Von Konferenzen

Es gibt eigentlich nur eines, das schlimmer ist als ein Haufen Schüler, und das ist ein Haufen Lehrer.

Wirklich. Viele Lehrer auf einem Haufen, das grenzt an seelische Grausamkeit für alle anderen.

Und ganz, ganz doll viele Lehrer sind bei Gesamtkonferenzen auf einem Haufen. Im Fall der Frau-Hilde-Schule dürften es um die 120 sein.

Man kann sich das Ganze ungefähr so vorstellen: Vorne steht ein Kollege/ ein Mitglied der Schulleitung/ ein Referent und redet.

Kollegin U. strickt währenddessen fleißig an einem Ding, das verdächtig nach Babyirgendwas aussieht; ob es da was gibt, das man wissen sollte? Kollege K. und Kollege W., die daneben sitzen, tuscheln, und es ist unschwer zu erraten, wer die nächsten Schwangerschaftsgerüchte in die Welt setzen wird.

Kollegin M. (die rechts neben der Frau Hilde sitzt) grübelt über einem Sudoku der schwierigeren Sorte; derweil verteilt Kollegin W. in nicht zu überhörender Lautstärke Süßigkeiten an die Umsitzenden, man braucht schließlich irgendetwas, um die Sache zu überleben.

Kollege B. schläft.

Die Referendare sitzen fast ganz vorne, stocksteif, folgen panisch jedem Satz des Redners und geben nur ab und an Satzfetzen von sich, die sich nach „Müssen wir das wohl mitschreiben?“, „Ob wir das fürs Allgemeine Seminar brauchen?“, „Meint ihr, die fragen das im Examen?“ oder auch „Oh nein, ich hab das eben nicht mitbekommen, kann ich das von dir kopieren?“ anhören.

Kollege T. (Kunstlehrer) verziert seinen Lehrerkalender. Und auch den des neben ihm schlafenden Kollegen B., wo er gerade dabei ist.

Das Handy von Kollegin S. klingelt; halblaut flüsternd gibt sie ihrem Gatten Anweisungen, wie die Spaghetti gekocht werden müssen und welches Kind welche Sorte Ketschup dazu bevorzugt.

Kollege E. liest Zeitung und raunzt unwillig, als ihm Kollege A. den Sportteil zu stibitzen versucht.

Kollege O. hat keinen Bock auf die ganze Scheiße den ganzen Mist, der seiner Meinung nach nur völlig überflüssige Zeitverschwendung ist, und überhaupt kann es ja nicht sein, dass man jetzt über Top 3 abstimmen muss, wo doch erst bei der vorvorvorvorvorvorvorletzten Konferenz, also kurz nach der Erfindung des Rades, als das Thema schon einmal auf dem Tisch war, die Mehrheit dagegen gestimmt hat. Er tut seinen Unmut auch in den von der Frau Hilde durchgestrichenen Worten lauthals kund. Unruhe kommt auf. Die älteren Kollegen sind der Ansicht, dass sie auf jeden Fall und per Geburtsrecht abgesichert auch ihre Meinung zu der Abstimmung in der vorvorvorvorvorvorvorvorletzten Konferenz sagen dürfen müssen.

Referendarin K. bekommt von Kollege U. ein Zettelchen zugesteckt, das sie an die Frau Hilde weitergeben soll, und stirbt augenblicklich tausendundeinen Tod. Man könnte das ja merken; Kollegin I. erbarmt sich und gibt das Zettelchen weiter.

Brauchst du die Klassenleiterstunde am Freitag? Ich brauche dringend noch eine Stunde vor der Klassenarbeit!, steht da drauf.

Die Frau Hilde schüttelt den Kopf und gibt U. durch Gesten zu verstehen, dass er die Stunde haben kann.

Ärgerliches Raunzen von links von der Frau Hilde. Die Frau Sabi fühlt sich beim Mitschreiben der Redeinhalte gestört.

Böser Fehler, denn jetzt wird sie sowohl von der Frau Hilde als auch vom gegenüber von ihr sitzenden Kollegen N. genervt.

Irgendwann kapituliert Frau Sabi und lässt sich auf einen Briefchenwechsel mit der Frau Hilde ein. Die Frau Sabi und die Frau Hilde schreiben – oder sagen, aber das geht im Moment aus konferenzigen Gründen ja nicht – sich gerne mal kleine sarkastische Gemeinheiten, die sie lustig finden.

Der Rest der Welt übrigens nicht, weshalb die Frau Hilde auch auf eine Wiedergabe des Inhalts verzichtet. Es ging ungefähr um gegenseitiges Blutgrätschen und das billigend in Kauf genommene Reißen von Bändern beim Fußballtraining. Und um die sich gegenseitig bestätigte fachliche Inkompetenz.

„Warum spielen wir eigentlich nicht Bullshit-Bingo?“, will Kollegin J. leise wissen. „Wenn ich das Wort „Arbeitsgruppe“ noch einmal hören muss, stehe ich auf und schreie!“

Eine der Referendarinnen fragt leise nach einem neuen Blatt, weil sie bereits zwei Blätter vollgeschrieben hat. Kollege K. meint, das lohne sich nicht mehr, immerhin seien von den für die Konferenz anberaumten drei Stunden schon zweieinhalb vorbei. Und jetzt käme ohnehin nur noch Top „Verschiedenes“. Die Referendarin schaut ein wenig sparsam drein und schreibt in ihrem Kalender weiter.

Endlich, nach dreieinhalb Stunden, wird die Kollegenschaft – oder zumindest diejenigen, die sich nicht mit fadenscheinigen Entschuldigungen à la „Muss Kind von KiTa abholen“ bereits davongeschlichen haben – in den Feierabend verabschiedet.

Alles rennt und drängelt und rempelt Richtung Ausgang.

Außer …

„Sag mal“, fragt Kollege K. den Kollegen W., „meinst du, wir sollen B. wecken?“

Ja. So ist das, wenn das Chaos seinen Lauf nimmt.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde und bereitet noch schnell die Klassenleiterstunde für morgen vor.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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30 Antworten zu Von Konferenzen

  1. Rana schreibt:

    Waren wir bei der gleichen Veranstaltung? 🙂 LG von Rana

  2. giftigeblonde schreibt:

    Hihi, da wäre ich wieder mal gern dabeigewesen, 10 Minuten hätten allerdings gereicht.

  3. Manu schreibt:

    Oh Mann und ich dachte bei Lehrer läuft das anders ab. Ist ja genauso wie bei unseren Betriebsversammlungen. ;D

    LG

  4. Corinna schreibt:

    Herrlich! Wurde Kollege B. denn noch geweckt oder schläft er immer noch? *lol*

  5. Patty schreibt:

    Siehste. Lehrer sind auch nur Schüler.

    • diewiderspenstige schreibt:

      grad wollt ich´s sagen – die sollen mal schöööön leise sein und sich bloß nicht über zettelschreibende/schlafende/essende Schüler aufregen 😀

    • frauhilde schreibt:

      Ehrlich gesagt, wir sind schlimmer. Viel, viel schlimmer! *hüstel* Aber verrat’s nicht.

      • diewiderspenstige schreibt:

        ja ja, die Lehrer von heute 😀

        Unsere Kunstlehrerin neulich am Donnerstag, nachdem am Vortag GLK war… „Als ich heute morgen in´s Lehrerzimmer gekommen bin, waren da ganz viele hochprozentige Flaschen im Papiermüll. Da frag ich mich, was ich gestern verpasst habe…“
        Bei meiner Mama an der Schule spielen sie auch „Bingo“ 😀

        • frauhilde schreibt:

          Ja, das passiert, wenn man uns die Kaffeeautomaten wegnimmt oder in der Mensa blockiert, gell, liebste Widerspenstige? 😉
          Da muss der Lehrer an sich halt zu Ersatzmitteln greifen.

  6. fraubutterbrot schreibt:

    das klingt ja sehr konstruktiv und effizient – und so. Ich fühle aber dennoch sehr mit den Referendaren mit, noch vor einem Jahr war ich auch so ein Psycho 😉 (und ich meine das ernst und keinesfalls verniedlichend!)

  7. „Stoff für Zoff“ wäre hier auch eine prima Überschrift gewesen! ;o)
    Notfalls ist Kollege B. der Schuldige. Feierabeeend! ☺

  8. OP-Tisch-Pilotin schreibt:

    BULLSHIT-BINGO! find‘ ich klasse! 😉

  9. Eponine schreibt:

    Hihi, das klingt ja wahrlich anstrengend! Aber lustig ist es doch zu lesen 😀
    Btw: Wegen dir hab ich vorhin eben das Wort „Epic Fail“ auf solcherlei zu betitelnde Fehler angewendet, die die Dame immer verbricht, deren Geschichten ich betalesen tu. Mal sehen, was sie dazu sagt *fg* (Aber ein doppelter Dativ IST nunmal ein Epic Fail!!!)

  10. Jürgen schreibt:

    120 LehrerInnen ist jaauch hammerartig.
    Wir sind nur 30 und eine Lehrkraft moderiert und es geht wirklich nur um inhaltliche Dinge und wir haben von vorneherein eine zeitliche Begrenzung. Kleine Schulen haben es in sich.

    • Anne schreibt:

      Meine Schule hat auch 120 KollegInnen, aber mit straffer Moderation und Vorab-E-Mail (die ..ähem.. nicht alle lesen 😉 ) mit Erklärungen zu den TOPs funktionieren GLKs ganz gut. Zeugniskonferenztage sind anstrengender wegen der vielen Klassen = Wartezeiten.
      Kleine Kollegien haben nicht nur Vorteile… Meine Freundin war an einer Grundschule mit nur 5 Lehrerinnen. Klingt nach Paradies – doch sie hat sich wegen „Zickenkrieg“ versetzen lassen.
      An 120 habe ich mich auch erst gewöhnen müssen – es hat etwa 2 Jahre gedauert, bis ich alle beim Namen kannte, speziell die Nat.wiss.ler sieht man sehr selten, die haben ihre eigenen Kaffeemaschinen in den Vorbereitungsräumen 😉 . Aber man findet immer jemanden, mit dem man „kann“ und anderen kann man aus dem Weg gehen.

      • frauhilde schreibt:

        Mit kleinen Kollegien habe ich gar keine Erfahrung.
        Wenn die Konferenzen da so ablaufen, wie von Jürgen geschildert, ist das natürlich optimal. Zumal es, selbst wenn jeder etwas beitragen möchte, längst nicht so lange dauert wie mit über hundert Lehrkräften.

        Die Wartezeiten sind wirklich nervig. Es zieht sich ohnehin; wir haben zwar die Klassenstufen parallel zueinander, aber trotzdem kommt man bei Notenkonferenzen nicht im Hellen aus dem Gebäude.

        Hehe, und das mit den Namen ging mir auch so.
        Bei uns sind’s übrigens die Chemiker, die man selten sieht; die haben irgendwo in der Chemie ein Sofa und eine Kaffeemaschine (sagt das Gerücht; gesehen wurde beides noch nie, aber wir Normalsterblichen dürfen die Chemie ja auch nicht betreten …) und treiben sich teilweise eher dort rum.

        • Anne schreibt:

          Für das Jahresberichts-Heft (ein Facebook zum Anfassen 😀 ) fotografiert ein Kollege immer die Neuen. Als er vor Jahren damit anfing, hat er alle (!) einzeln potraitiert. An einer LZ-Wand hängt nun ein Riesen-Bilderpuzzle, alphabetisch sortiert. Neue und Refs stehen oft davor, suchen und lernen… (und ich sehe mit ein bisschen Wehmut die an, die inzwischen weggezogen oder in Pension gegangen sind; einer ist schon tot.).

          • frauhilde schreibt:

            Das tun sie hier auch. Interessant wird’s, wenn sich die Fotoleute verändert haben. Da bekommt der Ref schon mal einen klitzegrößeren Panikanfall. 😉
            Dass da Wehmut aufkommt, kann ich verstehen.

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