Vom Freihaben. Oder: Frankreich IV

Nach dem Joggen reicht’s gerade noch für eine Dusche, dann trifft sich die geneigte Gesellschaft zum Abendessen.

Vorher gehen W. und die Frau Hilde nach dem Wetter schauen.

Man sollte es nicht denken, aber es ist immer noch da.

Und dann fliegt ein Vogel über die zwei Beiden und …

Ja.

Natürlich.

Wajaklaa.

Und wessen Jacke kackt er voll?

Ja.

Natürlich.

Wajaklaa.

 

Die Frau Hilde geht sich eine andere Jacke holen.

 

Das Restaurant sieht von außen völlig unscheinbar aus; ein graues Häuschen mit komischer bunter Blinkeleuchtschrift. M. und W. tauschen einen misstrauischen Blick.

Von innen macht es keinen viel besseren Eindruck.

Aber gut, das Hauptaugenmerk der Lehrer liegt an diesem Abend ja auf dem Konsum der einen oder anderen Flasche Rotwein nach dem Essen, insofern denkt man sich, es wird schon rumgehen.

Die französischen Kollegen werden heute Abend von zwei weiteren Lehrern der Schule begleitet. Einer bekommt vom ganzen Abend irgendwie nichts mit; er scheint daheim bereits mächtig vorgeglüht zu haben. Der andere kann kein Englisch.

Er sitzt neben der Frau Hilde, und die beiden unterhalten sich hauptsächlich mit Händen und Füßen. Die Unterhaltung gewinnt, als man feststellt, dass beide Geschichte unterrichten.

Die mangelnden Englischkenntnisse des Kollegen erschweren das historisch tiefgehende Gespräch, aber irgendwie verständigt man sich dann doch und ist sich darüber einig, dass das Mittelalter ohnehin die spannendste Zeit ist, leider (aus Schülersicht Gott sei Dank) im Unterricht viel zu kurz kommt.

Ja. Und dann gibt es Essen.

Und an dieser Stelle legt die Frau Hilde eine Schweigesekunde für das verdammt beste Essen seit Jahren ein.

Hauptgericht mitsamt Beilage sind auf den Punkt genau zubereitet, beides schmeckt so hervorragend, dass der Tisch mit immerhin elf (!) Lehrern (!!) eine geschlagene Stunde lang nichts (!!!) redet, sondern nur wohlige Geräusche des Genusses von sich gibt.

Ehrlich, das war der absolute Hammer!

Die Frau Hilde hat ihr Essen und den Nachtisch von C. fotoknipst, weil … also, das musste einfach sein.

Sie hat sich übrigens Zander bestellt. Der kam mit Kartoffeln auf Linsen mit einer Cidre-Sauce. Die Geschmacksknospen der Frau Hilde sind fast explodiert vor lauter Yammie.

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Gegen halb elf rollt geht man zurück ins Hotel, um sich endlich dem Alkohol hinzugeben einen kleinen Absacker zu genießen.

M. und C. pienzen ein bisschen rum, nämlich sie haben sich Klassenarbeiten mitgebracht und müssen eigentlich noch korrigieren.

Schließlich lassen sie sich dann aber doch überreden.

 

Die erste Flasche wird gebracht (vom netten Portier, der überhaupt ein ganz, ganz arg prima-iger Mensch ist und immer sehr freundlich und ganz viel redet und man versteht ganz überhaupt nichts, aber das macht nichts, weil man lächelt dann und dann redet er wieder ganz viel).

B. und die Frau Hilde prosten sich zu und tun vollmundig kund, am nächsten Morgen joggen zu gehen.

Grinsen vom Rest.

Kurze Zeit später gesellen sich die niederländischen Kollegen dazu und bestellen Cola. Na, dann kann die Party ja in Fahrt kommen …

M. entschließt sich, die Korrekturen auf den nächsten Vormittag zu verschieben und zeigt den niederländischen Kollegen, was ein echter Pfälzer ist. Böse Zungen würden das als Sturztrinken bezeichnen.

Eine halbe Stunde später fällt er dann ein bisschen durch die Tür die Stufe nach draußen runter, weil er auch mal nach dem Wetter schauen wollte.

B. und W. üben sich darin, die Anzahl der Fluss-Witze ins Unermessliche zu steigern; die Frau Hilde, die seit einiger Zeit nur seltenst Alkohol trinkt wegen weil Kalorien und so was alles, sitzt nach zwei Gläsern Rotwein lieb lächelnd am Tisch und versucht krampfhaft, nicht schlafend vom Stühlchen zu purzeln.

M. entdeckt auf dem Weg nach innen das ominöse Mösenplakat, und das Unheil nimmt seinen Lauf (Beweisfoto wurde bereits geliefert).

Man tauscht einige Gemeinheiten interessante Geschichten über Schüler aus (sorry, liebe Schüler, aber ihr lästert ja auch über uns Lehrer!).

B. bekämpft die Wirkungen einer halben Flasche Rotwein und beschließt, doch nicht joggen zu gehen.

Die Frau Hilde lächelt lieb und hat denselben Gedanken.

W. und M. kommen auf die glorreiche Idee, Flaschendrehen zu spielen. Und man darf, wenn man „Wahrheit“ nimmt, nur in Reimen antworten.

Eine saudumme ausbaufähige Idee; die niederländischen Kollegen verlieren ein bisschen den Glauben an die Menschheit.

Halb zwei.

Der nette Portier sagt, er ginge jetzt schlafen, man solle einfach aufschreiben, was man noch so getrunken hat, die Getränke seien da hinten, und er wünsche noch viel Spaß und abrechnen könne man ja morgen.

Zwei Uhr.

Die Frau Hilde kapituliert. Zusammen mit B. („Wehe, du rufst morgen an und weckst mich wegen der Joggerei!!“) sucht sie den Weg nach oben, packt noch schnell ihr Täschelchen, fällt ins Bett und schläft schon, bevor ihr Kopf das Kissen berührt hat.

Glaubt sie zumindest; genau kann sie sich nicht mehr dran erinnern.

 

Dienstag, 6.03 (!) Uhr

Der Frau-Hilde-Handywecker beschließt, das zu tun, was er gestern schon tun sollte, heute aber irgendwie doch nicht, und klingelt munter vor sich hin (die Frau Hilde hat das da als Weckton; das macht einen nämlich so aggressiv, dass man freiwillig aufsteht!).

Beim Versuch, die Snooze-Taste zu drücken, fällt der Frau Hilde das Handy unters Bett und klingelt dort jetzt alle zehn Minuten laut und penetrant weiter.

Die Frau Hilde flucht.

Und um kurz nach halb sieben hat sie das Schnütchen voll, macht den Wecker aus, putzt sich die Zähne, schmeißt sich in die Joggingsachen, schnappt sich ihren MP3-Player und tappert nach unten.

Der Portier ist schon da, macht große Augen, als er die Wagenräder unter den Augen mit der Frau Hilde dran sieht, sagt ein paar lustige Sachen und öffnet der Frau Hilde die Tür.

Die trabt von dannen.

Und stellt fest, dass Joggen am Morgen wirklich, wirklich echt gute Laune macht. Okay, „Joggen“ ist vielleicht übertrieben. Die Frau Hilde macht das ja erst seit Kurzem und ist deshalb noch auf dem „Anderthalb Minuten joggen, eine Minute gehen“-Level. Aber immerhin.

Sie findet einen schönen Weg an der Meuse entlang und ist immerhin etwas über eine halbe Stunde in Bewegung.

 

Um kurz vor acht, die Frau Hilde hat eben versucht, sich mit dem Ungetüm von Hotelfön die Haare zu trocknen (nämlich den muss man ganz doll weit hochhalten, dann geht der an, aber um den ganz doll weit hochhalten zu können, sollte man idealerweise um die Zweimeterfünfzig messen. Die hundertachtundsechzig Zentimeter der Frau Hilde reichen irgendwie nicht ganz aus. Später wird sie übrigens erfahren, dass es Kollegin C. (1,62) noch übler erging), klopft es an der Tür.

B., etwas blass ums Näschen, sagt, sie habe besser mal weckklopfen wollen. Es hätte ja sein können, dass die Frau Hilde infolge des Rotweinkonsums verschlafen hätte.

Diese winkt ab, grinst frech und erzählt dann, sie sei schon joggen gewesen. Und überhaupt sei sie jetzt voller Endorphine und habe gute Laune und alles sei ganz primafein.

Ein verkaterter Killerblick von B. und W. trifft die arme kleine (ja, ja!) Frau Hilde. W. raunzt ein bisschen rum, straft sich aber gleich darauf Lügen, schnappt sich die Frau Hilde und führt sie gentlemanlike runter zum Frühstück.

Dort wird kurz beredet, was man heute macht, und da man nur den nächstjährigen Austausch plant, an dem die Frau-Hilde-Schule nicht mehr teilnehmen wird, bedeutet das, dass C. und die Frau Hilde an diesem Vormittag frei haben.

Jubelgequake der Genannten. Etwas neidische Blicke von B. und W. (M. ist noch nicht da; er wird eine Minute vor knapp erscheinen, aussehen wie der Tod auf Latschen, und er wird sehr, sehr still sein).

B., W., die niederländischen Kollegen und ein angeschlagener M. machen sich bald darauf auf den Weg.

C. und die Frau Hilde wechseln einen Blick.

 

Eine Stunde später, C. hat ein bisschen Schlaf nachgeholt, die Frau Hilde, trölfzig Postkarten geschrieben, dackelt man ins Städtchen und shoppt mal hier und mal da (so richtig gibt’s im Städtchen nichts, aber für ein paar Mitbringsel reicht’s).

Danach setzen sich die beiden in die Sonne, ordern Kaffee und C. korrigiert und die Frau Hilde erstellt den Erwartungshorizont für die Puschels-Klassenarbeit.

 

Um kurz nach zwölf vibriert der Frau Hilde ihr Handy; die Kollegen sind fertig.

C. und die Frau Hilde überqueren die Möse, gehen zum Auto, und gegen kurz vor eins kann man losfahren.

Direkt hinter dem Städtchen hängt man hinter einem schnarchnasigen sehr diszipliniert fahrenden Belgier fest. Gefluche von W., der fährt und gerne den Heidetarzan geben würde.

„Mach doch langsam, mir’s schon wieder schlecht“, mosert C. (sitzt in der Mitte hinten).

„Musste brechen? Brich nach vorne, bitte“, kommt es von M. (hinten links).

W. überholt den Belgier. C. blässelt.

Minuten später überholt der Belgier wieder.

„Oh“, macht die Frau Hilde. „Ardennenoffensive!“

 

Die Fahrt nimmt ihren Lauf:

„Wie lang noooooch?“ (C.)

„Können wir was spielen?“ (M.)

„Ich hab Durst!“ (C.)

„Ich muss mal!“ (Fr.H.)

 

In Luxemburg wird angehalten. W. und die Frau Hilde schauen diesmal nicht nach dem Wetter, sondern kaufen eine Stange davon ein.

B. tankt.

M. schläft.

C. hat sich ein Hello-Kitty-Überraschungsei gekauft und spielt hingebungsvoll mit einem rosa Jojo.

 

Um halb sechs ist es geschafft!

 

Die Hinterbänkler purzeln aus B.s Auto und verabschieden sich herzlichst.

Die Frau Hilde geht noch eben einkaufen, wirft die Wäsche in die Maschine und will gerade ins Heia fallen, als das Telefon klingelt:

Es ist Kollegin H., die der Frau Hilde ihre Achter vertreten hat. Dafür muss die Frau Hilde am Mittwoch in der ersten Stunde den Unterricht von H. übernehmen. Das nennt sich „Statt-Stunde“ und ist irgendwie besser als Vertretungen. Meint die Schulleitung. Die Frau Hilde, die auf diese Weise zu drei zusätzlichen Mittwochsstunden gekommen ist, meint das nicht.

Und aber jedenfalls sagt H., die Frau Hilde bräuchte erst zur Dritten kommen, nämlich H. bräuchte die erste Stunde selbst.

Die Frau Hilde hört sich nicht „nein“ sagen und schläft darob am Mittwoch gemütlich aus.

Als sie pünktlich zur dritten Stunde erscheint und im Vorbeigehen einen Blick auf den Vertretungsplan wirft, schluckt sie schwer – der Vertretungsplanmensch hatte ihr (in der Annahme, sie sei schon zur ersten Stunde da) eine weitere Vertretungsstunde in die Zweite gelegt.

Die gerade zu Ende geht.

Das ist ziemlich peinlich.

Aber irgendwie kann die Frau Hilde nur ein bisschen was dafür. Und es sagt auch keiner was.

 

Ja. Das waren die Frankreichabenteuer der Frau Hilde. Es ist am Ende jetzt doch ein bisschen ausschweifend geworden. Vielleicht war die Frau Hilde heute ein bisschen zu lange in der Sonne …

 

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde und macht Heia.

Bonne nuit!

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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16 Antworten zu Vom Freihaben. Oder: Frankreich IV

  1. michael schreibt:

    > Die Frau Hilde hat ihr Essen und den Nachtisch von C. fotoknipst

    Oh, Neid, das sieht aber lecker aus!

    > dass der Tisch mit immerhin elf (!) Lehrern (!!) eine geschlagene Stunde lang nichts (!!!) redet,

    Wahnsinn! Könnte die Frau Hilde vielleicht eventuell möglicherweise die Adresse rausrücken, nur für den Fall, dass man sich dahin verirren sollte.

  2. giftigeblonde schreibt:

    Ein schöner Abschlußbericht.
    Du bist recht froh dass du nächstes Jahr nicht mehr mitmachen musst ja?

    Das Essen sieht köstlichst aus, aber Kochen sollen sie ja können die Franzosen.
    Schönen Sonntag!

    • frauhilde schreibt:

      Oh ja, kochen können sie. Nur das mit dem gesunden Frühstück, das ist ausbaufähig (ich bin ja aus Diätgründen eher ein Vollkorn- und Müslifrühstücker).

      Ich hab ein lachendes und ein weinendes Auge. Für die Schüler war es halt schon toll. Und so eine Woche geht ja auch rum.

      Dir auch noch einen schönen Restsonntag! 🙂

  3. Corinna schreibt:

    Na, dieses köstliche Essen war doch wenigstens ein Lichtblick im ganzen Frankreichchaos. Was hat denn Uwe zum Joggen am Fluss gemeint? Kann er jetzt auf Französisch fluchen? 😉

    • frauhilde schreibt:

      Uwe hat eine Selbsthilfegruppe gegründet, sitzt stumm und mit Protest im Blick unterm Tisch, schielt mich misstrauisch an und traut mir keinen Meter mehr übern Weg.
      Und sein Französisch beschränkt sich auf Flüche. *g*

  4. Anne schreibt:

    „Zwei Stangen Wetter, bitte“ 🙂 Wenn’s so einfach wäre…
    Toll, dass Du das Ganze so humorvoll überlebt hast. Und wenn ich Deine anschauliche Schilderung so lese bin ich doppelt froh, dass mein Kopf die waagerechte und nicht die senkrechte Ebene zum Bewegen nutzte, als ein weiterer Austausch angefragt wurde…

  5. Robin Urban schreibt:

    Geiles Essen machen und Streiken. Franzosen 😀

    Ist das so gemein, ich versuche mich seit einer Stunde zum Kochen zu motivieren und dann kommst du mit sowas um die Ecke. Muss ich wohl doch mal so langsam…

    So richtig kapiert, wobei es bei diesem Außeneinsatz jetzt eigentlich ging, habe ich allerdings nicht. War aber auch nicht schlimm 😀

    • frauhilde schreibt:

      Und, was gab’s Leckeres?

      Also, wir mussten den Austausch evaluieren. Und einen Abschlussbericht verfassen; das Austauschprogramm ist EU-finanziert (ähnlich wie Erasmus-Austausche). Und die Damen und Herren Bürokraten möchten natürlich das (unendlich komplizierte und lange) Formular eins a ausgefüllt haben.
      Am Austausch waren die koordinierende Schule (Niederlande) und fünf weitere Schulen (Frankreich, 3x Deutschland, Südtirol) beteiligt; bis auf Südtirol waren jetzt auch alle da. Und den Großteil des Berichts verfasst man gemeinsam.

      Wir sind nächstes Jahr nicht mehr dabei, aber die anderen mussten dann noch den Austausch 2013/14 planen.

  6. Rana schreibt:

    Nun habe ich alle deine Fronkreisch – Berichte nacheinander gelesen! Schöner Urlaub 😉 Und n un weiß ich, dass das Wetter in L. billiger ist als bei uns und dass es Hellokittyüeier gibt. Danke und einen schönen Abend!

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