Achfrauhildeichverstehdasnich

Man denke sich zum oben genannten Satz die allerweinerlichste Schülerinnenstimme dazu. Und dann hat man etwa den Tenor dessen, was die Chaoten heute in der ersten Faust-Stunde so von sich gaben.

Aber man sollte vielleicht anders anfangen: Von 18 Chaoten hatten zwei den Faust gelesen. Eine war bis Seite 80 gekommen. Fünf hatten immerhin mal drin rumgeblättert. Einer hatte sich das Cover angeschaut („gelb!“). Und neun Chaoten erröteten, als die Frau Hilde fragte, ob sie sich das Buch wenigstens schon gekauft hätten.

Die Frau Hilde aber war ob der achsoerholsamen Ferien (Achtung, Ironie!) milde gestimmt und teilte ihren faulen Säcken Lieblingsschülern nur freundlich mit, dass es ihr völlig egal sei, ob und wann die das Buch läsen, es müsse ihnen nur klar sein, dass es noch acht Stunden bis zur Kursarbeit seien und dass, weil man in acht Stunden nicht den ganzen Faust machen könne, ALLES drankommen könne, was in den besagten acht Stunden bearbeitet worden sei. (Kollektives Das-ist-voll-gemein-ey-Gestöhne.)

Dann hatte Schülerin F. (heute ohne Hello-Kitty-Utensilien) ihren großen Auftritt. Der fing mit dem oben erwähnten „Achfrauhildeichverstehdasnich“ an. Weinerliche, ins Hysterische tendierende Stimme inklusive.

„Was verstehst du denn nicht?“, fragte die Frau Hilde verwundert, denn man hatte noch gar nicht so recht angefangen.

„ALLES!!“

Damit kann man doch wirklich was anfangen, so als Lehrer. Ja, echt jetzt. Das ist in allen Fächern so. Schüler verstehen immer ALLES nicht. Nicht mal Wörter wie „und“ oder so. Und wenn sie, beispielsweise in Geschichte, eine Quelle lesen müssen, und man fragt sie, was sie nicht verstanden haben – genau. ALLES.

Geht man den Text dann Satz für Satz mit ihnen durch, stellen sie plötzlich fest, dass ALLES vielleicht auch einfach nur heißt: „Okay, da ist ein Begriff und dort eine Formulierung, die kenne ich nicht. Aber der Rest ist klar.“

Nur bei F. war das anders. F. verstand NICHTS. Also quasi verstand sie ALLES nicht.

Und das war auch natürlich der Frau Hilde ihre Schuld.

Frau Hilde: *seufz* F., IHR habt die Lektüre ausgewählt.

F.: *heulschlurchzsiesindvollgemein* Aber Sie hätten uns doch warnen können!

Frau Hilde: Das habe ich.

F.: Ja, aber NOCH MEHR.

Ähm. O-kaaaay??

Die Frau Hilde wird beim nächsten Mal mit einem großen Warnschild erscheinen.

In der Zwischenzeit behalf sie sich mit einem pädagogisch wertlosen, aber nötigen „F., jammer doch nicht so viel. Nirgendwo steht, dass du jeden einzelnen Satz verstehen musst. Querlesen ist das Zauberwort.“

F. (beleidigt): Und woher soll ich wissen, was wichtig ist und was nicht?

Rest des Kurses: (gibt genervte Laute von sich)

Frau Hilde: Das merkst du dann im Laufe des Dramas.

Nun ja.

Immerhin arbeitete ein Teil des Kurses fleißig mit, besonders Schüler M., der vor lauter Mitarbeiten heute sogar vergaß, seine Kurskollegen – wie sonst – als Dappschädel zu bezeichnen (M. ist aber sonst wirklich nett und gut erzogen und putzig. Nur dieses Wort kriegt man irgendwie nicht mehr aus ihm raus).

Schüler S., der sich meist für ganz arg witzig hält und dies auch durch unqualifizierte Zwischenrufe kund tut, meinte beim Lesen einer der ersten Szenen, den Kurs mit einem „Frau Hilde, warn Sie beim Friseur?“ unterhalten zu müssen. Dem Killerblick seiner Lehrerin hielt er übrigens nicht lange stand. Hehe.

Da die Frau Hilde jetzt ja drei Tage auf Klassenfahrt ist (HEUL! Ich bin eine Hilde, holt mich hier raaaauuuus!!), gab es einen Arbeitsauftrag („Erstens: ihr habt das Buch bis Montag gelesen!“ – „Achfrauhildedasissooooogemein!“) für die Chaoten, und dann war die erste Faust-Stunde Geschichte. Immerhin, der geplante Stundeninhalt wurde auch umgesetzt, nur vielleicht nicht so, wie die Frau Hilde sich das gedacht hatte, aber man muss auch auf Umwegen zum Ziel kommen können.

Für die Frau Hilde steht jedenfalls fest, dass der Faust mal richtig Spaß macht! (Die Chaoten sehen das anders, aber hey, seit wann zählen im Deutschunterricht andere Meinungen als die der Lehrerin?! ;))

Die anderen Stunden heute waren langweilig; mit den Geschichtszehnern wurde aus aktuellem Anlass ein wenig über den Geisteszustand die Politik des Herrn Kim Jong-Un diskutiert.

So. Und nun packt die Frau Hilde mal wieder ein Täschelchen. Und dann wahrscheinlich noch eins. Und noch eins. Wobei das kleinste für die Hild’schen Überlebensnotwendigkeitssachen gedacht ist, die anderen für den Klassenkram, den man so braucht bei einer Fahrt. Juhu.

Und aber dann wird sie endgültig das Blogeventzeugs posten. Howgh!

Bo-bo-borowski und all das. Oder auch: Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn! Sagt die Frau Faust Hilde und geht ab durch die Mitte.

 

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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34 Antworten zu Achfrauhildeichverstehdasnich

  1. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Na dann viel Spaß auf Klassenfahrt, liebe Frau Hilde! Und: GUTE ERHOLUNG!

    Herzlichst
    Marie
    (nimmt die Beine unter den Arm und RENNT)

  2. fraukrokodil schreibt:

    Auf die Gefahr hin, dass mich jetzt alle für einen ehemaligen Superstreber halten- ich fand „Faust“ super!
    Viel Spaß auf der Klassenfahrt, ich freue mich schon auf die Berichte darüber…

  3. giftigeblonde schreibt:

    Schöne „Reise“ liebe Hilde und komme mit netten Geschichten zurück bitte !
    Und die Beschreibung deiner Faust STunde…hach ich wäre gern ein Mäuschen gewesen ggg

  4. diewiderspenstige schreibt:

    Oft versteht man aber wirklich ALLES NICHT, vallah isch schwööör!

    Schön, dass du wieder da bist! (wenn auch mit Killerblick für die armen Schülers… )
    Von der Klassenfahrt dann ganz ausführlich berichten, ob die Überlebensnotwendigkeitssachen zum Einsatz kamen etc., okay?!

    Grüßle (ist das schwäbisch?)
    😀

    • frauhilde schreibt:

      Ich habe gerade Backpulver in ein Plastiktütchen gepackt (wir machen eine Drogenpräventionsfahrt). Und irgendwie hoffe ich, dass morgen niemand meine Tasche sehen möchte … 😉

      Grüßle (jupp, is schwäbisch) zurück! 🙂

      • diewiderspenstige schreibt:

        Soll ich denen mal einen heißen Tipp geben, a lá „Du, die Frau Hilde, also die hat da ein paar höchst illegale Sachen dabei, vielleicht solltet ihr mal ihre Tasche durchsuchen…“ 😀

        • frauhilde schreibt:

          Pf, die fanden mein Koks total langweilig, nachdem sie in einem Vortrag erfahren haben, dass Crystal Meth ganz einfach herzustellen ist („Machen wir das mal in Chemie?“).

  5. cidrin schreibt:

    „F. (beleidigt): Und woher soll ich wissen, was wichtig ist und was nicht?

    Frau Hilde: Das merkst du dann im Laufe des Dramas.“

    Non scholae, sed vitae discimus.
    Die Fragen bei Ihnen in der Schule und bei mir in der Psychotherapie ähneln sich irgendwie.
    Die Antworten aber auch.

  6. Robin Urban schreibt:

    Die haben sich den Faust selbst ausgesucht? Was stand denn noch zur Auswahl?

    Faust ist ja eigentlich ziemlich simpel und auch cool. Da gäbe es wesentlich schlimmeres!

  7. davesstation schreibt:

    Gute Reise Frau Hilde und (hoffentlich) auch bissel Spaß auf der Klassenfahrt, bin auch schon gespannt auf die Erzählungen drüber.
    Bei der Vorstellung eines Warnschilds musste ich einfach fett grinsen, vielleicht eine kleine Serie von Schildchen? Die da vorn am Lehrertisch hochploppen könnten, wie z.b. „BAD IDEA“, „VERY BAD IDEA“, „ARE YOU CRAZY?“ oder „OK, DIE JUNGS

  8. Manu schreibt:

    Klassenfahrt?? Mein Beileid… ;D

    Seit wann dürfen denn Schüler die Literatur selber aussuchen?? Sitten sind das…! Tse..

    LG

    • frauhilde schreibt:

      Das durften sie nur ausnahmsweise, weil sie in letzter Zeit so brav waren. Und sie haben sich ja auch gleich so mit das Niveauvollste ausgesucht, was so ein Grundkurs zu bieten hat! 😉

  9. A. P. Glonn schreibt:

    Ok, ich mag Goethe nicht. Auch nicht seinen Faust, wobei Mephisto ja schon manchmal coole Anwandlungen hat. (Heutzutage würde der sicherlich voll krasscheckermäßig auftauchen!) Aber was genau gibt es denn da nicht zu verstehen? Ja, ich weiß schon, ALLES ist unverständlich. Gab es denn wirklich unverständliche Sachen bei Faust? Ich kann mich gerade nicht erinnern, es war einfach nur schrecklich laaaaaaaaangweilig, aber unverständlich? Ich grüble mal noch eine Weile … vielleicht während der Zeit, in der du dich auf deiner Klassenfahrt erholst. *rennt mal wieder sehr schnell vor der frauhilde weg* 😀

    • frauhilde schreibt:

      Wenn man nicht gelernt hat, quer zu lesen, sondern sich an jedem Satz aufhängt, den man vielleicht nicht auf Anhieb versteht, dann kommt halt ein „ALLES“ bei rum.
      Ich will gar nicht wissen, was ich am Montag in der nächsten Stunde zu hören bekomme …
      Und ja, ich habe mich ganz prima erholt. Ich mein, hei, nachts um halb drei Jungs ausm Mädelszimmer rausholen und dann morgens um diverses Fußvolk wegen Sachenausdemfensterschmeißen rundmachen – das ist wirklich Freizeit pur! 😉

  10. Kaa schreibt:

    Muss ich jetzt den Faust lesen, damit ich hier weiter mitreden kann? Hm, eigentlich gäb’s den als eBook sogar kostenlos. Aber man soll ja nicht immer nur die billigen Sachen mitnehmen. Sonst bleibt den armen Autoren von heute ja gar nichts mehr zum Leben.

    • frauhilde schreibt:

      *ernst guck* Ja, natürlich. Ich baue hier in der Kommentierfunktion bald den „Faust-Filter“ ein; das ist wie das Captcha-Zeugs – ihr müsst alle eine Frage zum Faust beantworten, bevor ihr kommentieren dürft. *wegflitz* 😀

  11. handvolldackel schreibt:

    Gab’s nicht noch Dürrenmatt zur Auswahl? Den mag ich viel lieber – Goethes pompöser Dauerpathos war irgendwie auch nicht so mein Ding. Wenn ich über meine Schullektüre so nachdenke, ergibt sich dabei allerdings nur ein roter Faden: Schullektüre muss weh tun. Nichts, was ich für die Schule (jawoll, nicht für’s Leben) gelesen habe, habe ich danach jemals wieder angefasst.
    Viel Spaß bei der Klassenfahrt 🙂 eine meiner Lehrerinnen hat mal bei einer Klassenfahrt wieder angefangen zu rauchen. Wahre Geschichte.

    • frauhilde schreibt:

      Au weia. Nun gut, ich tu’s ja schon, da konnte ich wenigstens nicht neu damit anfangen.

      Schullektüre ist oft so eine Sache; einerseits sollen die lieben Kindlein Sachen lesen, die sie eben sonst nicht lesen, weil man einen kleinen literaturgeschichtlichen Rundumschlag macht; andererseits vergrault man sie damit oft genug. Aber ich würde deshalb trotzdem nicht „Twilight“-Mist lesen wollen, nur weil das bei der Mehrheit gerade soooo in ist.
      Mir ging es zwar ähnlich wie dir, aber ich habe in der Schule auch ein, zwei Zuckerstückchen entdeckt, die ich heute noch gerne lese (Heine zum Beispiel).

  12. TBeron schreibt:

    Also ich musste den Faust nicht in der Schule lesen. Ich hab ihn das erste Mal im Theater gesehen, auf Platt im Ohnsorgtheater (ja, die können auch ernst). Ich fand es toll, dat speel vun Doktor Fust. Danach hab ich dann auch den Gründgens angesehen und im hochdeutschen Theater war ich dann auch noch. Gelesen hab ich ihn glaube ich auch irgendwann mal :-).

    Öhm, Autoren, die ich in der Schule lesen „durfte“ hab ich später nie wieder angefasst, bis auf Shakespeare. Aber den haben wir im Englischunterricht gelesen. Wir waren 4 Mädchen im Kurs, ihr könnt euch vorstellen wie das ausging….. Den ersten Akt kann ich immer noch auswendig :-)))).

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