Von Chaoten am Rande des Nervenzusammenbruchs II

In der Pause scharen sich die Puschels um die Frau Hilde und beklagen sich, dass die Chaoten voll streng seien und das sei voll unfair und sie seien doch so brav gewesen und überhaupt.

Vorne bauen sich inzwischen die Chaoten H., W., J. („der Hässliche“), K. und A. (der wo kein Hochdeutsch kann) auf, also die Crème de la Crème des Hild’schen Chaotenkurses.

Die Frau Hilde bittet die Puschels, zurück an ihre Plätze zu gehen, was diese widerwillig auch tun.

„Guten Morgen“, begrüßt Chaot J. die Meute. Die singt artig wieder ihr „Guten Morgen, Zwölfer“, und die Frau Hilde vermeint, aus Puscheline M.s Richtung ein „Guten Morgen, Hässlicher“ zu hören.

Die Chaoten stellen sich vor.

„Ich bin J.“, sagt J.

„Hallo, ich bin K.“, sagt K.

„Ich bin H.“, sagt H.

Chaot A. guckt böse. „Ich bin der Herr M. und ich werde gesiezt“, tut er in schönster Ich-bin-der-strengste-Lehrer-der-Welt-Stimme kund.

Puschels: *!*

Die Frau Hilde: *!*

Die Chaoten fragen die Puschels nach ihren letzten Träumen.

Diese erzählen brav, allerdings ist die Frage so offen gehalten, dass man nicht so recht Richtung Stundenthema (Träume bei Krabat) kommt.

Puschel G. meldet sich.

„Was träumt ihr Zwölfer denn so?“, will er wissen.

Chaot J. winkt ab. „Was wir träumen, hast du erst in der achten Klasse in Bio!“, gibt er zurück.

Gekicher bei den Puschels.

Puscheline H. läuft der Füller aus. Kleine Lamytröpfchen ergießen sich über Tisch, Boden und natürlich H.

Großes Geschrei.

Hilflose Blicke der Chaoten.

Chaot A., Pardon, Herr M., ergreift die Initiative.

„So!“, donnert er. „Jetzt ist hier Ruhe. Der Nächste, der was sagt, fliegt raus!“

Die Puschels sitzen binnen Nanosekundenbruchteilen in Habachtstellung. So hat in ihren zwölf Jahren wahrscheinlich noch niemand mit ihnen gesprochen.

Leider ist es nun so still, dass man Chaotin F.s halblautes „Scheiße, ich muss so aufs Klo!“ im ganzen Raum hören kann.

Puschels und die Frau Hilde verbeißen sich mühsam das Lachen.

Die Chaoten schicken die Puschels in ihre Gruppen. Sie begehen dabei den Fehler, der auch armen Refs manchmal unterläuft: Sie vergessen, den Arbeitsauftrag zu geben, bevor das In-Gruppen-Wusel-und-Tische-verschieb-und-babbelquatsch-Stadium beginnt.

Puschel M. fragt Chaot W., der bis dato noch gar nichts zur Stunde beigetragen hat: „Was machstn du eigentlich da vorne?“

W: „Gut aussehen.“

Puschel M.: „Du hast auch schon lang nicht mehr in einen Spiegel geschaut, oder?“

Puschel K. läuft auch der Stift aus.

Puschel W. hält es für eine ganz prima Idee, jetzt auch schnell seine „Hä/ Was/ Ich“-Aufgabe zu erledigen, meldet sich und kreischt durch den ganzen Raum: „Mami, Papi, nehmt mich dran!“

Die Gruppenarbeitsphase verläuft einigermaßen geregelt, wenn man vom Lautstärkepegel absieht und davon, dass sich die Gruppe, die vor der Frau Hilde sitzt, über den Hintern (!) von Chaot K. unterhält. Er gefällt.

Die Sicherung erfolgt mittels Folienschnipseln. Leider haben die Chaoten es versäumt, den Puschels zu sagen, dass nur Stichworte notiert werden sollen, und so stehen die präsentierenden Puschels jeweils mit unendlich vollgekrakelten Folienschnipseln vorne, die man schon in der zweiten Reihe beim besten Willen nicht mehr lesen kann.

„Stellt euch nicht so an!“, donnert Herr Chaot M. erneut. „Ich les vor, ihr schreibt ab, aber zackig!“

Er diktiert. Neunundzwanzig kleine Puschels schreiben um ihr Leben, denn bei dem Diktiertempo hätte auch eine Stenotypistin Probleme mit dem Mitkommen.

Chaot H. will helfen.

„Schaut mal, da auf der zweiten Folie“, mischt er sich ein. „Da ist ein Rechtschreibfehler.“

Tödlich beleidigter Blick von Puscheline L., die die Folie beschrieben hat.

Die Frau Hilde amüsiert sich hinten darüber, dass H. einen Rechtschreibfehler gefunden hat, die sieben Kommafehler aber großzügig übersieht.

Chaot E. beugt sich zur Frau Hilde (die nicht unterrichtenden Chaoten sitzen ganz hinten auf dem Boden und auf der Fensterbank).

„Wie oft haben Sie die?“, will er wissen.

„Vier Stunden in der Woche“, gibt die Frau Hilde zurück. „Donnerstags doppelstündig.“

E. nickt. „Ich glaub“, sagt er nachdenklich, „ich hab n bisschen Mitleid mit Ihnen.“

Die Frau Hilde grinst.

So schlimm sind die Puschels ja gar nicht. Aber heute, da … na ja.

Es klingelt und die Puschels machen Anstalten, ihre Sachen zusammenzupacken.

„Die Stunde ist dann zu Ende, wenn ICH es sage!“, brüllt Herr Chaot M.

Alle Puschels erstarren und setzen sich wieder hin.

Chaot H. schreibt das Fazit an die Tafel.

„Boah, hast du ne hässliche Schrift“, piepst es von direkt vor der Frau Hilde.

Die würde ja gerne widersprechen und H. in Schutz nehmen, aber wo das Puschelkind recht hat, hat es recht!

Schließlich haben alle Puschels abgeschrieben, es gibt noch eine Hausaufgabe, und dann stieben die Sechser davon, so schnell kann man gar nicht gucken.

Außer Puscheline K., die sich vor Chaot M. aufbaut.

„Sag mal“, will sie wissen, „hast du eigentlich eine Freundin?“

Zwei Minuten später ist der Saal leer bis auf eine Handvoll verschwitzter, abgekämpfter Chaoten.

„Okay, ich will doch nicht Lehrer werden“, gibt Chaot E. zu. Chaotin J. nickt bestätigend.

„Ich fand’s lustig!“, meint Herr Chaot M.

„Na ja“, sagt die Frau Hilde, „wegen dir haben die Puschels jetzt wahrscheinlich ein Trauma oder so.“

Dass die Puschels wirklich ein bisschen Angst vor Herrn Chaoten M. hatten, das zeigt die Frau Hilde morgen. Denn in der Evaluation am nächsten Tag war DAS Thema – neben der Attraktivität von Chaot K. und J., der den Titel „der Hässliche“ jetzt auch offiziell los ist – die Strenge des Herrn Chaoten M.

Die Puschels haben den Chaoten auch einen Brief geschrieben. Aber davon morgen mehr.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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33 Antworten zu Von Chaoten am Rande des Nervenzusammenbruchs II

  1. glasgowiscalling schreibt:

    Frau Hilde, ich liebe Ihre Berichte! Die Puschels und die Chaoten – darf ich bitte auch noch mal zur Schule?!

  2. Anne schreibt:

    So chaotisch und puschlig-lustig das klingt – ich find’s toll, dass Du das durchgezogen hast.
    Die Chaoten haben vermutlich mehr, v.a. ‚für’s Leben‘, gelernt als im restlichen Deutschunterricht und werden ihren Enkeln noch davon erzählen 🙂
    (Du willst nicht doch an ein Ba-Wü-Gym wechseln? Ich kenne zufällig eins mit netten Kollegen 😉 )

    • diewiderspenstige schreibt:

      nix da, Hildi kommt wenn dann schon zu mir 😀

    • frauhilde schreibt:

      Also, ein Erlebnis war es auf jeden Fall für sie; am Donnerstag bespreche ich das Ganze bei einem Eis mit ihnen (das haben sie sich echt verdient, finde ich!).

      (Ich hab jetzt am Freitag meinen neuen Vertrag unterschrieben. *freuhüpfjubel* Also, ein Jahr bin ich mal noch hier. Aber dann, wer weiß … ;))

      • Anne schreibt:

        Toll!! Herzlichen Glückwunsch!
        Heißt das auch: ein weiteres Jahr Chaoten und dann Chaos vs. Abi – Sportberichterstattung? Das wird super 😀 (für uns aus der Ferne 😉 ).
        Eisessen ist immer gut, verdient haben sie es mindestens für ihren Mut (und Du auch).

        • frauhilde schreibt:

          Oui, das heißt es. Meines Wissens überlegen vier, ob sie ins Mündliche in Deutsch gehen. Hehe. Faust reloaded oder so. Bin ja mal sehr gespannt! 🙂

          • Anne schreibt:

            Vorfreude *klatschklatschklatsch* 🙂
            Du weißt, dass in Ba-Wü alle (!) in Deutsch schriftliches (!!) Abitur machen müssen (!!!) ? (Hätte ich jetzt nicht sagen sollen, dann willst Du nie wieder weg aus der Pfalz 😉 ).
            Mündliches Abi in D ist nur als freiwillige Zusatzprüfung möglich, um Versemmeltes aus dem Feuer zu holen. Eine Kandidatin redete dabei konsequent vom „Fauscht“…

            • frauhilde schreibt:

              ALLE?
              SCHRIFTLICH?
              *schluck*
              Nicht dass ich als Deutschlehrerin was dagegen hätte, aber es steigert den Korridingsaufwand doch nicht unerheblich …

              Ja, ja, dr alde Fauschd. Des isch scho oiner gwä, gell?

              • Anne schreibt:

                Mir könnet alles oder so 😀 (für mich eher Fremdsprache).
                Jap. D und M sind „Kernkompetenzfächer“ (außerdem muss jede_r noch in einer Fremdsprache schreiben). Daher gibt’s darin keine Grund- oder Leistungskurse. V.a. die M-Kollegen finden das nicht so wirklich toll, dass Hinz neben Krethi neben Einstein sitzt…
                An’s Korrdidingsen gewöhnt man sich irgendwie, spannend ist das anonyme dreistufige Zentralabikorrekturverfahren, ich mag das.

                • frauhilde schreibt:

                  Kernkompetenzfächer. Allein wenn man das liest, kriegt man spontan eine Krise!

                  Das anonyme dreistufige Zentralabik- … äh … Kannst du mich kurz aufklären, bitte? *verwirr*

                • Anne schreibt:

                  Ich könnte einen Roman schreiben, aber besser, Du guckst hier: http://de.m.wikipedia.org/wiki/Abitur_in_Baden-Württemberg -> Abiturprüfung -> Korrektur.
                  Die Logistik, die dahinter steckt, fasziniert mich jedes Mal. Am Abitag sitzen in ganz Ba-Wü alle (!) und schlagen um 8 Uhr die selben Aufgaben auf. Wir Lehrer sehen die auch erst kurz vorher, ist jedes Mal ein bisschen wie Schüler sein, hab ich das Richtige gele-…hrt 🙂
                  Genau so synchron ist die Korrekturabgabe (nix mit „ich hab’s nicht geschafft, dauert noch ein paar Tage“), damit reitende Boten zeitgleich die Stapel zur nächsten und dann zur dritten Schule bringen können. Und auch bei Rückkehr der Stapel fühle ich mich wie Schüler: Welche Noten bekommt mein Kurs, war meine Bewertung ok, die beiden anderen Korrektoren eher gnädig oder grausam? 🙂

                • frauhilde schreibt:

                  Föderalismus treibt manchmal wirklich seltsame Blüten …
                  Ich hab ja selbst trölfzehnhundert in BaWü Abi gemacht. Da war das schon für die Lehrer sehr belastend. Aber das scheint ja inzwischen noch schlimmer geworden zu sein.
                  Vor allem, weil man ja auch nicht weiß, wie die Zweit- und Drittkorrektoren drauf sind. Welche Schwerpunkte setzen sie? Können sie bei Schüler X, der sich immer umständlich ausdrücken muss, das Wesentliche rauslesen usw. usw.
                  Und allein schon das Einbringen von Punkten und Streichen von Kursen, ua. Ich geh immer schon in Deckung, wenn unsere MSS-Leitung davon anfängt.

      • Stefan K. schreibt:

        Herzlichen Glückwunsch zur Vertragsverlängerung! 🙂

        Ich bin allerdings schwer irritiert, warum RLP einer engagierten und guten Lehrerin nur Einjahresverträge gibt?!? Ist der Lehrer/innen-Mangel in RLP noch nicht angekommen?? Oder unterrichtest Du nur Fächer, in denen es keinen Lehrer/innen-Mangel gibt?

        • frauhilde schreibt:

          Danke!

          Der Mangel an Lehrkräften ist schon angekommen, aber wieso Geld ausgeben, wenn es auch mithilfe von billigen Vertretungs- und PES-Kräften (das sind Studenten oder welche, die auf einen Ref-Platz warten und dann stundenweise eingesetzt werden) geht?
          Ich habe jetzt das Glück, dass ich ab dem ersten Ferientag weiterbezahlt werde, oft ist es aber so, dass die neuen Verträge erst ab dem ersten Schultag gelten, was für das Bundesland natürlich hübsch billig ist, weil die Lehrkräfte während der Sommerferien arbeitslos sind und entsprechend vom Bund bezahlt werden …
          Hinzu kommt, dass ich eine für eine Einstellung eher ungünstige Fächerkombination (Deutsch/ Geschichte) habe, leider.

  3. michael schreibt:

    > “Die Stunde ist dann zu Ende, wenn ICH es sage!”, brüllt Herr Chaot M.

    Da hätten die Puschels doch schon mal üben können, wie man sich gegen einen wehrt, der sich durch Einschüchterung durchsetzen will. So etwas ist auch im späteren Leben sehr nützlich.

  4. ClauDia schreibt:

    grins… breitgrins… 🙂 ich wäre zu gerne Mäuschen gewesen!
    Wissen die Cs und Ps eigentlich von hier? und den Berichten?

  5. Patty schreibt:

    *unterm Tisch lieg*

  6. Eponine schreibt:

    *lach* Merlin, frauhilde, du schreibst einfach göttlich 😀 *sich Tränen aus den Augen wisch* ich kann mir das so richtig bildlich vorstellen *kicher*
    Du, aber sag, habt ihr nicht auch bald Sommerferien? Hier in Österreich ist nächste Woche die letzte Schulwoche (wobei 3 Bundesländer näWo die 1. Ferienwoche haben). Oder is das bei euch in D noch Bundesländerverschiedener?

    • frauhilde schreibt:

      Wir haben noch genau fünf Tage Schule. Freitag ist der letzte Schultag. *frrrrreeeeeeuuuu*
      Und ja, die Bundesländer haben unterschiedlich Ferien; im Norden haben sie schon; Bayern und BaWü müssen noch drei Wochen.

  7. Kaetchen schreibt:

    Liebe Frau Hilde, danke schön! Die Ferien sind reichlich verdient, oder? (auch die Chaoten müssen sich wohl ein wenig erholen…;-)
    Aber: das alles mit Jahresverträgen??? Pfui Spinne!

    • frauhilde schreibt:

      Uh ja, das sind sie; besonders für die Schüler, die pfeifen jetzt wirklich auf dem letzten Loch, weil es hier in RLP ja keine Pfingstferien gibt. Arme Schülers. 😦
      Aber bald dürfen sie sich ja ausruhen!

  8. Annika schreibt:

    Ich sterbe. Vor lachen. Udn das seit ungefähr drei Tagen seitdem ich diesen Blog hier entdeckt habe. Meine armen Bauchmuskeln werden trainiert bis zum Anschlag. Muss dann immer gleich am nächsten Tag den Kollegen mitteilen was die Puschels und Chaoten getrieben haben und ob es eine HdT gab. Gibt dann immer wieder großes Gelächter 😀
    BW grüßt und bereitet sich so langsam auf das Ende der Sommerferien vor. *den Schülern dann ausm Bürofenster wieder zuwinkt und sich manchmal zurück wünscht*
    Ganz liebe Grüße
    Annika

    • frauhilde schreibt:

      Liebe Annika,

      dankeschön für den Kommentar! 🙂
      Ich weiß jetzt nicht, ob das mit den Bauchmuskeln gut oder schlecht ist … 😉

      Bei euch ist das ja nett, wenn du sogar den Schülern zuwinkst.

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