Von Jogg-Schocks

Die Frau Hilde und Lieblingskollegin O. wollten heute Abend joggen gehen. Das Wetter passte wunderprächtigst. Am Vormittag hatte es ein wenig geregnet und die Temperatur war auf schnuffige 29 Grad gesunken. Beinahe kühl also. Außerdem hatten beide ein bisschen Berufsfrust, der abgebaut werden musste.

Um kurz nach sieben traf die Frau Hilde bei O. ein. Man tauschte den neuesten Klatsch aus, trank einen lecker Kaffee, tratschte noch ein bisschen weiter und beschloss dann gegen kurz nach halb neun, dass man so langsam los sollte.

„Meinst du, es regnet?“, fragte die Frau Hilde nach einem skeptischen Blick aus dem Fenster.

Lieblingskollegin O. winkte ab.

„Ach was. Ist doch nur ein bisschen bedeckt“, meinte sie.

Die beiden bestiegen ihre Bikel und radelten die zehn Minuten zum Jogg-Feldweg.

„Also, es ist ja schon ein bisschen dunkel“, sagte O.

„Joa“, gab die Frau Hilde zurück. „Aber bis das regnet, sind wir längst wieder daheim. Wir joggen ja nur ne halbe Stunde.“

O. wiegte bedenklich den Kopf.

„Aber schau mal, da hinten, da am Pfälzer Wald …“

Die Frau Hilde schaute da hinten, da am Pfälzer Wald.

Wo sich eine schwarze Wand soeben über die letzten Hügel wälzte.

„Ach, das dauert, bis die hier ist. Und bestimmt geht der Wind auch ganz woanders hin.“

Die beiden joggten los.

Während Lieblingskollegin O. fröhlich plapperte, brach die Frau Hilde einen Am-Stück-Joggen-Rekord nach dem anderen. Irgendwie lief’s heute (der Frau Hilde ihr letzter Stand waren 3 Minuten joggen, eine Minute gehen).

Nach knapp elf Minuten, die Frau Hilde kippte fast aus ihren Schühchen vor Stolz, quiekte O. auf einmal und deutete nach rechts.

Die Frau Hilde folgte O.s Blick – und quiekte auch.

Die schwarze Wand näherte sich in rasendem Tempo. Und halbkreisförmig, wie sie war, schloss sie die beiden Joggerinnen genau ein.

Und dann, dann kam urplötzlich ein Sturm auf.

Und dann, dann blitzte es.

Die beiden kreischten und nahmen die Beine in die Hand.

Wirklich, so schnell ist die Frau Hilde lange nicht mehr gerannt.

Der Sturm hatte O. und die Frau Hilde inzwischen erreicht. Vor lauter Gegenwind, der heftig Staub aufwirbelte, konnten die beiden kaum mehr etwas sehen; nur die Blitze, die schnell näher kamen, die sahen sie.

Auf den letzten etwa dreihundert Metern fing es an zu regnen.

„Sollen wir uns unter der Brücke unterstellen?“, schrie O. gegen den Sturm und den Regen an.

„Nein, lass uns schnell heimradeln!“, schrie die Frau Hilde zurück. Ihre Antwort ging in ohrenbetäubendem Donnern unter.

Das Gewitter hatte sie erreicht.

Hastig entfernten sie die Schlösser von ihren Bikels und rasten, so schnell sie konnten, Richtung O.-Wohnung.

Leider kamen sie nicht besonders schnell von der Stelle, weil der Sturm ihnen den Sturzregen, der jetzt vom Himmel kam, genau ins Gesicht blies. Nahezu blind radelte die Frau Hilde O. hinterher.

Es war furchtbar. Es stürmte und schüttete, es blitzte fast pausenlos, es donnerte. Binnen Sekunden waren beide bis auf die Unterwäsche durchnässt.

Nach endlos langen Minuten kamen sie bei O. an, rannten in die Wohnung und schälten sich erstmal aus den tropfenden Kleidern.

Eine halbe Stunde später saßen sie dick eingemummelt mit einem heißen Tee in der Hand in O.s Wohnzimmer und schauten fassungslos dem Unwetter draußen beim Unwettern zu.

„Ob wir das mal unseren Enkeln erzählen?“, wollte O. wissen.

Die Frau Hilde schüttelte den Kopf.

„Lieber nicht. Lass uns so tun, als wäre das nie passiert und wir nicht so saublöd gewesen, noch loszugehen!“

Knapp zwei Stunden später gab die Frau Hilde das Vorhaben, noch nach Hause zu radeln, auf und ließ sich von O. heimfahren.

Das Rosinante-Bikel muss sie dann morgen irgendwann holen. Und morgen dann auch zu Fuß zur Schule gehen.

Aber egal.

Hauptsache, alles gut überstanden.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt eine immer noch etwas mitgenommene Frau Hilde.

 

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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31 Antworten zu Von Jogg-Schocks

  1. michael schreibt:

    Ganz schön leichsinnig! Da haben Sie noch Glück gehabt, dass es nicht ordentlich gehagelt hat. Wenn sich da mal nicht die Lungenentzündung meldet!

    Trotzdem, wie Sie mit Sturm und Blitzen um die Wette laufen und radeln, hätte ich mir schon gerne angeschaut: Wie Frau Hilde mal 100m in 8 Sekunden lief.

    Im übrigen kann man sich natürlich auch vorher informiern: http://www.wetteronline.de/gewitter oder anderes

    • frauhilde schreibt:

      Lungenentzündung, wenn man bei 27 Grad und warmem Sommerregen draußen ist, sich direkt nach dem Heimkommen heiß duscht und einpackt?

      Dass es leichtsinnig war, gebe ich zu. Wir haben die Geschwindigkeit, mit der sich das Unwetter genähert hat, völlig falsch eingeschätzt. Das war ziemlich dumm.
      Wetteronline hat für Hildehausen für gestern Abend Sonneschein angesagt gehabt. So viel dazu. Ich schau da nur selten rein; eher mal auf unwetterzentrale.de.

  2. Anne schreibt:

    Oh. Gut, dass Ihr es geschafft habt! Wir verraten es Euren Enkeln auch nicht 😉
    In Karlsruhe war wohl auch mächtig was los, wenn sogar der KVV den Verkehr einstellt. Hier kam nur der Rand der schwarzen Wolke an, genau so:
    „Auf dem Horizont türmten sich die Wolken. Man sah Wetterleuchten über einem fernen Kirchturm, aber es war totenstill. (…)
    Minutenlang schauten wir einfach nur. Kleinere, hellere Wolken flogen unter den schwarzen hindurch. Blaugraue Schleier liefen über die entfernten Hügelketten, über die näheren Hügelketten. Die Wolken hoben sich und kamen wie eine Walze auf uns zu.
    ‚Independence Day‘, sagte Tschick.“
    (Wolfgang Herrndorf, meine Lieblingsstelle)

  3. Frau Hilde ich mag ja nix sagen, aber das war ein wenig wirklich leichtsinnig. mensch mensch…

  4. meineschreibblockadeundich schreibt:

    Nee, Frau Hilde, bloß nicht den Enkeln erzählen! Die machen das sonst nach, frei nach dem Motto „Oma hat’s doch auch überlebt!“. Und die Eltern sterben derweil vor Angst.

    Herzlichst
    Marie
    die weiß, wie das ist, das Beinahe-Sterben-vor-Angst

  5. A. P. Glonn schreibt:

    Wow, frauhilde. Du hast eine echt spannende Art, spannende Dinge spannend zu erzählen. 🙂 Mag ich. Ich verstehe nur nicht, wie man abends auf die Idee kommen kann zu joggen (heißes Wetter hin oder her). Das putscht den Kreislauf auf und lässt (zumindest mich) mindestens vier Stunden lang nicht schlafen. Und das gänzlich ohne den Adrenalinschub durch ein unwettriges Unwetter. Aber zum Glück ist ja alles gutgegangen, und weißt du was? Ich finde, du solltest das definitiv den Enkeln erzählen. Das ist spannend und lehrreich und müsste doch in deinem Lehrauftrag stehen, oder? 😉

    • frauhilde schreibt:

      Na ja, ich war bis vier in der Schule. Danach hab ich Unterricht vorbereitet, außerdem hatte es da noch weit über 30 Grad. Da mag ich nicht raus.
      Und abends war’s dann richtig schön erfrischend kühl, das erste Mal seit Tagen, in denen ich wegen der Hitze keinen Sport machen konnte. Da mussten wir dann einfach los!

  6. giftigeblonde schreibt:

    Oha das klingt gefährlich, im Gewitter RAdzufahren??!!!
    Gut dass euch nix passiert ist.

    Mir wäre das ja nie passiert, weil ich abends eh keinen Sport mache gggg.

    Schönen Freitag frauhilde!

  7. Robin Urban schreibt:

    Ach, so lange man von höheren Sachen (Bäumen und so) umgeben ist, kann man eigentlich fast unmöglich vom Blitz getroffen werden 😉

    Vielleicht bin ich leichtsinnig. Aber ich finde sowas eher cool. Wäre gern dabei gewesen. Mir wurde vom Sturm gestern leider nur berichtet, denn ich war auf der Arbeit und damit im fensterlosen Keller…

  8. Bettina schreibt:

    Ohjee, arme Frau Hilde. Sport ist Mord, das zeigt sich doch immer wieder. 😉 Und allein von diesem Abenteuer zu lesen, macht schon Blutdruck.

  9. fraukrokodil schreibt:

    Oh je. Hab das Wetter ja gesehen und war ehrlich gesagt froh, dass ich drinnen war… :-/

  10. fraubutterbrot schreibt:

    Liebe Hilde,
    das würd ich glatt als Muster-Bildergeschichte nehmen! 1 A Spannungsbogen! Und du hast treffende Adjektive benutzt. Fein! Die Bilder hab‘ ich mir einfach selbst dazugedacht 🙂 Schönes Wochenende wünsch ich dir!

  11. Patty schreibt:

    Himmelherrgott, da sieht man’s mal wieder, Pilates wär ungefährlicher gewesen. Da beschränkt sich die Spannung aufs Powerhouse 😀

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