Von (un)moralischen Instanzen

Also, es gibt ja das Es, das Über-Ich und das Ich; den Trieb, die moralische Instanz und das, was zwischen beiden vermittelt. Irgendwie so.

Und die drei waren sich heute gar nicht einig.

Nämlich, das Es krähte: „AAAAUSSCHLAAAAFEEEEN!!“

Das Ich hätte grundsätzlich keine Probleme gehabt, dem Es zu gehorchen. Blöderweise musste sich aber dann das Über-Ich einmischen. Das ist meist recht ruhig bei der Frau Hilde, besonders wenn es um so Dinge wie sportliche Aktivitäten und so geht. Aber nein, heute Morgen um sieben, genau da musste das blöde Über-Ich seinen Senf zum Thema dazugeben.

„Nein“, flötete das Über-Ich nun also. „Schau, Frau Hilde, du hast gesagt, dass du heute mit der Kollegin C. den Abschlussbericht vervollständigen möchtest. Und dann wolltest du die Wohnung putzen, Wäsche waschen und die Kehrwoche machen. Und hast du eigentlich vergessen, dass auf dem Schreibtisch noch sechsundzwanzig unkorridingste Achter-Aufsätze liegen?“

„Aufsätze!“ Die Verachtung wäre dem Es ins Gesicht geschrieben gewesen, wenn es denn eins gehabt hätte. „Die liegen doch erst anderthalb Wochen da. Machste einfach drei draus. Drei ist ne schöne Zahl.“

Das Über-Ich schnappte nach Luft.

„DREI Wochen? Ja, geht’s noch? Nein, nein. Die müssen heute korridingst werden. Morgen bist du ja auch wieder unterwegs. Oder hast du das Abschlusswandern mit den Puschels vergessen?“

Die Frau Hilde raunzte im Halbschlaf und zog sich die Decke über den Kopf.

Ihr Ich holte Luft, kam aber nicht zu Wort, weil sich das Es wieder lautstark bemerkbar machte.

„Wandern. Wandern ist für Luschis. Echte Frauen … öhm …“

„Jaaaa?“, fragte das Über-Ich süffisant.

„Echte Frauen schlafen aus. Dann machen sie so … Frauendinge halt. Ihr wisst schon, rausputzen und Maske und Haarkur und Fingernägel. Eben die Dinge, die frau an einem Samstagvormittag macht.“

Das Ich machte Anstalten, dem Es zuzustimmen, wurde aber erneut unterbrochen, diesmal vom Über-Ich.

„Pah, Frauendinge. Nur weil du keine Lust hast. Aber das geht nunmal nicht. Pflicht ist Pflicht. Und die C. wartet ja nun auch. Und die Kehrwoche, die muss gemacht werden, sonst klingelt doch die Stasi wieder.“

„Lass sie klingeln“, brummelte das Es. „Ist eh ne blöde Kuh. Und die C. kann auch noch ne Stunde länger warten. Die ist doch selbst nie pünktlich.“

Das Über-Ich hob den Zeigefinger.

„Es, das ist nicht nett von dir. Die C. kann nichts dafür. Vielleicht kann sie ja die Uhr noch nicht so richtig lesen oder so. Und ich möchte nicht, dass du die aufmerksame Nachbarin als blöde Kuh bezeichnest. Wusstest du übrigens, dass Kühe gar nicht so dumm sind? Und letztens, da ist so eine schwarzweiß gefleckte zum Model und …“

„Menno!“, quengelte die Frau Hilde von unter der Decke. „Könnt ihr bittedanke leiser streiten? Ich bin müde!“

Das Über-Ich lupfte die Augenbraue.

„Das ist kein Wunder, wenn du so lange aufbleibst. Da ist es ja klar, dass du dann am nächsten Morgen nicht rauskommst“, sagte es spitz.

„Blabla lange aufbleiben – es ist Wochenende!“ Das Es.

„Genau!“, zwitscherte das Über-Ich fröhlich. „Die Zeit in der Woche, in der man so richtig was arbeiten kann. Außerdem, denk daran, Frau Hilde, je länger du schläfst, desto weniger Zeit hast du nachher im Bad und beim Kaffeetrinken. Und du weißt doch, dass du immer so unleidlich wirst, wenn du morgens hetzen musst.“

„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du eine ganz üble Nervensäge bist?“, knurrte das Es. „Und ich m …“

„RUHE!!“, fauchte die Frau Hilde. „Wie soll man denn bei dem Krach, den ihr veranstaltet, schlafen können?“

„Das ist jetzt ganz alleine deine Schuld, du Über-Ich-Ding, du!“, schimpfte das Es, gleichzeitig trällerte das Über-Ich: „Aber Frau Hilde, du SOLLST ja auch nicht schlafen.“

Die beiden brachen in Streit aus.

Das Ich überlegte kurz, ob es etwas zum Thema beitragen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Man hat ja schließlich noch Anstand und Würde, so als Ich. Und so setzte es sich bequem hin, schlug die Beine übereinander und beobachtete das Es und das Über-Ich, die sich laut anschrien.

Mitten in dem ganzen Tohuwabohu sah man eine triefäugige Frau Hilde aus dem Bett kriechen, den Streithähnen einen tödlichen Blick zuwerfen und sich mehr schleichend als gehend ins Bad begeben.

Als sie sich eine Stunde später auf den Weg zu Kollegin C. machte, vermeinte sie ein leises „Nä, nänä-näääänääää“ aus der Richtung des Über-Ichs zu vernehmen. Möglicherweise hatte sie sich aber auch getäuscht.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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32 Antworten zu Von (un)moralischen Instanzen

  1. giftigeblonde schreibt:

    Hihi, amüsant wie sich deine Persönlichkeiten streiten ggggg, aber schlußendlich hast du gewonnen!
    Bravo!
    Ich kenn das, ist ja ähnlich wie mitn Schweinehund grrr!

    • frauhilde schreibt:

      Na ja, gewonnen hat das Über-Ich.

      Ich bin aufgestanden, war bei C., hab Wäsche gewaschen, Kehrwoche gemacht und die Wohnung ein bisschen geputzt.

      Nur das Korrigieren … *pfeif*

      Ja, der Schweinehund, der ist auch so ein „Es“. Und er gewinnt eindeutig zu oft, gell?

      • giftigeblonde schreibt:

        frauhilde, was soll ich sagen, natürlich gewinnt er.
        Aber bei mir ist im MOment das ich mehr arbeite als bisher, und ich leider nur morgens in die Pötte komme was zu tun, also sportlich, nachmittags mag ich nimmer, abends schon gar nicht.
        Das fehlt mir jetzt natürlich, aber das ist eine gute Ausrede oder? ggg

  2. Ne, ne, hat sie nicht: Sowas täuscht NIE! Und genau da liegt ja der Hase im Pfeffer: Wie soll man es heimzahlen? Zurück-nänäääähnen? Bring nichts. Ignorieren? Geht nicht! Sich darüber aufregen? Klar und damit gleich das nächste “Nä, nänä-näääänääää” riskieren. Nix ist! Soweit kommt’s noch … Ach, mönsch … irgendwie wird der Samstag schon herum zu kriegen sein. Zu was ist fraglich. Aber alles ist besser, als sich weiter dieses Geplärre der verschiedenen Ichs anzuhören.

    War der Kaffee wenigstens gut?

    Eine wunderbare Geschichte! So motivierend, hm?! ;o))

    • frauhilde schreibt:

      *entspannt dasitz und Geschichte les*
      Aber spannend war das, danke, liebe Skryptoria! 🙂

      Die Ichs hab ich heute weggesperrt und der Kaffee war fein! 😉

  3. praktikon schreibt:

    In der Fachsprache nennt man sowas eine „Ich-Schwäche“ *trülülü*

    • praktikon schreibt:

      Doofes Ding! wollte gar nicht abschicken!
      Egal: Mein Es hat sich mit meiner Schweinehundfarm verbunden und führt seit Monaten einen inneren Atomkrieg mit meinem Über-Ich. Es ist ziemlich gut am gewinnen^^

    • frauhilde schreibt:

      Aber das Über-Ich ist doch auch ein Ich, oder?
      Hm.
      Das mit der Ich-Schwäche glaube ich gern; das Ich konnte sich ja überhaupt nicht gegen die zwei Kackbratzen durchsetzen. Blödes Ich.

      • praktikon schreibt:

        Also nach Freud hat der Mensch anfangs überhaupt erst Mal nur ein Es. Dann kommt ein Ich, weil das Ich auch mit der Umwelt in Kontakt tritt und dann das Über-Ich. Das ist alles Evolution! Es digitiert einfach immer neu 😛

        • frauhilde schreibt:

          Irgendwas muss dann aber beim Einzug des Über-Ichs in meinen Körper schief gelaufen sein. Wenn es um Joggen und Korridingsen und so geht, dann stellt sich das Über-Ich meist tot. Nur wenn ich EINMAL ausschlafen will … Pöh.

  4. Sorry wenn ich lachen muss, aber das ist zu gut geschrieben 😀 Made my day 🙂

  5. christaschule2010 schreibt:

    Das Über-Ich dachte: „Das muss ich mir merken, die Frau Hilde krieg ich also sooo aus dem Bett! Super! Beim nächsten Mal fangen wir dann schon um 4.30 mit streiten an!“

    🙂
    Einen schönen Sonntag!

    • frauhilde schreibt:

      WEHE!!
      Dann gibt es einen Ich-Krieg. Oder wie man das nennt.
      Alle gegen das Über-Ich.
      (Nur ich selbst, ich werd dann wahrscheinlich doch wieder aufstehen. Ich bin einfach zu nachgiebig. *g*)

      Dir einen schönen, sonnigen Restsonntag! 🙂

  6. Corinna schreibt:

    Sei froh, dass sich Dein Es nicht mit Uwe verbündet hat. In diesem Fall hätte es sicherlich haushoch gewonnen und alle Arbeit wäre Dir für den Sonntag geblieben. Wenn der Tag bei Dir nur halbso sonnig ist wie hier, dann wäre es eine Sünde, ihn mit Kehrwoche und Abschlussberichten zu vergeuden. 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Ja, aber die Kehrwoche musste ich ja machen. Und den Abschlussbericht auch. Und hättest du meine Wohnung gesehen, hättest du mir zugestimmt, dass sich da was tun muss. 😉
      Korridingst habe ich aber erst heute.
      Und jetzt ist wirklich (fast *hüstel*) alles erledigt.

  7. Cidrin schreibt:

    Seien Sie nicht zu streng mit den beiden. Die machen ja auch nur ihren Job.

  8. Kitty schreibt:

    Hatte eigentlich wirklich jeder „eine Stasi“ zum Nachbar? Kenne ich zu gut… -.-

    • frauhilde schreibt:

      Ich habe „determiniert“ nachgeschlagen. Und den Artikel lese ich morgen, wenn mein Gehirn wieder willens ist, vernünftig mitzuarbeiten. Aber vielen Dank schon mal! 🙂

  9. Seemädel schreibt:

    Sehr schön geschrieben^^
    Erinnert mich daran, wie ich letzten Sommer mit meinem Schweinehund diskutiert habe *g*: http://seemaedel.wordpress.com/2012/08/28/diskussion-mit-meinem-schweinehund/

  10. Eponine schreibt:

    Sorry, aber: *lach* Das liest sich genial, das hast du echt drauf, Frau Hilde!
    Versteh ich aber, dass solche Streitereien lästig sind, v.a. wenn man ausschlafen möchte. Ich kenn das, dass ich mir denk „Hey, WE, kannste laaange schlafen.“ Am Morgen *Blick auf den Wecker* „WTF, es ist 7h Früh und ich putzmunter???“
    Vielleicht solltest du deinem Über-Ich künftig einen Schlaftrunk verpassen…? *g*

    • frauhilde schreibt:

      Ja, das sind die Nettigkeiten des Wochenendes, ne? Da kannste EINMAL ausschlafen. Und dann sitzt du um sieben putzmunter im Bett und denkst ganz hässliche Sachen.
      Fies, das!

      Ich weiß nicht – Schlaftrunk? Mein Schweinehund wird das sicher toll finden. Aber dann werd ich ja nie mehr was Sinnvolles tun … Hm …

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