Ach, wärst du ein Schweiger, Til!

Die Frau Hilde weiß gar nicht mehr, wann es angefangen hat. Irgendwann während des Studiums vermutlich.

Erst passierte es nur hin und wieder.

Dann immer öfter.

Und schließlich wusste der gesamte Freundes- und Bekanntenkreis, dass man die Frau Hilde sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr tunlichst nicht anrufen sollte, wenn man nicht mit einem knappen „Kannste später anrufen? Ich guck Tatort!“ abgefertigt werden wollte.

Idealerweise schloss sich an den Tatort noch ein Krimi im ZDF an, ganz idealerweise handelte es sich dabei um Kommissar Beck.

Dann war der Sonntag gerettet und man glitt mit einem wohligen Wochenendabschlussgefühl in die sonntägliche Nachtruhe.

Dieses Ritual hatte einige Jahre Bestand.

Die Frau Hilde schaute sich nicht jeden Tatort an, aber die meisten.

Irgendwann dann stellte sie fest, dass etwas anders wurde. Ob es nun daran lag, dass inflationär neue Teams „auf den Markt“ geworfen wurden, oder daran, dass die Plots immer vorhersehbarer wurden: Der Tatort machte irgendwie nicht mehr so viel Spaß wie früher. Man denke nur an den ersten neuen Saarbrücken-Tatort, bei dem die Frau Hilde neunzig Minuten lang mit einem (Pardon!) WTF-Gesichtsausdruck vorm Fernseher saß.

Die Frau Hilde schaute inzwischen nicht mehr blind drauflos, sondern steckte vorher das Näschen in die Fernsehzeitung bzw. den Videotext und überlegte dann, ob sie sich das antun wollte.

Viele Teams waren nicht mehr übrig, die sich die Frau Hilde gerne anschaute: Da waren Ludwigshafen (hauptsächlich aus lokalpatriotischen Gründen; die Geschichten waren und sind nicht immer gut, findet die Frau Hilde), Konstanz, Köln, Münster (die Frau Hilde hat festgestellt, dass die Haltung der Tatortschauer zu Münster sehr ambivalent sind; entweder man hasst oder man liebt Thiel/Börne. Die Frau Hilde liebt sie, kann aber verstehen, dass sich so mancher Tatortfan ein bisschen verarscht veräppelt fühlt bei den Plots. Wobei die nicht immer nur clownesk sind, die Frau Hilde erinnert da mal an „Tempelräuber“, einen sehr eindrücklichen Tatort zum Thema Zölibat), manchmal Berlin und manchmal München und selten Bremen.

Leider ist ja der Herr Bienzle in Rente gegangen (und hat ENDLICH der Hannelore einen Antrag gemacht, das war ja nicht mehr auszuhalten!). Seine Nachfolger waren eher von der Draufklopp-und-Autos-mit-quietschenden-Reifen-um-Ecken-jag-Fraktion, da steht die Frau Hilde nicht so drauf.

Es gibt auch Teams, mit denen die Frau Hilde genau gar nichts anfangen kann bzw. konnte. Frau Furtwängler ist so ein Fall. Oder auch das Leipziger Team. Hamburg ebenso.

Ja. Und dann das: Seit Monaten geht ein Gespenst um in Europa (ups, ‚tschuldigung, falscher Fachbereich!). ER soll einen Tatortkommissar spielen. Der Mann, der nuschelte.

Dessen schauspielerische Fähigkeiten sich irgendwo zwischen Manta, Manta und 1 1/2 Ritter bewegen. Über die sprecherischen wollen wir mal besser nicht reden, da wäre jedes genuschelte Wort zu viel.

Und der Herr Schweiger, der wollte ja nicht nur einen Kommissar spielen, der wollte gleich den ganzen Tatort revolutiondingsen.

Die Titelmelodie war ihm zu langweilig, das Ganze hatte ihm zu wenig Action, kurz: Der Schweiger nölte.

Und natürlich war klar: Jetzt, wo ER kommt, wird alles besser. So eine Art tatortischer Heilsbringer also.

Nun gut. Oder auch nicht.

Viele eingefleischte Tatortgucker, die Frau Hilde inklusive, waren ein klitzegrößeres bisschen fassungslos. Kommt der da einfach her und tritt das Sonntagabend-Schlachtross in den Popo. Ja, geht’s noch?

Die Frau Hilde schnob Rache (sorry für dummes Wortspiel!) und beschloss, dem Herrn Schweiger keine Chance zu geben (ha! Dem hatte sie’s gezeigt!).

Natürlich kam es dann anders, als die Frau Hilde dachte, und deshalb dachte die Frau Hilde um und beschloss, wenigstens mal kurz reinzuschauen, da am letzten Sonntag. Sie hatte ohnehin noch eine HÜ (das wird nicht besser mit den blöden Wortwitzen …) zu korrigieren.

Ja. Und dann … begann es. Die Titelmelodie war kaum gespielt, da lagen schon drei Leichen rum, von Tschweiger höchstselbst ins Nirwana befördert.

Hm, dachte sich die Frau Hilde und malte ein großes „F“ in die erste HÜ.

Zehn Minuten später waren der Frau Hilde verschiedene Dinge klar:

Erstens: Wenn du denkst, schlimmer geht’s nicht mehr, kommt von irgendwo ein Tschweiger her.

Zweitens: Die Frau Hilde ist offensichtlich zu doof gewesen, den hochkomplexen Plot zu kapieren.

Drittens: Eine Viertelstunde Tschweiger-Tatort führt zu unkontrollierbaren Aggressionen, die man besser nicht beim Korrigieren von Geschichtstests ausleben sollte.

Viertens: Der einzige Lichtblick in diesem Grauen war der berollstuhlte Mitspieler. Der war lustig.

Fünftens: Sic transit gloria tatorti. Ähm. Oder so.

Sechstens: Lieber Herr Tschweiger, drehen Sie doch bitte mal wieder eine Folge von Keinohrmanta oder wie das hieß. Nur bitte, bitte, bitte, bitte tun Sie uns NIE WIEDER einen Tschiller-Tatort an!!

Es dankt: Eine kleine Frau im großen Südpfälzisch-Sibirien.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde, die gerade festgestellt hat, dass am Sonntag ein Leipzig-Tatort kommt. Na ja. Im Vergleich zu Tschiller kann der ja nur gut abschneiden …

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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27 Antworten zu Ach, wärst du ein Schweiger, Til!

  1. giftigeblonde schreibt:

    Der Titel ist genial gggggg, ich hab nur nebenbei zugehört, und daher gsd eh alles versäumt.
    Aber Tatort guck ich eh sowieso nicht.
    Hoffentlich sind die Hü’s nicht zu streng benotet worden von dir 😉
    Schönes Wochenende!

  2. diewiderspenstige schreibt:

    „sic transit gloria tatorti“ hihihiii 🙂 Das hast du aber schön gesagt, fast so gut wie die Überschrift 😀

    Musst mal in Kokowääh 2, da schweigt der Til zwar auch nicht, aber gerade deshalb mag ich den Film (okay, er hat ´ne komische Stimme, aber…)

  3. A. P. Glonn schreibt:

    Also, ich mochte genau einen Film mit dem Herrn Schweiger. Da spielte er in Replacement Killers einen dieser Killer und tat uns Zuschauern den Gefallen, nicht nur die Klappe zu halten, sondern auch gleich in den ersten zehn Minuten (oder so) gleichzeitig nach Knarre und Löffel zu greifen. Fand ich toll, diesen Film mit dem Til kann ich nur empfehlen. 😀 Den Tatort habe ich mir nicht getraut anzuschauen, aber wenn ihr alle so begeistert seid, muss ich vielleicht doch mal nach einem Livestream Ausschau halten.
    Ein schönes Wochenende noch!

    • frauhilde schreibt:

      Somit mochtest du ungefähr so viele Tschweiger-Filme wie ich. 😉

      Hm, ich hoffe, du meintest das „begeistert“ ironisch. Ich kann den nämlich genau gar nicht empfehlen. Andererseits ist das vielleicht wie mit den Schundblättchen beim Friseur/ im Wartezimmer. Nach anderthalb Stunden verzweifelten Vorsichhinstarrens greift man in seiner Verzweiflung doch danach.
      In diesem Sinne: Viel Tschpaß mit dem Tschweiger und dir auch ein schönes Wochenende! (By the way: Ich hab mal geguckt; bei der antiken Kriegerin mit ohne e bekommt man dein Buch noch nicht. Kann man das dann direkt über den Verlag ordern?)

  4. Genial, mehr kann ich dazu nicht sagen. Der kleine Paul schaut auch Tatort, aber nur die aus Münster, Ludwigshafen und seit neuestem den auch aus München. Das ist genau so Ritual wie Aktenzeichen XY zu schaun 🙂 Was den Schweiger angeht, mein LieblingsTatort wird er nicht.

    Mal andere Frage Frau Hilde, wieso sind Sie nicht bei Twitter?

    • frauhilde schreibt:

      Ah, der kleine Paul hat einen guten Tatort-Geschmack. 😉

      Hm, twittern? Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich Interessantes schreiben sollte. „Sitze gerade mit Gammeljogginghose am Küchentisch und korrigiere“ – das haut einen glaub nicht grad vom Stuhl. Und so viele spannende Dinge passieren einfach nicht bzw. ich fasse die halt dann zu einem Blogeintrag zusammen. Twitterst du?

  5. meineschreibblockadeundich schreibt:

    *gg* Sehr schöne Zusammenfassung, liebe Frau Hilde :)! Abgesehen von Frau Furtwängler und Münster (da konnte ich über genau EINE Folge lachen), scheinen wir eine recht ähnlichen Tatort-Geschmack zu haben. Mit den neuen aus Saarbrücken ging es mir genau wie dir. Da bin ich immer noch fassungslos, wenn ich dran denke.
    Was den bösen, bösen letzten Tatort betrifft – den Plot, den du gesucht hast, den gab’s nicht ;). Das war Hau-Drauf-Action-Kino-mit-ohne-Plot. Und den Kollegen im Rollstuhl, bzw. die Szene mit dem, fand ich richtig nett.

    Und jetzt muss ich mich mental wappnen. Hier steht nämlich noch ein Korb mit Bügelwäsche, die wird traditionell am Sonntagabend verarbeitet. Und dazu gibt’s heute Frau Guck-mal-wie-weit-man-Lippen-aufspritzen-kann-ohne-dass-sie-platzen. Die mag ich zwar nicht, aber der Vater-meiner-Kinder. Und DEN wiederum mag ich. Drum schau ich auch Leipzig. *seufz*

    • meineschreibblockadeundich schreibt:

      Oh Mann, wie peinlich! Ich seh‘ gerade, dass der Kommentar vor Fehlern wimmelt wie das letzte Puschel-Diktat :(. Wenn du da vielleicht den einen oder anderen verbessern oder anstreichen oder ignorieren magst … *räusper*

      • frauhilde schreibt:

        *umschau* *flüster* Das macht gar nix, gar, gar nix!!
        Mir passiert es oft genug, dass ich einen Beitrag schreibe, poste und dann noch mal durchlese und ganz, ganz schnell noch den einen oder anderen Fehler beheben muss (wenn ich die denn überhaupt sehe, manchmal bin ich da sehr „großzügig“ im Übersehen …). 😉
        Hier darf man Fehler machen. Jawoll.

    • frauhilde schreibt:

      Danke für den Hinweis auf den fehlenden Plot. Es lag also doch nicht an fortschreitender Korrigiereritis, dass ich den nicht gefunden habe. 😉

      Beim Tatort bügeln finde ich prinzipiell eine ziemlich gute Idee; ich nutze ihn meist, um letzte Hand an Unterrichtsvorbereitung zu legen bzw. zu korrigieren. Das geht auch ganz prima.
      Und du hast mein Mitleid, dass du dir jetzt die Frau T. anschauen musst. Die mag ich nämlich auch nicht. Aber ich finde es löblich, dass du dir das aus Solidarität mit dem Vater-deiner-Kinder antust! 🙂

      • meineschreibblockadeundich schreibt:

        Für den Vater-meiner-Kinder tue ich fast alles ;)!

        Was die Fehler in Texten betrifft, freut es mich (ja, doch, tut mir leid!), dass es dir genauso geht. Irgendwie sieht man Fehler in anderer Leute Texten viel leichter als in eigenen, oder? Für Lehrer ist das ja sehr praktisch, aber für Autoren ….

        • frauhilde schreibt:

          Ja, genau so ist es. Mit den eigenen/ fremden Fehlern ist es wie beim Wer-wird-Millionär-Gucken: Vorm Fernseher weiß ich auch immer alles … 😉
          Liest das jemand Korrektur bei dir?

          • meineschreibblockadeundich schreibt:

            Erstmal ich x-mal, danach sind ein bis mehrere Lektoren dran. Meistens finde ich trotzdem noch was, sobald ein Buch dann tatsächlich erschienen ist :(. Geht aber nicht nur mir so. – Zum Glück.

            Herzlichst
            Marie
            die auf der Couch auch schon zig-mal Millionär geworden wäe

            • frauhilde schreibt:

              Couchmillionär ist auch was Feines; es gibt einem so ein befriedigendes Gefühl, wenn man sich wieder mal bewiesen hat, wie toll man eigentlich ist (auch wenn man mit dieser Meinung ein wenig allein ist *g*).
              Bisher habe ich in den Büchern, die ich gelesen habe, nicht sehr viele Fehler gefunden; manchmal fragt man sich dann aber doch, wie so was in Druck gehen konnte.

  6. evelyne w. schreibt:

    ich bin jemand, der nur fernsieht, wenn ich bügelprogramm habe. und das sind auch nur ganz wenige tatorte. da ich eine neue maschine erst wasche, wenn ich die alte weggebügelt habe, geht sich ein ganzer tatort meistens nur selten aus.
    und käme in meinem leben nie auf die idee, über fernsehprogramme zu schreiben. aber ich habe mich jetzt köstlich amüsiert!
    und wenns darum geht, über den „schönen“ till abzulästern, da bin ich sowieso dabei.
    an diesem sonntag hab ich mich jedenfalls vorsätzlich und erfolgreich dagegen verwehrt, auch nur in die nähe meines bügeleisens zu gelangen. ich wollte kein noch so miniminiminiquotenbringer sein.
    und wenn ich das so lese, war es wirklich viel besser, am montag bei assinger (ist unser österreichischer millionen-jauch) abzubügeln …

    lieben gruß
    lintschi

  7. handvolldackel schreibt:

    Der einzige Schweiger-Film, den ich bisher mochte, war „Knockin‘ on Heaven’s Door“ (http://www.imdb.com/title/tt0119472/). Tarantino mag den auch. Ansonsten muss die Freiberuflerin zu Tatortzeiten entweder arbeiten oder mit dem Hund raus, der Dackel ist auch nicht so für Krimis. Wenn ich Downton Abbey schauen will, jag ich allerdings den Gemahl raus 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Also, da mochte ich vor allem Jan Josef Liefers. Schweiger war halt … dabei.

      Das ist aber nicht nett vom Dackel. Oder möchte er dich vor den Niederungen deutscher Fernseh(un)kultur schützen? Das wiederum wäre sehr selbstlos!

  8. frauhilde schreibt:

    Herr Hauptschulblues, wordpress hat gerade Ihren Kommentar zerschossen. Zumindest kann ich ihn, nachdem ich ihn genehmigt hatte, nicht mehr finden.
    Zu Ihrer Frage: Wert ist es der Til vielleicht nicht, dass man über ihn schreibt. Aber das ist so ein RTL-Trash-Phänomen: Wenn man über ihn lästert, fühlt man sich irgendwie besser. 😉

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