doch alle Zimmer wieder einigermaßen gefüllt, auch wenn beim Klingeln manchmal nur zwei oder drei Schüler da sind… Und die lustigste Überraschung ist ja immer, wenn nachmittags die Busse nicht mehr den Berg hoch fahren (= nach etwa vier Stationen umdrehen und damit eigentlich alle Schüle heim laufen müssen). ^^

  9. ullli23 schreibt:

    Wie? Suffkoma gilt als unentschuldigt? 😉

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