Von Streiks. Oder: Frankreich III

Man dackelt gemeinsam zur nicht weit entfernten französischen Schule. Unterwegs fragen die niederländischen Kollegen, ob es denn möglich wäre, sich mal eine Stunde anzuschauen. Ist ja immer interessant, wie Unterricht in anderen Staaten so abläuft.

Na ja, die französische Kollegin windet sich, das sei ja grundsätzlich kein Problem, allerdings heute sei das ein bisschen doof, nämlich die Schüler streikten. Das Fernsehen sei auch gerade da gewesen und überhaupt sei an einen geregelten Ablauf heute nicht zu denken.

An der Schule angekommen, sehen die nicht-französischen Lehrer, wie so ein Streik abläuft: Hunderte von Schülern halten die Straße, das Gebäude, den Eingang und diverse Laternenpfähle besetzt, die nähere und weitere Umgebung wird mit französischem Hiphop beschallt, Zigaretten und Flaschen mit fragwürdigem Inhalt kreisen.

Kollegin C. wird von ein paar Schülern in Beschlag genommen; sie soll ein Pamphlet unterschreiben. Mit Händen und Füßen macht sie den Streikenden klar, dass sie nur Gast ist.

Ein Schüler fällt vom Laternenpfahl.

(Nichts passiert, Anm. d. Fr.H.)

Knapp dreißig Minuten später hat man etwa genau so viele Meter überwunden und sitzt nun in angenehmer Atmosphäre (Kollege M.: „Das war doch mal ein Schlachthaus hier, oder?“) zusammen, um zu arbeiten.

Ja.

Hm.

Arbeiten.

Nun ist das ja so, dass jeder unter „Arbeit“ etwas anderes versteht.

Auf der Fahrt nach Frankreich ging das B.’sche Auto davon aus, dass man von morgens bis nachmittags zügig den Abschlussbericht erstellen würde, um dann eventuell schon am Dienstagvormittag wieder zurückfahren zu können.

Die französischen Kollegen gehen davon aus, dass man sich zunächst sämtliche vom französischen Kollegen gedrehten und noch nicht bearbeiteten, ergo geschnittenen, Videos anschaut, die dieser in den Niederlanden gedreht hat.

Die niederländischen Kollegen möchten zunächst zweitausend Fotos anschauen und dann ein bisschen Kuschelpädagogik (Pardon, Frau Weh!) betreiben (= Evaluation).

Leichter Unmut bei C., M., B., W. und der Frau Hilde macht sich breit. Die Erfahrungen des letzten Jahres haben gelehrt, dass man mit dem Abschlussbericht baldigst anfangen sollte, nämlich der dauert ganz schön lang. Zumal jedes Land Teile davon noch in seine Landessprache übersetzen muss.

Aber nun haben die niederländischen Kollegen nun mal lauter DIN-A3-Blätter vorbereitet, auf die man schreiben soll, was den beim Austausch gut war und was man verbessern könnte. Und danach wird das Ganze präsentiert.

W. und die Frau Hilde gehen nach dem Wetter schauen.

Es ist immer noch da.

Bei der Präsentation geht der „Was ist gut gelaufen“-Punkt recht schnell.

Als es jedoch darum geht, was verbessert werden könnte, zeigt sich, dass manche Lehrer einfach nicht zu schnellen Lösungen fähig sind. Nein, da muss jeder Punkt ausgiebigst diskutiert werden und natürlich müssen manche ihre Meinung zu wirklich ALLEM kundtun, auch wenn es sie gar nicht betrifft.

Die französischen und niederländischen Kollegen sowie M. üben sich im gegenseitigen Über-den-grünen-Klee-Loben.

C. bekommt vor Wut Schnappatmung.

W. malt.

B. bastelt hingebungsvoll am Inhalt eines Ü-Eis.

Die Frau Hilde schreibt einen Brief an Lieblingskollegin O., in dem alle drei Zeilen ungefähr folgendes steht: „10.50 Uhr. Nerv-Level: steigend“, „11.02 Uhr. Nerv-Level: bin kurz vorm finalen Urschrei!“ usw.

Zwischendrin muss man natürlich Kaffeepause machen; man hat ja erst vor zweieinhalb Stunden gefrühstückt, da verhungert man natürlich auf der Stelle, ist klar.

Die Franzosen schaffen eine Tarte au sucre bei, die gefühlt 200 Prozent Zucker enthält. Die Frau Hilde enthält sich dankend.

W. und die Frau Hilde gehen nach dem Wetter schauen.

Es ist tatsächlich immer noch da.

Nach der Kaffeepause, so die französischen Kollegen, könnte man doch demnächst zum Mittagessen gehen. Ist ja schließlich bald halb zwölf und so.

B. beißt vor Wut fast in den Tisch.

Bis zwölf schaut man sich Fotos an.

Dann geht es zum Mittagessen in die Stadt.

Bis es weitergeht, wird’s doch 14 Uhr.

Die niederländischen Kollegen möchten den nächsten Austausch planen.

Ultimatives Blockieren von Seiten von B., M., C. und der Frau Hilde. ERST den Abschlussbericht, DANN sonstwiewas!

Indigniert sitzen die niederländischen Kollegen rum; sie haben vergessen, das Formular für den Abschlussbericht mitzubringen.

Kleine Diskussion.

W. und die Frau Hilde gehen …

Ja. Noch da.

Später.

Man hat ein Formular runterladen können, das ist aber auf französisch, weshalb es gedolmetscht werden muss und die anderen müssen eben nebenher die Übersetzung mitschreiben.

W. schiebt der Frau Hilde ein Zettelchen zu. „Heute Abend gehe ich NICHT nüchtern ins Bett!!“

Kollegin C. fällt fast der Kopf ab, so heftig nickt sie Beifall.

Gegen 17 Uhr findet man so etwas wie ein Ende. Das heißt, es ist insofern ein Ende, als man mit dem französischen Formular nicht mehr arbeiten kann; jetzt hätten halt die landessprachlichen Formulare vorliegen müssen, dann hätte man die Arbeit beenden können.

Is’ aba nich’.

Die Frau Hilde krakelt eine Unterschrift auf dem inzwischen sechs Seiten langen Brief an Lieblingskollegin O.

Man verabredet sich für halb acht zum Essen.

 

Im Hotel angekommen, zieht sich die Frau Hilde ihre Joggingsachen an und trabt an der Meuse entlang. Das hilft gegen Ärger. Kollegin C. begleitet sie.

 

Und wie der Abend weiterging, das erzählt die Frau Hilde im abschließenden Teil. Nämlich jetzt muss sie Wäsche aufhängen und die Puschels-Klassenarbeit wartet immer noch auf Korrektur. Komisch. Dass die Dinger sich nicht von alleine korridingsen. Blöd, das.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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31 Antworten zu Von Streiks. Oder: Frankreich III

  1. Corinna schreibt:

    Wie wär’s mit „nie wieder Schüleraustausch“ und statt dessen „Wandertag ins nächste Heimatmuseum“? 😉

  2. diewiderspenstige schreibt:

    och maaaaaan, jetzt hast du den spannendsten Teil weggelassen – mensch Hildi, das Korridingsda-Dings kann doch echt warten 😀

  3. Patty schreibt:

    Du Ärmste. Ich wär durchgedreht!

  4. fraukrokodil schreibt:

    Und dann heißt es später wieder: „Ja, die Deutschen! Total korrekt und arbeitswütig!“

  5. Eponine schreibt:

    Uiuiui, das klingt… ja. *sich eines Kommentars enthält* Soll man sagen „andere Länder, andere Sitten“? *lach* Franzosen sind eben… ja, Franzosen. *flüstert* Und ich hab das studiert!!! *gg*
    Bin gespannt auf deine Fortsetzung 😀

  6. Frl.Sonnenschein schreibt:

    Hihi! Ihr Bericht klingt ziemlich ganz genau so, wie eines unserer tollen Französisch-LK-Themen… So von wegen Clichées/Vorurteile und so… Scheint ja doch etwas dran zu sein… Mhm. Lieblingskollegin O. wird sich aber bestimmt über den langen Brief freuen; dann hatte das alles wenigstens für eine etwas Gutes (obwohl… für uns Leser ja auch: Bei Ihrer Art zu schreiben wird sogar so ein Chaos-Trip an die Mö…Meuse doch recht unterhaltsam…) 😉

  7. michael schreibt:

    Seit wann dürfen denn Schüler streiken und wofür haben die denn gestreikt?

    • frauhilde schreibt:

      Meine Bewandertheit in der Geschichte des französischen Schüler-Streikrechts hält sich in Grenzen.

      Sie haben gegen die Schließung der Literatur-Abteilung gestreikt; aus finanziellen Gründen soll die Schule mit einer anderen Schule „fusionieren“, weil die Schülerzahlen rückläufig sind, und es sollen an dieser Schule bestimmte Fachgebiete nicht mehr angeboten werden.

  8. A. P. Glonn schreibt:

    Du, Frau Hilde, ich habe eigentlich gar keine Zeit. Der Stress frisst mich langsam auf, aber ich beiße zurück. Deshalb nämlich habe ich gar keine Zeit, aber ich muss doch immer wieder mal bei dir vorbeischauen und mich freuen. Weil du so schöne Berichte schreibst, auch über Themen, die du zu dem Zeitpunkt gar nicht lustig fandest – für uns sind sie es dann umso mehr. Immerhin konntest du so mal deinen inneren Schweinehund an der Mö… ähm, na, an dem komischen Fluss Gassi führen, nicht wahr? 🙂 Ich glaube, an deiner Stelle würde ich auch an Streik denken. Schüleraustausch-Streik. Nämlich. Und so. Ein schönes Wochenende!

  9. giftigeblonde schreibt:

    Amüsant, ich bin froh da nicht dabeigewesen zu sein, das stelle ich mir sehr anstrengend vor.
    Aber schön dass du entlang des zweideutigen Flusses ein bissl entspannen konntest beim Joggen hihi

  10. fraubutterbrot schreibt:

    Hihi, ich schreib auch immer Briefe/Sms an meine Lieblingskollegin bei derartig aussichtslosen, „jede(r)-gibt-seinen Senf-dazu-weil-sonst-hört-mir-ja-auch-niemand-zu“-Diskussionen. Da weiß man dann wieder, wie man sich als Schüler gefühlt hat, wenn der Lehrer vorne ewig schwallt und einen das üüüüberhaupt nicht interessiert. Und man aufpassen muss, nicht vom Chef erwischt zu werden 😉
    Übrigens: Großes, fettes „Reeeee:spect“ für die Disziplin, im Schüleraustausch zu joggen! Ich bin entsetzt/neiderfüllt!

    • frauhilde schreibt:

      Briefchen schreiben ist ohnehin toll (besonders wenn man weiß, dass man es eigentlich nicht soll *g*). Und deine Lieblingskollegin freut sich bestimmt auch sehr drüber!

      Du, Schüler waren diesmal nicht dabei, das waren nur die beteiligten Lehrer. Sonst wäre ich vermutlich nicht dazu gekommen (und hätte mich auch ungern vor den Kindlein blamiert mit meinem Schnauf-Schnauf-Getrabe ;)).

  11. Seemädel schreibt:

    Als ich in Frankreich war, haben meine Schüler gerade nicht gestreikt – die einer anderen Schule allerdings schon. Die Polizei hat den Demonstrationszug alle paar 100 Meter auf die andere Seite der Fahrbahn gelenkt, damit die Autos und Busse zumindest langsam vorankamen.
    Gestreikt haben allerdings öfter meine Kollegen, eine Klasse habe ich schlussendlich extrem selten gesehen – hatte sie eh nur alle 2 Wochen, dann war Schnee (= kein ÖPNV), Ferien, Streik, einmal da, Streik…

    Aber deine Schilderung liest sich so im Nachhinein sehr lustig :lol:.
    Sagt als nicht (mehr) Selbstbetroffene:
    das Seemädel

    • frauhilde schreibt:

      Ja, im Nachhinein kann ich auch drüber lachen … 😉

      Wie lange warst du denn in Frankreich?

      • Seemädel schreibt:

        Ein gutes halbes Jahr, von Oktober 2009 bis April 2010 – damals habe ich das Bloggen angefangen^^
        Ich war als Deutsch-Assistentin an 3 Schulen in Caen, und sobald „mein“ Lehrer gestreikt hat, durfte ich auch nicht unterrichten *g*.
        Aber die Franzosen sind ja insgesamt sehr Streik- und Demofreudig, die Lehrer haben nicht nur wegen Geld gestreikt, sondern auch z.B. gegen die Oberstufenreform.
        Da ja nicht nur Lehrer streiken und demonstrieren, zog gefühlt mindestens einmal wöchentlich ein Zug vor meinem Wohnheim vorbei, das lag nämlich zwischen Innenstadt und Rathaus… eine meiner ersten neu gelernten Vokabeln war „faire grève“ ;-).

        • frauhilde schreibt:

          *lach*

          Die Streikkultur ist echt eine ganz andere. Für uns ist das recht ungewohnt, aber dort scheint sich keiner dran zu stören.
          Lieblingskollegin O. war im Auslandssemester auch in Frankreich, da wurde auch gestreikt. Die ganze Uni bzw. der ganze Campus war abgeriegelt. Dummerweise lag das Studentenwohnheim auf dem Campus. Und um da rauszukommen, mussten sie über Zäune klettern. Was wiederum die Franzosen echt lustig fanden.

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