Von Kälte. Und einem Austausch.

Dienstag: Abfahrt um die Mittagszeit. Fast alle Schäflein sind an Bord, drei fehlen (mussten sich unbedingt noch schnell ein Eis holen).

Bisschen Schimpfe.

Los geht’s.

Nach ungelogen zehn Minuten Fahrt, man ist noch nicht mal auf der Autobahn, quakt es von hinten schon: „Wie lange noch?“

Die Busfahrer sind kampf-, da schülererprobt, die Stimmung ist prächtig. Sie wird noch besser, als man bei der ersten längeren Rast den hier an der Raststätte trifft.

Die Kindlein fragen, ob sie ein, zwei, viele Fotos machen dürfen. Sie dürfen.

Kollegin C. erwischt unterdessen den ersten Kandidaten (einer anderen Schule; es nehmen vier Schulen am Austausch teil) mit einer Bierdose in der Hand.

Bisschen mehr Schimpfe.

Weiter geht’s.

Man ist super in der Zeit; die ersten Kindlein machen bereits Pläne fürs Kulturprogramm heute Abend („Und dann geh’n wir zum Mäckes!“), als urplötzlich nichts mehr geht.

Stau.

Nein. STAU.

Irgendwo kurz vor der niederländischen Grenze ist ein mit viel Diesel beladener Lkw ein bisschen umgefallen (die Frau Hilde weiß dank Kollegin C.s Internetrecherche, dass dem Fahrer nichts passiert ist). Diesel hat er auch verloren, und das nicht zu knapp.

Die Kindlein murren. Die Frage, wie lange es noch dauert, wird zur Endlosschleife. Es ist wirklich niedlich, dass einem die Schüler so viel geografische Kompetenz zutrauen, aber wie lange man noch in einem Stau stehen wird, dessen Anfang man nicht sehen kann und dessen Grund man nicht kennt, das übersteigt auch die hellseherischsten Lehrerkapazitäten.

Zweieinhalb Stunden später geht es weiter.

 

19.30 Uhr (geplant war kurz vor 17 Uhr) Ankunft am Zielort. Großes Hallo bei den Kindlein und ihren Austauschpartnern; die Lehrerschaft denkt sehnsüchtig an Dusche und Bett. Aber zuerst muss man warten, bis auch wirklich jeder Schüler abgeholt wurde, danach muss man noch mit allen anderen Kollegen zum Essen gehen.

Gegen Mitternacht fallen Kollegin C. und die Frau Hilde dann endlich in ihre Betten.

 

Mittwoch.

Frühes Aufstehen. Gar nicht schön, weil schweinekalt. Die Frau Hilde bibbert ein bisschen in der Dusche rum.

Nach dem Frühstück geht’s zur Partnerschule. Dort ist heute Vormittag Arbeit und am Nachmittag Sport angesagt.

Dass man bei diesem Hundewetter arbeiten muss, stört die Kindlein nicht weiters; da es kalt ist und regnet, ist die Motivation, abzuhauen, ohnehin praktisch nicht vorhanden.

Die Frau Hilde wird dem „Seifenketten“-Workshop zugeteilt. Und (Überraschung!) bastelt eine Seifenkette.

Das Ergebnis sieht auch ungefähr so aus, wie es sich anhört, und deshalb ist die Seifenkette inzwischen unsichtbar aufgehängt im Kleiderschrank verschwunden.

Kollegin C. hat’s besser erwischt; die ist im Schmink-Workshop.

Am Nachmittag, inzwischen ist es noch einmal kälter geworden und der Regen wurde auch nicht besser, steht Sport auf dem Programm; Fußball, Beachvolleyball und Basketball.

Die Kindlein rennen und schwitzen vor sich hin, die Lehrerschaft tropft. Da es ja so etwas wie eine Aufsichtspflicht gibt, kann man die Schüler nicht einfach ihrem nässenden Schicksal überlassen, sondern muss daneben stehen und anfeuern, trösten, motivieren, Taschentücher reichen, tausendundeine Tasche bewachen undsoweiter. Eine einzige Kollegin hat daran gedacht, ihre Winterjacke einzupacken. Der Rest zittert um die Wette.

Abends geht man wieder essen, das heißt, fünf Kollegen und die Frau Hilde beschließen, im Hotel zu essen.

Dort ist man nicht so recht auf sechs hungrige Menschen eingestellt, und so dauert es insgesamt dreieinhalb Stunden, um zwei Gänge zu servieren.

Gegen Mitternacht geht man auf die Zimmer. Kollegin C. zeigt der Frau Hilde noch, wie man die Heizung anbekommt, und dann wird geschlafen.

 

Donnerstag: Heute muss man früher aufstehen, weil das Programm zeitig losgeht. Man arbeitet zum Thema Integration in Europa. Hierzu gibt es einen Vortrag eines Shoah-Überlebenden, einen Film und einen Diavortrag.

 

Gegen später bereiten die Schüler ein kleines Nachmittagsprogramm vor, das man sich gemeinsam anschaut (und mehr oder weniger leise flucht, weil eigentlich nichts funktioniert …).

 

Abends, nach dem obligatorischen gemeinsamen Futtern, zieht es die Kollegenschaft noch in die Hotelbar. Und weil dort niemand sonst ist, dafür aber ein großer Fernseher, bittet man darum, das Relegationsspiel sehen zu dürfen.

Läuft.

Nur nicht für Lautern.

Lokalpatriotisches Trauern nach dem Spiel.

 

Freitag: Über Nacht ist es womöglich noch kälter geworden. Die Frau Hilde hat morgens die Wahl zwischen einem benutzten und einem benutzten Pullover und dazu leider nur einer Weste.

Prima Voraussetzungen.

Heute ist wieder Sport und Spaß angesagt; den Tag über geht man in einen Freizeitpark, wo die Schüler entweder schwimmen gehen oder an einem „Survivaltraining“ teilnehmen können. Der Lehrerschaft wurde mitgeteilt, es sei für genügend Aufsichten gesorgt, man (= die Lehrer) könnten also den ganzen Tag im Inneren bleiben, einen Kaffee nach dem anderen trinken und faul sein.

In der Praxis sieht es dann natürlich etwas anders aus: Erst müssen Kollegin C. und die Frau Hilde ins Schwimmbad rein; angeblich hätten die Kindlein randaliert (es stellte sich dann heraus, dass die Randalierer gar nichts mit dem Austausch zu tun hatten, sondern irgendwelche niederländischen Schulausflügler waren). Nachdem die beiden tüchtig geschwitzt haben, heißt es plötzlich, na ja, vielleicht sind beim Survivaltraining doch nicht so viele Aufsichten wie gedacht.

Also latschen Kollegin C., die Frau Hilde und noch zwei weitere Kollegen erst 25 Minuten durch den Park, um anschließend drei Stunden im eiskalten und nassen Wald zu stehen und die auf Bäumen und unter der Erde herumturnenden Kindlein zu beaufsichtigen.

Spätestens hier kapitulieren dann vier Immunsysteme.

Nach der Rückkehr hat man genau eine Stunde Zeit bis zum Abendprogramm (Disko für alle Kindlein). Die Frau Hilde nutzt das, um sich willenlos in die heiße Badewanne zu schmeißen (was da jetzt wohl wieder für Suchbegriffe kommen …?).

Abends dann die schon erwähnte Disko.

Die jedes Jahr ein Problemfall ist:

  1. Die deutschen und niederländischen Schüler dürfen nicht rauchen.
  2. Die französischen dürfen es in Frankreich schon.
  3. In den Niederlanden dürfen es die französischen Schüler auch nicht.
  4. Den französischen Schülern ist das herzlich egal.
  5. Die französischen Lehrer üben sich im Wegschauen.
  6. Die französischen Schüler bieten den deutschen Schülern natürlich Kippen an.
  7. Die französischen Schüler haben außerdem jede Menge Alkohol dabei.
  8. Alkohol ist bei der Disko strengstens verboten.
  9. Die französischen Schüler bieten den deutschen Schülern natürlich auch Alkohol an.
  10. Den französischen Schülern ist es herzlich egal, wenn sie von deutschen Lehrern gemaßregelt werden. Sie vergessen dann nämlich auf der Stelle ihr mickriges Schulenglisch und „Je ne comprends pas“ wird zum Satz des Abends.
  11. Ihre Manieren vergessen sie auch und beschimpfen die deutschen Lehrer aufs Übelste.

 

Kurz: Juhu, wasn Spaß!

Nicht.

Die Lehrerschaft patrouilliert also in der Kälte herum, fängt Schüler ein, nimmt Schülern die Bierdosen und die Zigaretten weg, lässt sich beschimpfen, friert weiter vor sich hin, lobt gelegentlich die eigenen Schüler, die sich nicht von den Franzosen anstecken lassen, friert immer noch, verbietet den Franzosen, Jack Daniels in ihre Cola zu kippen, lässt sich beschimpfen, friert nach wie vor, hebt einer Französin den Kopf, die sich nach übermäßigem Alkoholgenuss das Abendessen noch einmal durch selbigen gehen lässt, tröstet in der Zwischenzeit zwei eigene Schäflein (eins unglücklich verliebt; eins erschüttert ob der nahenden Trennung von der Austauschpartnerin), lässt sich wieder von einer Französin beschimpfen, hat (die Frau Hilde) die Schnauze voll davon und meckert auf Französisch zurück, und ja – friert.

Irgendwann ist das Elend vorbei, die Kindlein feiern bei einer Niederländerin noch große Abschiedsparty, der LeerLehrkörper fällt nach einem kurzen Besuch in der Hotelbar und anschließendem Packen in die Betten und direkt ins Koma.

 

Samstag: Tag der Abfahrt.

Fast alle Schäflein sind pünktlich und so kann der Bus bereits um 9 Uhr morgens die Heimreise antreten.

Im Bus selbst ist es recht still. Die Abschiedsparty scheint doch länger gedauert zu haben.

Kollegin C. und die Frau Hilde haben nichts dagegen. Beide schnupfen vor sich hin und sehnen die Ankunft in Hildehausen herbei.

Einer der Busfahrer sorgt mit seinen Späßen noch für ein wenig Abwechslung, und kaum ist es 15 Uhr, steht man in Hildehausen.

Eine knappe Stunde muss man noch warten, bis auch die letzten Schüler abgeholt worden sind, dann geht es auch für Kollegin C. und die Frau Hilde nach Hause.

Letztere fährt direkt noch einmal los, um einzukaufen, und dann wird noch Wäsche gemacht. Und anschließend legt sich die Frau Hilde „ein halbes Stündchen“ hin, aus dem auf wundersame Weise zwei werden, und beinahe hätte sie den Beginn des CL-Finales verpennt!

 

Dies war in Kürze das, was man so als kleine Frau Hilde in der großen weiten Welt erleben kann.

 

Heute übrigens, da der einzige sonnige Tag im Mai zu sein scheint, hat sich die Frau Hilde dank exzessiven Vorm-Stammcafé-im-Freien-Sitzens einen mordsmäßigen Sonnenbrand geholt.

Die Welt ist schon manchmal ein bisschen absurd.

 

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde und wird sich jetzt wieder lang machen. Und danach noch rascheben die Klassenarbeit für die Puschels aufsetzen.

Übrigens ist sie gestern mit Schüler H. eine Wette eingegangen, aber davon beim nächsten Mal mehr.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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16 Antworten zu Von Kälte. Und einem Austausch.

  1. twilight schreibt:

    Schöne Geschichte, vor allem für die Leser!

  2. Judith schreibt:

    Ohje, dann wünsch ich Dir mal gute Besserung! So nach ganz richtig viel Spaß (zumindest für die Lehrer) klingt das ja nicht…

  3. diewiderspenstige schreibt:

    hui, klingt nach „Survival-Training für Lehrer“ 😀
    Sag mal, in welcher Sprache unterhalten sich die ganzen Schüler da?

    • frauhilde schreibt:

      In einem wilden Mischmasch aus Deutsch, Englisch und Niederländisch. Das Ganze klingt recht abenteuerlich, aber die Kindlein schienen sich zu verstehen.
      Nur die Franzosen nicht, aber die haben sich eh nur selten unters „Fußvolk“ gemischt. 😉

  4. fraukrokodil schreibt:

    Muss mal wieder dumm fragen: Was sind Seifenketten und was tut man damit ausser sie im Schrank zu verstecken?

    • Judith schreibt:

      Hihi, ich musste auch gerade erstmal googeln… und kann nun verstehen, warum die im Kleiderschrank verschwunden ist. Seifenketten sind tatsächlich Ketten aus Seifenstücken mit schönen Muschelchen verziehrt und so.

      Meine dumme Frage dazu wäre jetzt gewesen, warum alles in der Welt macht man sowas??? ;o)

      • Judith schreibt:

        Ach Du sch… ohne „h“ natürlich… *umfall*

        • frauhilde schreibt:

          *Judith das H wegnehm und zur Seifenkette in Schrank sperr*

          Und ja, genau. Man macht aus Perlen und Tüddelkram und Seifenstückchen eine Kette. Die riecht dann idealerweise ganz gut und man kann sie wie ein Lavendelkissen (oder was Omma sonst so zwischen den Handtüchern liegen hatte) in den Schrank tun, wo sie friedlich vor sich hinduften.

          Meinst du jetzt, warum man das bei einem Austausch macht? Das war an dem Tag Schlechtes-Wetter-Kindlein-bespaßen-Alternativprogramm. Wir wollten Kanu fahren gehen, aber bei gefühlten minus trölfzig Grad und Regen haben wir’s lieber gelassen und die Schüler halt drinnen beschäftigt.

  5. Corinna schreibt:

    Gut, dass Du wieder zurück bist! Der Ausflug muss so etwas wie das Fegefeuer gewesen sein… oder doch schon Hölle?

  6. Eponine schreibt:

    Das hört sich 1. nach Stress an und 2. nach sehr kalt. Tröstet es dich, wenn ich dir sage,d ass es hier genauso a***kalt ist und dazu sintflutartige Regengüsse einen auf Land unter machen? Und das am Feiertag heute *herummault* Da baut es einen auf, wenn für morgen und das gesamte WE noch heftigere Regengüsse angesagt wurden!
    Wie auch immer: Gute Besserung! *schiebt Tee mit Honig rüber*

    • frauhilde schreibt:

      Dankeschön! *an Tee andock*
      Trösten wäre jetzt vielleicht zu viel gesagt. Aber immerhin können wir jetzt zusammen auf besseres Wetter hoffen (der Herr Internet hat da was von nächster Woche verlauten lassen, aber ob man dem trauen kann?). 😉

  7. A. P. Glonn schreibt:

    *reicht der Frau Hilde ihre Wärmflasche in Form eines Schafes* (Ich hoffe, du weißt das zu schätzen, das teile ich nämlich sonst nie – nein, das „nie“ muss in dem Fall NIE (!) geschrieben werden.) Aber ich habe beim Lesen zum ersten Mal Mitleid mit einem Leer… ähm, Lehrkörper empfunden, und das, obwohl du mich sonst zum Lachen bringst. Ich finde, du hast es verdient. Aber sag mal, so richtig der Sinn eines solchen Schüleraustauschs (Schüleraustausches? Wie ist das korrekt?) ist mir nicht so richtig klar geworden. Und ich muss zwar bei so einem Mistwetter auch jeden Tag raus und etwa vier Stunden lustig im Freien verbringen, aber wenigstens bewege ich mich dabei und habe (meistens) richtige „Wetter“klamotten an. Also nix da mit Erkältung und Schnupfen. Wie auch immer: gute Besserung!

    PS: Jetzt haben die Frau Freitag und Frl. Krise zusammen ein Buch rausgebracht: Der Altmann ist tot. Schon gehört? Ich werde das natürlich lesen, aber weißt du was? Ich hätte lieber ein Buch von der Frau Hilde. Was denkst du? Und wenn ja – kriege ich ein Autogramm? *versucht’s noch, so lange die Frau Hilde krank und wahrscheinlich weniger abwehrbereit ist*

    • frauhilde schreibt:

      Oh, ein Saf! *Schaf flausch* Das ist aber ganz doll lieb von dir, ich pass auch aufs Safi auf, ganz ehrlich echt. Also, Hubert mit der Banane passt darauf auf, das ist mein Alltime-Kuschel.

      Der Sinn des Austauschs ist Interaktion zwischen europäischen Schulen (denk dir noch zwei Seiten superpädagogisches Blabla dazu) und das Erleben des europäischen Zusammenwachsens. Das Ganze garniert mit Sport, Spiel und Spaß (und Schokolade – ach nee, das war die andre Werbung). Und da es von der EU gnadenlos gefördert wird, haben wir ein beschämend hohes Budget, um das zu verwirklichen. Wir sind aber jetzt aus dem Programm ausgestiegen.

      Was machst du denn vier Stunden draußen (also, außer die Ninja-Katze in den Garten zu lassen natürlich!)?

      Die Frau Hilde hat ja schon mal gesagt, dass ihr Talent definitiv nicht im Schreiben von Büchern liegt. Deshalb belasse ich es bei gelegentlichen Ergüssen meiner chaotischen Seele.
      Aber apropos Buch … Ob es wohl mal einen zweiten Teil von „Anpfiff, …“ gibt? Oder ein ganz anderes Wölfling-Buch? *einen auf armes krankes Hilde mach und deshalb Mitleid erregend guck und liebfrag*

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