Von kleinen Gangstas und sonstigem Gedöns

So.

Ja, sie lebt noch … 😉

Am Freitag war er nun also: der Elternsprechtag. Ihm ging ein mehr oder weniger normaler Schultag voraus; kleines Quizzchen mit den Dreizehnern, ein paar Satzglieder mit den Puschels, ein bisschen ge-kaltkriegt mit den Zehnern und die Welt der Lyrik mit den Achtern unsicher gemacht. Wobei Teile der Stunde dafür draufgingen, mal wieder das Verhalten besagter Achter anzusprechen, weil die inzwischen so pubertierend sind, dass sich die Frau Hilde manchmal schon gar nicht mehr ins Lehrerzimmer traut, wegen weil da die Kollegen immer gleich kommen und sich über die Klasse beschweren. Es ist nicht so schlimm wie beim Kollegen der Parallelklasse (der Klassenlehrer der Geschichts-Achter), aber nervig genug.

Der Frau Hilde ihre Achter wiederum behaupteten, das läge nur an den Lehrern, nämlich sie seien gar nicht so und alle Lehrer seien voll gemein und hätten was gegen sie und aber dabei hätten sie doch nur ein bisschen geredet im Unterricht und vielleicht auch ein bisschen mehr und aber gar nicht so laut, vielleicht ein bisschen laut, aber nicht SO laut, undsoweiterundsofort.

Nachdem man sich auf wieder mal nichts geeinigt hatte, tapperten die Frau Sabi und die Frau Hilde in den Zweitwohnsitz und gönnten sich die üblichen Kaffeeorgien (Milchkaffee und Sojamilchkaffee) und wegen des langen Nachmittags noch Bratkartoffeln und Salat. Allerdings stellten sie fest, dass der Zweitwohnsitz in Sachen Kaffee zwar unschlagbar ist, in mittagessenstechnischen Angelegenheiten aber ein wenig suboptimal.

Nun gut.

Um 16 Uhr ging es dann los. Und zwar mit der nervigsten aller denkbaren Mütter. Der Bub ist ein markengeiles, dauerstörendes, unangenehmes Wesen. Nach Ansicht der Mutter ist er ein Rauschegoldengel, der niemalsnieneverevernicht etwas anstellt. Und überhaupt wird er von den bösartigen Klassenkameraden nur gezwungen. Eigentlich ist er total helle (Frau Hilde: *Hustenanfall vortäusch*) und weder die Klassenkameraden noch die Lehrer erkennen das an. Am Schlimmsten ist sowieso die Lateinlehrerin, die mag ihn nämlich nicht und nur weil er EIN mal die Hausaufgaben nicht hatte (Anm. d. Fr.H.: Die Kollegin schreibt alle zwei Wochen einen Elternbrief wegen vergessener HA, nicht mitgebrachter Arbeitsmaterialien usw.) gibt die ihm doch tatsächlich die Sechs, und am ALLERschlimmsten ist sowieso die Englischlehrerin, die mag ihn nämlich nicht und nur weil er EIN mal die Hausaufgaben nicht hatte … (denkt euch den Rest.)

Von den anberaumten zehn Minuten pro Elterngespräch beanspruchte Madame geschlagene dreißig. Was wiederum bedeutete, dass die nachfolgenden Eltern draußen saßen und Däumchen drehten.

Nach Miss Übermutter kam dann der kleine Gangsta. Der kleine Gansta ist ein Ausbund an Coolness. Hausaufgaben? Für Weicheier. Aufpassen? Dasja voll schwul. Höflichkeit/ Respekt gegenüber den Lehrpersonen? Er ist GANGSTA, Mann!

Etwas überrascht registrierte die Frau Hilde, dass die Mutter des kleinen Gangstas eine taffe, total nette Mitvierzigerin war, die mit energischen Schritten den Raum betrat.

Drei Schritte hinter ihr trappelte schlich der kleine Gangsta. Er war ein sehr, sehr kleiner Gangsta.

Ja, wie es denn beim kleinen Gangsta aussehe, wollte die Mama wissen. Sie wisse schon, dass er’s faustdick hinter den Ohren hätte.

Der kleine Gangsta kicherte nervös und sank ein wenig in seinem Stuhl zusammen.

Nun ja, meinte die Frau Hilde, die mündliche Beteiligung sei wieder etwas besser geworden, aber die Unterrichtsstörungen seien nach wie vor ein Problem, vor allem sein Verhalten gegenüber weiblichen Lehrkräften.

Der kleine Gangsta holte tief Luft; die Mama hob eine Augenbraue und er wurde womöglich noch kleiner.

Es sei halt auch so gewesen, ergänzte die Frau Hilde, dass der letzte Test bei einem Gesamtschnitt von 2,1 mit einer 5- nicht gerade positiv ausgefallen sei.

Von dem Test habe sie ja noch nichts gehört, meinte die Mama verwundert, und der kleine Gangsta versuchte, mit dem Stuhl, auf dem er saß, zu verschmelzen.

Die Mama nickte und sagte, so langsam werde ihr einiges klar. Sie müsse nun wohl mal ein ernstes Gespräch mit dem kleinen Gangsta führen. Wenn er denn wirklich so frech sei …

Selbigwelcher wurde blass.

Die Frau Hilde lächelte deeskalierend und sagte, nein, so schlimm sei das ja nicht, er sei halt bei ein paar Kollegen –

„Der P., der hat bestimmt das gesagt!“, wachte der kleine Gangsta plötzlich auf. „Der mag misch nisch, der macht misch immer fertig!“

„Dann gehen wir jetzt zum Herrn P. und klären das, ja?“, meinte die Mama. Um sofort vom Geschrei des kleinen Gangstas unterbrochen zu werden.

„Nein, da geh isch nisch hin, der mag misch nisch!“

„Fünf Minuten, ja?“, sagte die Frau Hilde aufmunternd.

„NEIN!“ Die nackte Panik stand in des kleinen Gangstas Gesicht geschrieben.

Ein weiteres Augenbrauenlüpfen der Mama und der kleine Gangsta stand willenlos auf.

„Aber nur fünf Minuten“, piepste er.

Exit Mama.

Und drei Schritte dahinter ein ganz, ganz, ganz kleiner Gangsta.

Die Frau Hilde würde lügen, wenn sie behaupten würde, es hätte ihr nicht irgendwie leichtes Vergnügen bereitet, den Abgang zu beobachten …

Danach lief eigentlich alles wie geschmiert. Nette Eltern, problemlose Sprösslinge. Nur lang dauerte es, sehr lang.

Irgendwann so gegen 19 Uhr öffnete sich die Tür und Kollege M. kam herein, stürzte sich auf die von der Frau Hilde für die Eltern bereit gelegten Ferrero Küsschen und die zwei beiden begannen eine kleine Lästerrunde einen konstruktiven Austausch über den Nachmittag.

Zu ihnen gesellte sich dann noch Kollegin S. und es ergab sich folgender Dialog:

S. (Raum enter): „Frau Hilde!“

Frau Hilde: *?*

S.: „Ich wollte mal fragen, wie sich mein Sohn bei Ihnen in der 8f (den Geschichts-Achtern) macht.“

Frau Hilde: *dümmster Gesichtsausdruck ever* *denk* *denk* *denk* „Äh … S.? Seit wann sind wir denn per Sie? Und die 8f hab ich doch abgeg-?“

S., M.: *gacker*

Frau Hilde: „Tut mir leid, ich steh grad voll aufm Schlauch. Du hast nen Sohn in der 8f?“

S.: *laut lach*

M.: „Guten Moooorgen!“

Frau Hilde: „Äh … verarscht ihr mich grad?“

S., M.: *lach* *nick*

Frau Hilde: „Ihr seid SO fies! Ich hab seit um vier Elterngespräche, ich bin ja schon froh, wenn ich meinen Namen noch geradeaus sagen kann! Und Frau S., Ihr Sohn macht mir ganz große Probleme – Drogen, Sex, kriminell, das ganze Programm. Ich denke, da sollte man ganz dringend mit dem Schulpsychologen reden.“ *Zunge rausstreck*

Ja. Und dann hat die Frau Hilde ihr Täschelein gepackt und Lieblingskollegin O. gekrallt und man fuhr von dannen.

Und eigentlich wollte die Frau Hilde ja gestern und so, aber sie hat sich am Donnerstag ein Schnüpflein geholt und das ist gestern ausgebrochen und die Frau Hilde hat den Sams- und den Sonntag über im Heiabett verbracht.

Bo-bo-borowski und all das. Schnieft die Frau Hilde und eiert wieder ins Bettchen.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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28 Antworten zu Von kleinen Gangstas und sonstigem Gedöns

  1. michael schreibt:

    Der arme kleine Gangsta kuscht, wenn Mami nur die Augenbraue hebt ? Der ist ja wohl gleich nach der Geburt in den verschärften Strafvollzug gekommen. >:)

  2. Corinna schreibt:

    Ich wünsch‘ Dir gute Besserung mit Deinem Schnupfen!

    Bei einer so führungsstarken Mutter dürfte allerdings klar sein, warum der kleine Gangsta sich so rebellisch gegenüber Frauen verhält. 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Danke. *Mitleid erregend guck* 😉

      Ja, nee, mag sein, aber ich find sein Verhalten trotzdem doof. Und in dem Fall würde ich die Schuld gar nicht mal bei der Mama suchen wollen, die war nämlich wirklich, wirklich toll.

  3. Muhahaha tschuldigung Frau Hilde, aber so geschiet es dem kleinen Gangsta. Ich wäre gerne Mäuschen gewesen 🙂

  4. Hihihi, Ihre Kollegen sind ja mal cool! Aber ich glaube, ich wäre genauso irritiert gewesen wie Sie… 🙂
    Sehr schön geschrieben, Frau Hilde, Daumen hoch – nach so Geschichten freut man sich wirklich auf’s Lehrersein! 😉

  5. Stefan K. schreibt:

    Ich bin gespannt auf den nächsten bericht vom kleinen Gangsta im Unterricht… 😉

  6. diewiderspenstige schreibt:

    was bin ich mal wieder froh, dass es so einen Elternsprechtag nicht an unserer Schule gibt. Was da so alles ans Licht kommt, hihi ,-)

    Und der arme arme kleine (Möchtegern-)GANGSTA – war doch nur ein kleiner böser Test, Mensch Frau Hilde, den hättest du jetzt echt nicht erwähnen müssen! 😀

  7. fraukrokodil schreibt:

    Oh Mann. Da scheinen ja voll die Gemeinlinge im Kollegium rumzulaufen.

    Die, die armen Kindlein nicht mögen, nur weil die ein Mal die Hausaufgaben vergessen oder ein bisschen, aber bestimmt ganz leise, reden…

    Meine erzählen auch immer, dass die Lehrer an ihren Schulen sie nicht leiden konnten.
    Na, wenn es da heutzutage soooo streng zu geht, versteh`ich das auch mal. 😉

    • frauhilde schreibt:

      Ja, gell? SO fies sind die!
      Und überhaupt, man wird ohnehin nur Lehrer, wenn man eine angeborene sadistische Ader hat, Kinder nicht mag und sich somit nach Herzenslust austoben kann, isjakla! 😉

  8. giftigeblonde schreibt:

    Du zauberst mir ein Lächeln ins Gesicht, als ob ich dabei gewesen wäre, wobei ich kann das Gebahren des Gangstas schon verstehen…irgendwie, vielleicht ist die Mama etwas dominant? hüstel.

    Wann bitte kommt der nächste Elternsprechtag?

    • frauhilde schreibt:

      Neeiin! Wirklich, die Mama war eine GANZ Nette. *Lanze brech*

      Iek, danke, für die nächste Zeit reicht das mal wieder mit Elternsprechtagen! Genauer: Die sind immer kurz nach den Halbjahreszeugnissen. Im restlichen Schuljahr macht man die Termine direkt aus.

      • giftigeblonde schreibt:

        Tatsächlich, nach den Halbjahreszeugnissen? Bei uns so ca. 1 Monat davor, und ich bin wirklich äußerst dankbar dass ich nie wieder zu einem muss.
        Wenn ich da an eine Lehrerin meiner Kleinen denke in der Volksschule (Grundschule bei euch) wird mir heute noch übel..pfff

        Die Mama ist sicher nett, dominant und nett schließt sich ja nicht aus. *grins*

  9. giftigeblonde schreibt:

    Mail ist unterwegs!

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