Schlaflos in Südpfalzien III

Der Frau Hilde, als sie die Treppe hochkommt, bietet sich folgendes Bild:

Die Monster haben die komplette Eingangshalle okkupiert. Eine Handvoll davon versucht vermittels Einwirkung stumpfer Gewalt den Süßigkeitenautomaten zum Ausspucken von Schokoriegeln zu überreden.

Schüler S. rennt strahlend auf die Frau Hilde zu.

„Gucken Sie mal, Frau Hilde!“, brüllt ruft er und hält der Frau Hilde ein blutiges Etwas ins Gesicht. „Ich hatte den ganzen Weg hoch Nasenbluten!“

Man hört von ferne Kollege B. brüllen: „Welcher Vollidiot hat die Alarmanlage ausgelöst?!“

(Schüler H. und Schüler W.-F. versuchen unauffällig zu verschwinden.)

Schülerin K. und Schülerin D. kreischen wie abgestochene Ferkelchen. Schüler G. hat versucht, ihnen einen Regenwurm unters Shirt zu stecken. Es blieb beim Versuch. Der Regenwurm haucht mitten im Eingangsbereich sein Leben aus.

Frau Hilde erblickt Schüler W.

„Und, W.?“, fragt sie freundlich, „hast du dich heute schon verstümmelt?“

W. schüttelt stolz den Kopf.

Schüler N. wanzt sich von hinten an die Frau Hilde ran.

„Frau Hilde, haben Sie uns vermisst?“, will er wissen.

Die Frau Hilde deutet stumm auf das Chaos um sie herum.

N. nickt.

„Okay. Eher nicht.“

Zehn Minuten später geht die Frau Hilde wieder nach unten, um nach den eigenen Schäflein zu schauen.

Als sie am späten Nachmittag wieder auf Kollege B. und seine Begleitung (eine arme kleine PES-Kraft, die zu ihrem Pech die Klasse nicht kennt) trifft, bekommt sie eine Bilanz der ersten paar Monsterstunden berichtet:

Zweimal Alarmanlage ausgelöst (das geht nur, wenn man versucht, die Notausgänge gewaltsam zu öffnen, und das ist in der Jugendherberge bei mindestens Todesstrafe verboten); einmal davon durch Schüler W., den Schüler V. dagegen geschmissen hat.

Fußabdrücke an zwei Türen (warum Klinken benutzen, wenn man die Türen auch eintreten kann?).

Ein verwüsteter Flur im zweiten Stock (Gummibärchen-Wettwerfen).

Schüler G. hat versucht, vermittels Deospray und Feuerzeug eine Stichflamme zu erzeugen (erfolgreich).

Beinahe-Überschwemmung im Speisesaal (man hat die Wasserspender laufen lassen, ohne Becher darunter zu halten).

Ein ganz kleines bisschen blass um die Nase geht die Frau Hilde wieder zu den eigenen Achtern.

„Wenn ich künftig wieder mit euch schimpfe“, sagt sie tonlos, „lächelt mich an und sagt einfach nur „8f“, ja?“

Um den Super-GAU zu vermeiden, beschließt die Lehrerschaft, mit beiden Klassen abends wandern zu gehen, um die lieben Kleinen müde zu machen. Es gibt einen sehr schönen, weil durchaus steilen Wanderweg, das sollte doch zu schaffen sein. Gut, die Frau Hilde hat keine passenden Schuhe, aber in diesem Fall müssen einfach Opfer gebracht werden.

Nach dem Abendessen (zwei heruntergefallene Teller und eine Heidensauerei auf den Tischen; die Schäden halten sich ansonsten aber überraschend in Grenzen) teilt die Frau Hilde ihrer Klasse also mit, dass man wandern gehen wird.

Die Begeisterung ist nachgerade überwältigend.

„Mit der ACHT EFF?? Ey, Frau Hilde, das können Sie uns nicht antun!“

Doch. Kann sie.

Man dackelt also los. Vorweg der Frau Hilde ihre Klasse; ganz, ganz, ganz, ganz hinten dreiundzwanzig laut maulende und das Leben und die Lehrer generell unfair findende Monster.

Nach einer halben Stunde erreicht man einen Aussichtsturm. Die Monster, plötzlich gar nicht mehr müde, entern ihn und üben sich dann im Den-Leuten-unten-auf-den-Kopf-Spucken. Woraufhin der Kollege B., den die Frau Hilde eigentlich nicht anders als ruhig und gelassen kennt, einen Brüller loslässt, dass ringsum die Erde bebt und kleine Eichhörnchenkinder von den Bäumen purzeln.

„Frau Hilde, Frau Hilde!“, ruft es von hinter dem Aussichtsturm.

Die Frau Hilde geht nachschauen, was da los ist.

Schüler W. steht mit einem großen Ast in der Hand da.

Alarmiert fragt die Frau Hilde, was er damit wolle.

„Die haben mir meine Mütze auf den Baum geworfen“, erzählt W., „und ich werfe jetzt den Ast hoch und hol sie mir wieder.“

Die Frau Hilde überredet W. schnell, das sein zu lassen und lieber am Baum zu rütteln. Eine dumme Idee. Beim Rütteln löst sich ein weiterer lockerer Ast – und ja. Natürlich. Fällt W. auf den Rücken. Gott sei Dank passiert nichts und man macht sich wieder an den Abstieg.

Auf dem matschigen (es hat den ganzen Nachmittag geregnet), steilen Waldweg fühlt sich die Frau Hilde mit ihren profillosen hochhackigen Schuhen ein bisschen wie W., aber der begleitende Kollege und Schüler N. helfen ihr, die schlimmsten Stellen zu bewältigen (man dankt!).

Und wie der Abend weitergeht, das schreibt die Frau Hilde in einem vierten Teil, aber jetzt muss sie sich leider auf der Stelle hinlegen und „Schlaf nachholen Teil II“ machen.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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26 Antworten zu Schlaflos in Südpfalzien III

  1. Anne schreibt:

    Ein Zauberwort, gut zu wissen … „acht eff“ 😀 Schön, dass Du überlebt hast – und der W. auch 😉
    Ende April und Anfang Mai gönne ich mir gleich zwei Mal so eine Entzugsklinik (Schlafentzug, Privatsphärenentzug, Gehörzellenentzug…). Einmal als Anstandswächterin für die „großen“ AGs (Theater, BigBand), einmal als Heimwehtrösterin für kleine Chorsängerinnen. Flexibilität ist Trumpf 😉

  2. Dass Frau Hilde überhaupt noch am Leben ist …

  3. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Aaaah! Die Erinnerung kehrt zurück! Acht Eff!!! Das war ja dann schon kein Urlaub mehr, sondern Kurlaub! Mei – Lehrer ham’s gut ;)!

    Herzlichst
    Marie
    (lässt heute die Beine, wo sie hingehören und geht würdevoll ab)

    PS: Schlaf dich am Wochenende mal richtig aus, du arme Frau Hilde, du!

    • frauhilde schreibt:

      Ja, ne? Büffet und dann noch bezahlt werden dafür. Hach. 😉
      Und dazu noch ein funktionierendes Animationsprogramm durch die 8f. Club Med kann nicht schöner sein!

  4. diewiderspenstige schreibt:

    you made my day!!!

    (schulligung, wahrscheinlich wäre hier eine Tüte Mitleid angebrachter, aber…)

  5. Corinna schreibt:

    *brüll* „…fällt W. auf den Rücken…“ Irgend etwas in der Richtung MUSSTE ja passieren.

    Sorry… *Blasenpflasterrüberreich*

  6. Jürgen schreibt:

    So ist es, Hildchen.
    „Durchhalten“ ist die Parole.

  7. Hüpfeflo schreibt:

    Die Fahrt war ja der volle Erfolg. Auf jeden Fall für mich beim Lesen 🙂 Mein schrecklicher Tag nimmt doch ein schönes Ende 🙂 Danke dafür!
    Und ein schönes erholsames Wochenende wünsche ich 🙂

  8. michael schreibt:

    Schüler G. ist ein Depp! Von hinten anschleichen oder durch einen Kumpel ablenken lassen, Hemdkragen packen und zurückziehen, dann den Regenwum reinwerfen. Eine Spagetti tuts natürlich auch.

    Die Spraydosen fackel ist nicht ungefährlich. Siehe den Pkt 12 hier: http://www.chemieunterricht.de/dc2/gefahr/gefahren1.htm

    • frauhilde schreibt:

      Schüler G. ist in der Tat ein Depp. Er hat sich mit dieser dummen Aktion neben einem Schulleiterverweis noch für die nächsten Wochen Hausmeisterhelfen am Freitagnachmittag eingehandelt.

  9. fraukrokodil schreibt:

    Was ist nur los mit diesen Kindern heute? Wir haben damals „nur“ heimlich geraucht und getrunken.

  10. fraubutterbrot schreibt:

    Na, das klingt doch nach einem Schullandheimaufenthalt par excellence! Glückwunsch frauhilde! Und schön, dass du die Sache überlebt hast 😉
    Ich überlege gerade stark, ob ich den Schullandheim-Anmeldezettel, den ich nächste Woche abgeben muss, nicht auf der Stelle verbrenne….

    • frauhilde schreibt:

      Wie ist denn Schullandheim in der Grundschule? Ist man da eher Mama-Ersatz oder sind die auch schon auf Dauerparty aus?

      • fraubutterbrot schreibt:

        Da hast du beides: Einmal die vollgeheulten Stofftiere und Kinder, die rot anlaufen, weil sie vor Heimweh-Weinen keine Luft mehr bekommen und dann die Kinder, die dir ganz cool am Tag schon erzählen, dass sie heute „durchmachen“ werden und dann auch wirklich – trotz Abendgewaltmarsch – auf die Idee kommen, um 3 Uhr in der Nacht -vollgestopft mit (verbotenen!) Süßigkeiten auf ihrem (verbotenen!) Handy ganz grausige Chart-Musik zu spielen und damit die Mädchen-Zimmer stürmen. Nur Tetra-Paks gibt’s da noch nicht.
        Hach, ich freu mich schon so 🙂

        • frauhilde schreibt:

          Ja, man kann die Freude quasi in jeder Zeile lesen. 😀

          Ich überlege mir gerade, ob das Geräusch, das runtergeworfene Tetrapaks produzieren, schlimmer ist als die aktuelle Chartmusik. Tendiere dazu, mir lieber Tetrapaks anzuhören …

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