Schlaflos in Südpfalzien I

Nacht Dienstag auf Mittwoch. Etwa zwei Uhr dreißig.

Die Frau Hilde, die sich seit 28 Minuten in süßem Schlummer befindet (vorher musste dem Mädelszimmer links vom Hildezimmer noch klar gemacht werden, dass „auf den Zimmern aufhalten“ nicht bedeutet, dass sich alle Schüler in einem Zimmer aufhalten), schreckt hoch. Was war das?

Und da ist es schon wieder!

Jemand wirft Elefanten vom Hochbett.

Wumm.

Wumm.

Wumm.

Drei Elefanten.

Direkt rechts von der Frau Hilde ihrem Zimmer wird ein Mensch erstochen. Zumindest hört sich das Gekreisch danach an.

Wumm.

Und dann fällt links von ihr wieder ein Elefant vom Hochbett.

Die Frau Hilde seufzt, rappelt sich hoch, sucht blind nach Jacke und Schuhen und tappert über den Flur, um am ersten Zimmer anzuklopfen.

Krach, Geschrei, Gekicher.

Das Klopfen der Frau Hilde hört keiner.

Aber die hat ja den Schlüssel (*hähä*) und entert den Raum, um das Folgende zu sehen:

Drei Jungs (sollten zwei Stockwerke tiefer sein, und zwar seit viereinhalb Stunden) aalen sich auf dem Hochbett. Vier Mädels sitzen auf einem Bett – und man bewirft sich gegenseitig mit Tetrapaks. Ja. Wirklich.

Die Frau Hilde sagt ein paar nicht sehr nette Sachen, schickt die Jungs raus (müssen morgen zur Strafe Tischdienst machen) und scheucht die Mädels ins Bett (müssen morgen zur Strafe den Seminarraum fegen).

Dann tappert sie zum zweiten Zimmer, wo die Tür schon offen steht und drei unschuldige Augenpaare in den Flur linsen.

„Wir haben schon geschlafen, Frau Hilde, echt!“

(Frau Hilde hebt die Augenbrauen.)

„Ja, okay, wir haben noch ein bisschen Geschichten erzählt.“

„Welche? Texas Chainsaw Massacre?? Wer hat denn so infernalisch geschrien?“, will die Frau Hilde wissen.

Schülerin O. errötet.

„Das war ich. Da war ein Krabbelvieh im Bad!“

Die Frau Hilde murrt etwas von „Jetzt ist aber wirklich sofort Ruhe! Ihr seid schließlich nicht die einzigen hier!“ und tappert zurück ins Heiabettchen, in der Hoffnung, der jäh unterbrochene Traum möge sich wieder einstellen.

Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Fünf Uhr vierzig. Das Handy der Frau Hilde vibriert. „Kann es sein, dass die Mädels Sachen aus dem Fenster werfen?“, smst der zwei Stockwerke tiefer ruhende (bzw. geruht habende) Kollege.

Die Frau Hilde seufzt, schmeißt sich wieder elegant in Jacke und Schuhe und geht in das Zimmer, aus dem noch Geräusche zu hören sind.

Schülerin S. und Schülerin R. stehen am offenen Fenster und erschrecken mindestens zu Tode, als sich ein unglaublich schlecht gelaunter Racheengel in Form der Frau Hilde vor ihnen aufbaut.

Da sie wissen, dass sich aus dieser Nummer nicht mehr rauskommen, gestehen sie direkt: Man hat Tetrapaks aus dem Fenster geworfen, um zu schauen, ob die auf den Fensterbänken der Jungs landen können und dann zerplatzen.

Morgens.

Um fünf Uhr vierzig.

Die Frau Hilde spart sich eine Predigt und raunzt nur noch „wenn ich noch EINMAL was höre, holen euch eure Eltern morgen ab, damit das klar ist!“ und geht wieder ins Bett. Inzwischen ist es kurz vor sechs.

Juhu. Noch eine halbe Stunde schlafen!

Aber zurück auf Anfang.

Dienstagmorgen, kurz nach acht. Bahnhof Hildehausen. Fünfundzwanzig extrem gut gelaunte Achtklässler wuseln so durcheinander, dass an ein geordnetes Durchzählen nicht zu denken ist. Der begleitende Kollege (der allerdings mit dem Auto fährt und deshalb nur der Ordnung halber aufgetaucht ist) sortiert die lieben Kleinen, während die Frau Hilde Fahrkarten holt.

Dann verlässt der Kollege die Szenerie und die Frau Hilde schläppelt mitsamt fünfundzwanzigköpfigem Anhang auf den Bahnsteig. Irritierte Blicke der Mitreisenden, weil alle fünfundzwanzig Kindlein dauernd was von der Frau Hilde wissen wollen. Und zwar nicht nacheinander, sondern gleichzeitig, nach dem Motto: Wer am lautesten schreit, wird gehört.

Fünfzig Minuten später.

Fünfundzwanzig wuselige Achtklässler und eine schweißgebadete Frau Hilde sind am Ziel angekommen. Nun gilt es noch, die Jugendherberge oben auf dem Berg zu Fuß zu erreichen.

„Frau Hilde, das ist VOLL weit, das schaffe ich nie!“

„Menno, wieso nehmen wir kein Taxi??“

„Frau Hildeeee, die Rolle von meinem Koffer ist gebrochen!“

Der (vermeintlich) vernünftigste Schüler wird an die Spitze gesetzt (außerdem kennt er die Strecke; sagt er zumindest), die Frau Hilde bildet das Schlusslicht, um ihre Schäflein im Auge behalten zu können.

Nach zehn Minuten hat man sich verlaufen, da inzwischen einem zweiten Schüler eingefallen ist, dass er die Strecke ja auch kennt, und es zwischen beiden Anführern einen klitzegrößeren Streit gegeben hat, in den sich die dreiundzwanzig anderen Schüler natürlich lautstark einmischen müssen.

Die Frau Hilde sorgt für Ruhe (und hat danach vier Minuten starkes Halsweh), sagt beiden, wo es tatsächlich langgeht, und die Karawane zieht weiter.

Nach einer halben Stunde Ankunft an der Jugendherberge. Man kann noch nicht in die Zimmer, dafür ist der Seminarraum bereits fertig.

Der Kollege und die Frau Hilde verlesen die Hausordnung und stellen gemeinsam mit den Kindlein Regeln auf, an die man sich in den nächsten zwei Tagen zu halten hat.

Danach folgt das geplante Morgenprogramm und anschließend begibt sich die hungrige Meute zum Mittagessen und danach für anderthalb gesegnete Stunden in ihre Zimmer. Auch der Kollege und die Frau Hilde nutzen die Zeit, ihre Sachen auszupacken.

Teil II folgt.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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38 Antworten zu Schlaflos in Südpfalzien I

  1. Patty schreibt:

    *Tapferkeitsorden verleih*
    Achtklässler riechen auch unangenehm, oder? 😀

    • frauhilde schreibt:

      Wenn sie wie bei der Parallelklasse gestern Abend geschehen Deo sprühen und anzünden – definitiv ja!
      (Wir haben nur einen, der unangenehm riecht; unser Ich-wasch-mich-nicht-Problemkind. Die anderen sind reinliche Tierchen! ;))

  2. Corinna schreibt:

    Ich bin gespannt, was in dieser Nacht passiert! *lol*

  3. giftigeblonde schreibt:

    Oh mich schauderts, liebe Frau Hilde, bekommst du den Friedensnobelpreis verliehen?
    Von mir in jedem Fall!

  4. Rina schreibt:

    Warum hab ich deinen Eintrag nur gelesen? 😉 Jetzt fiel mir wieder ein: In ein paar Wochen gehts mir genauso.
    Ich hab auch zunehmend den Verdacht, dass die Lichtverhältnisse bei Klassenfahrten umgekehrt auf die Schülerhirne wirken: hell – müde und dunkel – munter! 😀
    Haaaaaaaaaalte durch, Hilde!!!

    • frauhilde schreibt:

      Au weh. Wo und mit welcher Klassenstufe geht’s bei dir denn hin?

      Die Theorie finde ich sehr schlüssig!
      Sollte man dann nicht einfach nachts mit den Schülern arbeiten und sie tags schlafen lassen?

      • Rina schreibt:

        Ja, so ein nachtaktives pädagogisches Konzept hätte doch mal was. 😉
        Dann heißts eben in Schülerkreisen: Hey, wir machen den Tag durch! 😀

        Bei mir wirds die Abschlussfahrt mit Klasse 10 in Richtung Hamburg.

  5. Jürgen schreibt:

    Ja, Frau Hilde, wir sind die Unverbesserlichen. Wir fahren immer wieder mit pubertierenden SchülerInnen weg.

  6. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Liebe Frau HIlde,

    ich fühl mich gerade so richtig schlecht, weil ich mich derart amüsiert habe auf deine Kosten …
    Danke für deinen selbstlosen Einsatz an der Tastatur!

    Schlaf gut und träum was Schönes! (Auf keinen Fall von Tetrapaks, hörst du?! – Auf was für Ideen die Kinder kommen. Tsssss!)

    Herzlichst
    Marie

    • frauhilde schreibt:

      Sie kamen auf noch ganz andere Ideen … Bericht geht bald weiter.
      Und jaja, bitte hab ein schlechtes Gewissen! 😉 (Nein, Quatsch, es war nicht so schlimm. Es hätte mich weitaus schlechter treffen können: Als Begleitung der 8f nämlich!)

  7. davesstation schreibt:

    Oh je, bei so ner Nacht möchte man die lieben kleinen am liebsten knusprig und gut durch. Alle Achtung die Frau Hilde hat Nerven aus Stahl, ich wär spätestens beim zweiten Aufstehen leicht ausgerastet. Wenn das die Eltern wüssten wie lieb die kleinen bei Nacht sind…

  8. Hummelchen schreibt:

    Mein tiefes Mitgefühl liebe Hilde!
    Da möchte man mit der Brut*ähem*den lieben Kleinen doch glatt originalgetreue Passionsspiele und möglichst lebensnah nachstellen;-)
    Die Kreativität läßt aber auch mit zunehmenden Alter nicht nach,ganz im Gegenteil.Die Utensilien ändern sich nur bissel…
    Ich unterrichte in der Pflegeausbildung,dass hat manchmal was von göttlicher Komödie was ich da geboten bekomme.Theoretisch gesehen meistens erwachsene Menschen,zumindest auf dem Papier,aber wehe wenn sie losgelassen.
    Deshalb kann ich deine Gefühlswelt mitten in der Nacht,geweckt durch infernalischen Lärm wie beim jüngsten Gericht,lebhaft nachvollziehen…
    Halt die Ohren steif!

    • frauhilde schreibt:

      Liebes Hummelchen,
      danke für deinen Kommentar! 🙂
      Ich hatte auch ein, zwei Mal das Bedürfnis, Kinder mit dem Kopf voran irgendwo reinzustecken. Aber dann schauen sie einen halt doch wieder so lieb an … Und im Gegensatz zu deinen sind meine ja auch wirklich noch Kinder, die sind 13, 14.
      Was stellen deine denn so an?

      • Hummelchen schreibt:

        Entschuldige bitte das ich zu verzögert antworte,ich war etwas in Stress .

        Meine Terrorkrümmel zweckentfremden gerne pflegerische Arbeitsmaterialien und gelerntes,obwohl letzteres einen manchmal auch fast etwas mit Freude erfüllt-immerhin zeigen sie ja das sie was gelernt haben.
        Neckisch war es ja anzuschauen,als sie einer kapitalen Wassermelone eine Infusion legten.Auch wenn man schon anderes ahnen konnte,hoffte man ja noch auf das Gute in den Schülern.Die vermeintliche Infusionslösung entpuppte sich jedoch als Wodka…
        Die Chefin rannte einmal kreidebleich und seltsame Geräusche von sich gebend raus,als sie unsere Lieben kleinen Monster dabei sah,wie sie am Ablaufschlauch eines mit einer verdächtigen gelben Flüssigkeit befüllten Urinbeutels saugten.Es war Gott sei Dank nur Bier.Weil es der Chefin zu ekelerregend war-sie Kontrolliere ursprünglich nicht aus der Pflege-hatte ich dann die ehrenvolle Aufgabe das Zeug zu untersuchen.
        Das nur als relativ harmlose Beispiele.Unfug in kopf haben sie irgendwie alle,nur auf unterschiedliche Art und Weise .

        • frauhilde schreibt:

          *lach* Auf so Ideen muss man erstmal kommen! Bier im Urinbeutel. 😀
          Aber ich sehe schon, Pflegepersonal ist kreativ. Und beim Ausbilden wird einem vermutlich nur selten langweilig. 😉

          • Hummelchen schreibt:

            Oh ja,kreativ sind sie und hartgesotten.Die Frischlinge trinken nach einem zünftigen Gelage auch Infusionslösung um den Kater zu killen-nicht schlecht,schmeckt aber ziemlich pervers;-)
            Das mit dem Beutel sah irgendwie auch posierlich aus,nicht so wie diese Helme in die man zwei Bierdosen einklemmt.
            Meine Kleinen kommen immer mit was neuem um die Ecke,aber Humor und ein gewisses Maß an Spaß im Beruf sind ja auch wichtig für die Psyche.:-)

            • frauhilde schreibt:

              Und das hilft? Also, Infusionslösung trinken??

              • Hummelchen schreibt:

                Wenn man das Zeug runterbekommt kann es helfen,ja.
                NaCl-Lösung bekommt man auch so in der Apotheke ohne Rezept.Geht ja darum die durch den Alkohol verlorenen Salze wieder aufzufüllen und den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.
                Aber ich schwöre da eher auf die guten alten Hausmittel,das Zeug schmeckt wie gesagt nicht besonders überzeugend.Aber die Küken sind ja uns nix fies.;-)
                Ich wünsche dir noch viel Erholung von den Terrorzwergen 😉

  9. Stefan K. schreibt:

    Wie wär’s, wenn Du für die nächste Klassenfahrt mit Achtklässlern in der Elternschaft fragst, wer als zusätzliche Begleitung mitkommt? Abgesehen von der Entlastung gäbe es dann auch eine unabhängige Zeugin für die Belastungen, die sich Lehrer/innen auf Klassenfahrten freiwillig aussetzen!

    • frauhilde schreibt:

      Das ist eine gute Idee. Ich höre schon ein fassungsloses „Sonst ist der/ die nicht so!“ 😉

      Für die Kindlein finde ich es aber besser, wenn kein Elternteil dabei ist.

  10. A. P. Glonn schreibt:

    Ich weiß, ich sollte nicht lachen, aber ich kann nichts dafür – du schreibst das einfach zu schön. 😀 Das erinnert mich an das FT, bei dem ich vorige Woche waren. Offiziell alles Erwachsene – und zugegeben, auf so lustige Spielchen mit Tetrapaks sind wir nicht gekommen -, aber die Nacht zum Tag zu machen und umgekehrt, funktioniert auch da hervorragend. Ohren steif halten, frauhilde, ich freue mich auf deinen weiteren Bericht!

    • frauhilde schreibt:

      Erwachsene auf einem Haufen entwickeln ohnehin ungeahnt kindische Verhaltensweisen, habe ich die Erfahrung gemacht (und es macht Spaaaaß!!).
      Und ja, es geht bereits weiter. *seufz* Auftritt Monster.

  11. Manu schreibt:

    Das erinnert mich gerade daran, was hier abgeht, wenn der Miss ihre Freundinnen bei uns übernachten. Nach jeder Nacht schwöre ich : NIE WIEDER!!

    Nach einem halben Jahr hab ichs dann vergessen und es geht wieder alles von vorne los.

    LG

    • frauhilde schreibt:

      Das glaube ich dir gern. Man denkt vermutlich nach einer gewissen Zeit, so schlimm war’s doch eigentlich gar nicht, und inzwischen sind sie ja größer und vernünftiger … 😉

  12. diewiderspenstige schreibt:

    Hah, und da soll noch einmal jemand sagen, MEINE Klasse wäre im Schullandheim schlimm gewesen… 😀
    Ich glaub, ich überleg mir das nochmal mit dem Lehrer werden 😉

    Dir eine riiiiesige Portion „Schlaf“ schick*

    • frauhilde schreibt:

      Danke, ich hab ihn genossen. 😉

      Och, „schlimm“ ist relativ. Bei der 8f ist man’s langsam gewohnt. Hätten meine Achter das gemacht, hätt ich ihnen ganz schön was erzählt.
      Und nein, lass dich nicht abschrecken; so oft geht man ja nicht weg mit den Kindlein.

  13. ullli23 schreibt:

    Hat das denn geklappt, das mit den Tetrapacks und dem Zerplatzen?

  14. Steffi schreibt:

    Haha, zu geil 😉 Es gibt ja doch Lehrer, die noch in Ordnung sind 😉 LG, Steffi

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