Von Chaoten am Rande des Nervenzusammenbruchs

Ja, doch! Ja, doch! *angeschlurft komm*

Also, es kann sein, dass der Bericht ein bisschen durcheinander wird wegen weil die Frau Hilde hatte da gestern eine Art Overkill oder so. Und so langsam kommen die mitnotierten und bruchstückhaften Erlebnisse wieder in einen Zusammenhang. Irgendwie so.

Morgens trifft die Frau Hilde erst Schülerin J., der sie sagt, die Chaoten könnten bereits in der Pause zum Puschels-Klassenzimmer kommen, damit man noch ein paar Sachen herrichten könne, und dann Schüler H., der vier Tage gefehlt hat und rummosert, weil man „sein“ Thema (er hat es mit fünf anderen) für die zweite Unterrichtsstunde ausgesucht hat, obwohl er dachte, er müsse nicht halten, und jetzt habe er die ganze Nacht und überhaupt.

Danach hat sie erstmal selbst eine Doppelstunde Puschels. Die Puschels sind außer Rand und Band, nämlich wegen weil erstens heute die Chaoten kommen und sich zweitens Puschelmädchen M. heute für immer verabschiedet, weil sie umzieht und das Ganze bereits jetzt zum Wochenende stattfindet, weswegen sie wiederum heute den letzten Tag da ist. Man beschließt also, Spiele zu machen (Menschen-Memory, wenn das jemand kennt. Ist totaaaal nervig lustig). In der zweiten der beiden Stunden kommt dann Lieblingskollegin O. dazu, wegen weil sie ist die Klassenlehrerin der Puschels, und man futtert Kuchen und die ganze Klasse singt ein eigens eingeübtes Abschiedslied (bei dem beide Lehrerinnen angelegentlich zur Tür (O.) bzw. Decke (dFH) starren, damit man nicht sieht, dass sie ein bisschen Pipi in den Augen haben, weil das alles so lieb und rührend ist).

Die nächste Stunde ist eine Freistunde, die von der Frau Hilde damit verbracht wird, die natürlich zu spät eingereichten Arbeitsblätter, die die Chaoten für die Puschels konzipiert haben, komplett wegen katastrophaler Rechtschreibung, Grammatik und überhaupt zu überarbeiten etwas zu modifizieren und zu kopieren.

Und dann kommt die Pause.

Voll Erwartung trappelt die Frau Hilde die Treppe hoch in den zweiten Stock, wo … ein Chaot sitzt. Schüler M., dem langweilig ist. Vom „Frau Hilde, können Sie bitte schon gleich in der Pause den Raum aufschließen, weil wir müssen noch soooo viel machen“-Rest keine Spur. Wajaklaa.

Irgendwann trudeln dann auch die anderen Chaoten ein; man entert den Raum („Och nee, die Sitzordnung geht ja GAR nicht!“), legt sich alles zurecht – und dann stellt man fest, dass ein Fünftel derer, die die zweite der Stunde halten sollen, fehlt. Schüler S. ist nicht da. Woraufhin Schüler H. einen mittelschweren Nervenzusammenbruch erleidet und das auch jedem ins Gesicht brüllt sagt, der’s nicht wissen will.

Die Chaoten sortieren sich, und dann treffen auch schon die Puschels ein. Die haben sich heute Morgen Namensschilder gemalt („Frau Hilde, dürfen wir falsche Namen drauf schreiben?“ – „Nee, das wäre gemein.“ – „Aber unsere Spitznamen dürfen wir doch, oder?“ – „Na, gut.“), die jetzt aufgestellt werden. Die mehr oder weniger hilflos in einer Ecke zusammengedrängt stehenden Chaoten werden neugierig beäugt.

Es klingelt.

Die Puschels denken nicht daran, auf ihre Plätze zu gehen, sondern wuseln zum Tisch ganz hinten, an dem die Frau Hilde sitzt, um ihr zu erzählen, dass sie in der Stunde vorher ganz doll haben weinen müssen wegen weil doch die M. geht und sogar die Jungs haben und das war alles ganz doll schlimm.

Die Frau Hilde ist angemessen mitleidig und scheucht die Puschels dann an ihre Plätze.

Da stehen sie jetzt.

Und vorne stehen drei Chaotinnen und ein Chaot.

Man stiert sich an.

„Guten Morgen“, wagt eine der Chaotinnen schließlich zu sagen, und die Puschels singen brav im Chor: „Guten Morgen, Zwölfer und Frau Hilde und Frau K.“ (Frau K. = Lieblingskollegin O. hätte eigentlich diese Stunde, hat sie aber der Frau Hilde mitsamt Chaoten zur Verfügung gestellt, lässt sich das Ganze jetzt aber natürlich nicht entgehen!)

„Ja“, Chaotin B. räuspert sich. „Also, ich bin die B., das ist die F., die J. und der M.“

Die Puschels starren.

Schülerin F., heute mal ohne Hello-Kitty-Utensilien, ergreift die Initiative.

„Also, wir machen ja heute die Stunde für euch. Ihr habt doch mal ein Standbild gemacht, um die Beziehungen zwischen den Personen darzustellen. Wisst ihr das noch?“

Die Puschels brechen in Geschrei aus. Jeder möchte erzählen, wie das denn war, da mit dem Standbild. Dass es im Unterricht diese Regel da gibt mit melden und warten, bis man drangenommen wird, das haben sie mal eben vergessen.

„Hei, RUHE!“, schreit Chaotin F. und guckt böse.

Die Puschels verstummen erschrocken und drehen sich fragend zur Frau Hilde um. Die lächelt nonchalant.

„So“, grummelt F., „es gibt da ein paar Regeln: Ihr seid leise. Und wenn nicht, dann geht einer von uns mit dem Störenfried zum Schulleiter. Ist das klar?“

Hörbares Schlucken auf Puschelseite (die kann man mit so was halt noch erschrecken; der Frau Hilde ihre Achter haben für derlei Drohungen nur ein müdes Lächeln übrig).

„Dürfen die das?“, piepst Puschelin H. Richtung Frau Hilde.

Diese nickt.

Man kommt wieder zum Standbild. Dummerweise fehlt Puschel T., der letztes Mal den Krabat im Standbild dargestellt hat. Er wird durch Puschel P. ersetzt, mit dem aber die Puscheline, die letztes Mal die Kantorka war, nicht so eng zusammenstehen möchte. Es gibt ein bisschen Gezicke, dann steht alles ungefähr da, wo es hingehört.

Die Chaoten rufen die Puschels auf und merken in ihrer Nervosität nicht, dass manche davon zwei Namensschilder haben. Ein „normales“ und eins, auf dem Namen wie „Cheyenne“ und „Hubert-Hermann“ stehen. Die Frau Hilde und Lieblingskollegin O. kichern leise.

An dieser Stelle entgleitet den Chaoten die Stunde dann so ein bisschen, nämlich erstens kommt Chaot W. plötzlich hereingeplatzt („Sorry, ich hatte Sport!“), was für Unruhe sorgt, und dann fällt Puschel G. plötzlich ein, dass er ja seine „Hä/ Was/ Ich“-Aufgabe noch machen wollte (allerdings war nicht die Rede davon, das in dieser Stunde zu tun), und er wuselt nach vorne, zeigt auf Chaot M. und piepst: „Uh, sexy!“

Fassungslosigkeit bei Chaot M.

Chaotin B. und F. versuchen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Sie schreiben was an, dann müssen die Puschels Fragen beantworten, dann schreiben sie wieder an, dann jammern die Puschels, weil sie das nicht lesen können. Dann fragt Puschel B., ob man das jetzt abschreiben müsse, woraufhin Chaotin J. angesäuert re-fragt, ob das jetzt sein Ernst sei, man schreibe das ja schließlich nicht zum Spaß an, weshalb dann Puschel B. beleidigt schmollt und der Rest pienzt, weil das ist ja jetzt so viel an der Tafel und es klingelt ja auch gleich und wie soll man das denn schaffen und das ist ja schon ganz schön gemein, das.

Chaotin B. begeht den Fehler, nach einer akustisch nicht verstandenen Puschels-Antwort „Was?“ zu fragen, und dann wird sie von allen Puschels ausgelacht und sie muss doch da jetzt eine Aufgabe machen. Und Frau Hilde, gell, die B. muss jetzt auch was machen, aber was Fieses.

Chaotin B. verliert auch das letzte Restchen Glaube an die Menschheit.

Puscheline K., die zwar eine sehr gute Schülerin ist, aber ständig mit einer Glas zum Zersplittern bringenden Stimme laut zwischenrein kreischt, kreischt mit einer Glas zum Zersplittern bringenden Stimme laut zwischenrein.

Chaotin F. reicht’s.

„So, H. [gemeint ist Chaot H.], du setzt dich jetzt neben K. Und K., wenn du noch mal reinschreist, ohne aufgerufen zu sein, dann schmeiß ich dich raus, ist das klar?!“

Puscheline K. schmollt.

„Und du hast da vorne einen Rechtschreibfehler an der Tafel“, sagt sie mit der allergekränktesten Stimme, die sie kann.

Schülerin F. sucht verzweifelt den Rechtschreibfehler.

Es klingelt.

Mitten im Klingeln fällt Chaot M. ein, dass er ja jetzt dran ist und Hausaufgaben verteilen muss.

Er schreit vergeblich gegen neunundzwanzig Puschel (T. ist ja krank) an.

„Fünf Minuten Pause“, keucht Chaotin B. (Augenbrauenlupfen seitens der Frau Hilde, denn zwischen der 5. und 6. Stunde sind nur zwei Minuten Pause)

So. Dieses war die erste Stunde. Und wie die zweite Stunde war (SEHR erheiternd für die Frau Hilde) und das Evaluationsgespräch heute Vormittag, das erzählt die Frau Hilde morgen.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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32 Antworten zu Von Chaoten am Rande des Nervenzusammenbruchs

  1. giftigeblonde schreibt:

    Ich grinse!
    Und freue mich auf die Fortsetzung 😉

  2. Anne schreibt:

    Hihi. Hörte sich in „Praxis Deutsch“ ein klitzewinzigesbisschen anders an 🙂 (die haben sicher die entscheidenden Dialoge nur nicht veröffentlicht).

    • frauhilde schreibt:

      Ja, ich glaub auch, daran lag’s. 😀
      (Okay, und vielleicht auch daran, dass diese Unterrichtsreihe dort von „normalen“ Oberstufenschülern gehalten wurde …)

      Ich hab das Ganze aber auch ein bisschen geändert, weil wir einfach keine Zeit mehr hatten. Es wurden insgesamt nur fünf Stunden durchgeplant und nur zwei gehalten (Kantorka und Träume).

    • Anne schreibt:

      Daher danke für Deine ausführliche, anschauliche Beschreibung mit dem Blick auf’s Wesentliche *kicherprust*

  3. michael schreibt:

    > ihre Achter haben für derlei Drohungen nur ein müdes Lächeln übrig

    Bei denen hätte man ja auch gesagt, Dann gehen zwei von uns mit dem Störenfried nach draussen. 😀

  4. Muhahaha 😀 ich wäre gerne Mäuschen gewesen 😀

  5. meineschreibblockadeundich schreibt:

    *lol* Schätze, es gibt jetzt eine Handvoll junger Menschen mehr, die NICHT Lehrer werden wollen. Trotz der vielen Ferien und so ;).

    Danke für den Lacher zum Wochenende!
    Marie

    • frauhilde schreibt:

      Ach, also Chaotin B. hat ihre Sache echt so toll gemacht, die könnte ich mir gut als Lehrerin vorstellen. So manch anderem ist die Lust aber wohl tatsächlich vergangen. 😀

  6. Nobelix schreibt:

    Aaah…zu schön 🙂 aber immer diese Cliffhanger.
    Ich kann die Fortsetzung kaum erwarten…und in der Unterrichtsstunde hätte ich wahnsinnig gerne mal irgendwo hinten in der Ecke gesessen und gegrinst.

  7. fraukrokodil schreibt:

    Oh Mann.
    Jetzt habe ich den ganzen Donnerstag Abend und den ganzen Freitag nachgeguckt, ob der Artikel draußen ist.( und WP mir das mal wieder nicht anzeigt.)
    Und dann geht man einmal auf seine alten Tage aus…. und dann kommt er…

    Aber egal! Sehr, sehr witzig!
    Kannst Du vielleicht schon vorab verraten, ob einer der Chaoten nach der Stunde in die Nervenheilanstalt gebracht werden musste?

  8. Corinna schreibt:

    Welch‘ ein Spaß! Wie hast Du es nur geschafft, bei der ganzen Sache nicht Tränen lachend auf’s Klo rennen zu müssen?

  9. Patty schreibt:

    Herrlich! Wunderbar! Großes Kopfkino! Präpubertät meets Vollpubertät.
    Meine Studenten sind irgendwie genauso *grübel* … vor allem was das Starren betrifft …
    Ich falte jetzt meine Hände im Schoß und warte total geduldig auf die Fortsetzung. Nur kein Stress, ist doch Wochenende 🙂

  10. ClauDia schreibt:

    Jetzt weiß ich dank Freund Google auch, wer Krabat ist 🙂 Interessante Schullektüre!
    danke für diesen wunderbaren Bericht, von dem ich direkt Tinitus habe, dank der Glas zum Zersplittern bringenden Stimme der Puscheline K. 🙂

  11. Eponine schreibt:

    Ahahahaha, da tun mir die Chaoten ja fast leid *grinst* Bin ja gespannt, ob sie daraus die Schlüsse ziehen können, dass unterrichten gar nicht so einfach ist^^

  12. Wahnsinnsunterricht! Bei uns gabs sowas Tolles nicht!

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