Schlaflos in Südpfalzien II

Auf dem Weg in den Seminarraum entdecken die Frau-Hilde-Schüler ihre Kollegen aus der Parallelklasse, die bereits am Vortag angereist sind (insgesamt sind zwischen Montag und Freitag drei achte Klassen aus der Frau-Hilde-Schule hier, aber davon später).

Großes Hallo und Gekreisch.

Die Frau Hilde trifft eine ermattete Kollegin P., die erzählt, dass ein Schäflein bereits nach Hause geschickt wurde und der Rest sie langsam, aber sicher um den Verstand bringt.

Nachmittags dann also Besuch der Polizei, die den lieben Kleinen etwas über Drogen und all das erzählt.

Der Beamte macht das auch wirklich gut, auch wenn Achtziger-Jahre-Kind Frau Hilde Knarre und Schlagstock, die er demonstrativ zur Schau stellt, unangenehm auffallen. Er erwähnt auch nur gefühlte hundert Mal, wie einfach manche synthetischen Drogen herzustellen sind, woraufhin die Kindlein fragen, ob sie denn nicht mal im Chemieunterricht ein bisschen Crystal Meth …

Der Vortrag der Polizei dauert insgesamt etwa drei Stunden, danach ist eine größere Pause fällig, die sich die Kindlein vor dem Süßigkeitenautomaten vertreiben. Außerdem fühlen sie sich schon wie zu Hause und rennen strümpfig in der Jugendherberge herum.

Nach dem Abendessen wird evaluiert und man macht noch anderthalb Stunden lang bis kurz vor halb neun draußen („Ieh, ein Tropfen!!“) Kooperations- und vertrauensbildende Spiele.

Den Rest des Abends haben die Engelchen frei. Und darüber freuen sie sich. Das hört man. Überall.

Um zehn werden dann die Zimmerschlüssel kassiert. Bis eins klopft die Frau Hilde noch an Türen und mahnt Zimmerlautstärke an. Dann fällt sie selbst ins Bett (und auch prompt fast wieder raus, weil das Bett recht schmal ist und aber die Frau Hilde eine Diagonalschläferin. Das geht nicht so recht zusammen).

In der Nacht dann die bereits genannten Vorfälle.

Tag zwei.

Schüler V. erscheint als Erster fünf Minuten nach dem vereinbarten Frühstückstermin. Er sieht aus wie das Leiden Christi und versichert mit heiserer Stimme, die anderen kämen gleich. Er hätte eine Stunde geschlafen, der Rest ziemlich genau überhaupt nicht.

Der Kollege und die Frau Hilde erfreuen sich derweil am üppigen Frühstücksbüffet und klauen leihen sich Kaffee von den Schülertischen (am Lehrertisch stand aus unbekannten Gründen nur Kaba).

So langsam trifft auch der Rest der Meute ein. Triefäugig hängt er über Müsli und Kaba und findet es wirklich, wirklich ganz doll gemein, dass er wegen des Zuspätkommens gerügt wird. Frühstück um 7.45 Uhr, das grenzt ja quasi sozusagen an Körperverletzung.

Der Mittwoch wird von einer Sozialarbeiterin gestaltet, die mit den Kindern zum Thema Alkohol arbeitet. Die Frau Hilde ist sehr froh, dass es sich nicht um jemanden handelt, der mit erhobenem Zeigefinger darüber doziert, dass Alkohol böööööse ist, sondern um eine ganz nette junge Frau, die mit den Kindern Rollenspiele macht und mit ihnen erarbeitet, wie man, wenn man schon trinken muss, bewusst damit umgeht.

Gegen Ende dürfen sich die Kindlein dann noch an einem Parcours abarbeiten, der mit Rauschbrille bewältigt werden muss. Und schließlich müssen sie fünf „bewusstlose“ Klassenkameraden erstversorgen. Sie lernen, wie man einen Notruf absetzt und wie man eine bewusstlose Person in die stabile Seitenlage bringt:

Schülerin A. liegt „bewusstlos“ am Boden. Selbstlos rennt der mit einer Rauschbrille etwas gehandicapte Schüler K. auf sie zu und will mit einem Panthersprung neben ihr landen, um ihre Atmung zu kontrollieren. Dummerweise verschätzt er sich wegen der Rauschbrille gewaltig und landet wie eine betrunkene Kröte auf A.s ausgestrecktem rechten Arm.

Geschrei von A., Verwirrung bei K., Gebrüll der anderen Kindlein – kurz: Die Stimmung ist grandios!

Mittendrin die Sozialarbeiterin und die Frau Hilde, die nun wiederum wirklich A. erstversorgen müssen (nichts Schlimmes passiert; Arm tut weh, ist aber alles heil) und dann versuchen, die Meute wieder ruhig zu bekommen.

Kaum ist das geschehen, hört man von oben aus dem Eingangsbereich ein Geschrei, gegen das die Trompeten von Jericho Waisenkinder waren.

Ankunft der 8f.

Erinnert sich noch jemand an der Frau Hilde ihre Geschichts-Achter? Die Monster? Genau die sind soeben eingetroffen.

Teil III folgt (vielleicht nicht mehr heute; die Frau Hilde bereitet nämlich gerade nebenher Unterricht vor …).

Satz des Tages übrigens von Schüler H., der an der Essensausgabe steht: „Ich hätt so gern eine große Nudel!“

(An Essen ist bei den umstehenden Klassenkameraden in den nächsten Minuten nicht mehr zu denken …)

Noch ein Hinweis, weil es inhaltlich so schön passt:

Der nette Herr Paul hatte eine Idee, und zwar nämlich ruft er Leser auf, ihre Geschichte in Sachen Erstversorgung/ Erste Hilfe zu erzählen. Guckt ihr hier. Dahinter steckt die Hoffnung, dass diese Schilderungen Lesern die Angst vorm Helfen nehmen. Keiner von uns denkt gerne an den Was-wäre-wenn-Fall. Was wäre, wenn neben uns im Supermarkt die Kundin kollabiert? Was wäre, wenn jetzt im Frühling in der Fußgängerzone der Mann vor uns einen Herzstillstand erleidet? Was würden wir tun? Wir wissen natürlich alle, dass man was tun MUSS. Aber was? Und würden wir dann nicht mehr kaputt machen, als verbessern? Und wie war das noch mal mit der HLW? Wo drückt man? Und wie oft? Und wie schnell?

Vorausgegangen ist der ganzen Sache ein Beitrag, in dem es darum ging, dass jeder von uns helfen kann. Und sei es durch das Absetzen eines Notrufs. Oder eben dadurch, dass man einen Bewusstlosen in die stabile Seitenlage bringt. Mal ehrlich, wer kann sich noch genau dran erinnern, wie das ging? Die Frau Hilde jedenfalls war froh, während des Refs eine Auffrischung zu bekommen und das auch gestern noch einmal zu sehen.

Und deshalb wäre es schön, wenn jemand, der Erlebnis(se) mit solchen Situationen hatte, sich an den Herrn Paul wendet und seine Geschichte erzählt. Damit diejenigen, die das lesen, vielleicht nicht mehr so viel Angst haben, sondern erfahren, dass sie das auch können.

Und also jedenfalls, wer etwas beitragen möchte, wer von seinen Erlebnissen erzählen möchte, der kann das tun und dem netten Herrn Paul eine Mail schicken.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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24 Antworten zu Schlaflos in Südpfalzien II

  1. giftigeblonde schreibt:

    Oh oh oh, Musst du das jedes Jahr mitmachen?
    Ich kenne die Geschichten ja nur von anderer Seite..vom Tochternkind, ich glaube da wäre mehr als einer wieder heimgefahren, die sind ja wirklich ähh sehr wach!

  2. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Oh. Mein. Gott! Den Nudelradau kann ich mir lebhaft vorstellen, was es mit der 8f auf sich hat, noch nicht so recht. Entweder hab ich da hier noch nicht mitgelesen, oder mein hohes Alter ist schuld …
    Jetzt geh ich erst mal schlafen und hoffe, dass ich nicht von fliegenden Tetrapaks und UFOs träume.

    Noch mal: Schlaf gut!
    Herzlichst
    Marie

    • frauhilde schreibt:

      Die 8f hatte ich in Geschichte bis zum Halbjahr. Das waren die mit den Knallerbsen, mit dem sich permanent selbst verstümmelnden Schüler W. und ADS-Schüler S. 😉
      Ein bisschen was schreibe ich morgen dazu, da kann ich noch ältere Berichte verlinken.

      Gute Nacht! 🙂

  3. großes Merci *wie hier die Schweizer* sagen fürs Werbung machen!! 🙂

  4. Corinna schreibt:

    Am schönsten sie die Momente, in denen sie so unfreiwillig komisch sind! *lach*

    Zur Lebensrettung kann ich leider nichts beitragen. Bisher war ich noch nicht in einer solchen Situation – zum Glück. Aber durch Luigis zweieinhalbjährige Großcousine bin ich inzwischen total gut im Wegpusten kleinerer Aua-Blessuren. 😉

  5. diewiderspenstige schreibt:

    hihihihi, das wird ja immer besser – na ja, immerhin hast du Glück, dass die nur was über Alkohol erzählt kriegen und den nicht konsumieren (oder doch? Deshalb auch die roten Augen und die heisere Stimme?)… Am Ende hüpfen die dann noch daneben vor lauter Betrunkensein, fallen aus dem Fenster wie die Nacht zuvor die Tetrapaks und dann sollte die Frau Hilde wohl lieber Schutz- als Racheengel sein 😀

  6. fraukrokodil schreibt:

    Was waren das denn für Nudeln, die es in verschiedenen Größen gibt? Und wie groß sind die großen Nudeln, dass eine reicht?

    • frauhilde schreibt:

      Eigentlich waren es stinknormale Käsespätzle. DIE Nudel ist wahrscheinlich so was wie DER Araber und DER Russe (seinerzeit hatte man ja immer nur Angst davor, dass DER Russe kommt. Also, DER eine, der da in Russland wohnt …).

  7. Patty schreibt:

    Die Rauschbrille, ja ja ja! Supersozpäd Patty hat so’n Kram auch mal gemacht und durfte darüber sogar ein Radiointerview geben – „RRRauschbrille…“

  8. Patty schreibt:

    … dass ich das Wort nicht radiotauglich aussprechen kann 😀
    Auf jeden Fall, macht Spaß und es bleibt mit Sicherheit was hängen bei den lieben Kleinen.
    Supersozpätty … was für ein wundervoller Name. Den behalt ich.

  9. Pingback: Geile Keule und Einwortsätze an der Theke | Oh nein, dass das jetzt passieren muss!

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