Von Lachnummern

Am Donnerstag musste die Frau Hilde kurz nach [Hauptstadt der Kurpfalz]. Danach wollte sie weiter nach Da-kommt-die-Frau-Hilde-her-Dorf fahren. Ist mit dem Zug kein Problem. Eigentlich.

Weil Lieblingskollegin O. am selben Tag vom selben Bahnhof nach woanders hin fahren wollte, verabredete man sich direkt am Bahnhof auf einen Kaffee.

Schließlich hatten sich die beiden wo-chen-lang nicht gesehen, also vier, und da musste einiges aufgearbeitet werden, so tratschmäßig.

Bevor O. am Bahnhof ankam, wollte die Frau Hilde ihre Fahrkarte nach DkdFHh-Dorf holen. Eigentlich ist das kein Problem. Man gibt den Ort ein, zahlt – und gut ist.

Oder auch nicht.

Nämlich, das ist so: Weil ja im Sommer KEIN Mensch in diese Richtung fährt (das war Ironie, Anm. d. Fr.H.), hat die Bahn beschlossen, dort was an der Strecke zu bauen und aus diesem Zweck selbige zu sperren.

Man kommt nun also nicht mehr direkt von A nach B. Das wäre schließlich auch langweilig. Nein, man kann entweder mit dem ICE (TEUER!) über Stuttgart fahren (gehen Sie nicht über Los …) oder mit dem ICE oder TGV (TEUER!!) über Karlsruhe. Die Frau Hilde sah es irgendwie nicht so recht ein, jetzt annähernd drei mal so viel zu zahlen wie sonst. Also suchte sie verzweifelt nach einer Lösung. Und fand eine. Mit der S-Bahn nämlich. Die Fahrt dauerte nur drei Stunden (Ironie!), man musste drei mal umsteigen, aber insgesamt war das Ganze halt auch mehr als die Hälfte billiger als die ICE-Variante. Nun gut. Die Frau Hilde holte ihre Fahrkarte, druckte sich noch die Umsteiginfos aus und dackelte zum Treffpunkt.

Dort war dann auch schon Lieblingskollegin O.

Man trank Kaffee, tauschte die neuesten Neuigkeiten aus und fand es überhaupt ganz entspannend und prima, jetzt hier rumzusitzen.

„Wann geht eigentlich dein Zug?“, erkundigte sich die Frau Hilde.

O. warf einen Blick auf ihr Smartphone.

„Der geht um …“ Sie stutzte. „Der geht ÜBERHAUPT NICHT?!“

„Äh“, machte die Frau Hilde beredt.

O. trappelte ganz schnell zur Anzeige im Bahnhof. Und Tatsache, da stand „Zug fällt heute aus“. Also, ein ICE. Ein langer.

Verwirrt trappelte O. weiter zur Info, wo ihr gesagt wurde, sie könne einen anderen ICE nehmen, der wiederum zwar nicht dort hielte, wo sie hinwolle (Bonn Hauptbahnhof), sondern in Siegburg, aber sie könne ja dann für umsonst mit der Straßenbahn fahren.

Prima.

O. bekam spontan ein bisschen schlechte Laune.

Da der zweite ICE recht bald fuhr, gingen die beiden mal auf den Bahnsteig.

Wo das absolute Chaos herrschte, weil nicht jeder die Zusatzinfo bekommen hatte, dass man in einem anderen ICE fahren konnte.

Schließlich fuhr der andere ICE ein. Die Schlacht um die besten Plätze begann.

O. und die Frau Hilde verabschiedeten sich, und O. betrat den ICE, während die Frau Hilde auf ihren Bahnsteig wechselte.

Minuten später piepte ihr Smartphone.

„Ich krieg zu viel“, schrieb O. „Völlig überfüllt. Alle schreien rum. Selbst die Toilette ist besetzt! Ich stehe neben lauter kreischenden Weibern.“

Die Frau Hilde, inzwischen selbst unterwegs, bekundete ihr Mitleid.

Als sie später noch kurz mit O. kommunizierte, erzählte diese, sie habe die ganze Fahrt bis Siegburg eingequetscht auf dem Gang gestanden. Völliges Chaos im Zug. Keiner wusste, was Sache ist. Ganz primatoll sei das gewesen. Nicht.

Die Frau Hilde wiederum hatte etwas mehr Glück; trotz knapp bemessener Umsteigzeiten erwischte sie alle Anschlüsse und kaum drei Stunden später kam sie in DkdFHh-Dorf an. Wo sie sich aber ganz schön beeilen musste auf dem Nachhauseweg. Zwei Kaffees müssen halt irgendwann raus …

Am Samstag trat die Frau Hilde dann den Rückweg an. Und zwar mit einem neuen Bikel. Also, eigentlich einem alten Herrenrad, das ihr für den Fall des Rosinante-endgültig-Schlappmachens überlassen wurde und das so etwa 25 Jahre alt war.

Die Frau Hilde fuhr extra um die Mittagszeit in der Hoffnung, die Züge seien etwas leerer.

Von früher kannte sie das so, dass es in diesen Zügen die Möglichkeit gibt, Fahrräder nicht nur mitzunehmen, sondern auch anzugurten. Was ganz gut war, denn der Fahrradständer des alten Herrenrads war nicht mehr der sicherste.

Als sie die Bahn dann betrat, wurde sie enttäuscht: Keine Gurte. Und an der Stelle, an der die Fahrräder stehen konnten, hatten Reisende ihre trölfzig Koffer deponiert. Und von wegen leere Bahn …

Nun gut. Die Frau Hilde ärgerte sich ein wenig, klemmte sich dann mitsamt Rad in eine Ecke und verbrachte die nächsten anderthalb Stunden damit, unkontrolliert Richtung Rad zu zucken, wenn das Anstalten machte, umzukippen.

Die Umsitzenden verfolgten das Ganze amüsiert und vielleicht auch ein bisschen spöttisch lächelnd. Sah ja auch wirklich ziemlich doof aus, das. Aber die Frau Hilde dachte sich, nun gut, biste halt die Lachnummer im Zug. Immerhin sorgt man so ja für gute Laune bei den Mitreisenden – wenn auch nicht bei einem selbst …

Es ging aber weitgehend alles gut.

Im nächsten Zug war es dann deutlich entspannter.

Und schließlich kam die Frau Hilde heil in Hildehausen an, schleppte das Rad noch ein bisschen die Treppen runter und rauf und radelte dann vergnügt nach Hause. Das Rad wurde in den Keller verbracht, wo es jetzt steht und zarte Bande zum Rosinante-Bikel knüpft.

Heute dann traf sich die Frau Hilde mit der Frau Sabi im Zweitwohnsitz. Man wollte einen Kaffee trinken und danach an die Schule gehen, um mal zu schauen, ob die Stundenpläne schon standen.

Taten sie übrigens nicht. Und die Schule ist in den letzten fünf Wochen auch nicht schöner geworden.

Morgen gibt es dann ein Wiedersehen mit vier ehemaligen Ref-Kolleginnen, die unabhängig voneinander im Lande sind. Da freut sich die Frau Hilde ganz doll drauf. Man hat sich ja doch seit langem nicht mehr gesehen. Und man nimmt sich ja immer vor, in Kontakt zu bleiben, aber meistens beschränkt sich das auf drei, vier mal im Jahr.

Ja.

Und in der Zwischenzeit beschäftigt sich die Frau Hilde wieder mit der Unterrichtsvorbereitung. Seufz.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde und schlägt mal „Die Physiker“ auf.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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27 Antworten zu Von Lachnummern

  1. giftigeblonde schreibt:

    Wow, es lebe die Bahn.
    Wundert mich nicht, dass die alle Defizite schreiben, oder ist das nur bei unserer ÖBB so?
    Für die Rosinante freut mich, dass sie nun einen potentiellen Lover hat (Achtung, da kommen wieder Suchanfragen hihi), und dass du trotzdem deinen Humor behalten hast.
    Allerliebste unschuldige Grüße!

  2. fraukrokodil schreibt:

    Hat das neue Smartphone eigentlich auch einen Namen?

    • frauhilde schreibt:

      Hier wurde ja „Lieselotte“ vorgeschlagen. Den Namen find ich lustig, aber so richtig lieselottig sieht es irgendwie nicht aus.
      Wenn du also weitere Vorschläge hast, sind sie herzlich willkommen!

  3. Jürgen schreibt:

    Die Bahn ist im Begriff, sich selbst abzuwickeln, bei horrend hohen Gehältern in den Vorstandsetagen. Jeden Tag liest man/frau Horrorgeschichten, z. B. heute, dass eine ganze Generation von Fahrdienstleitern fehlt. Wegen Personalabbau vor einigen Jahren. Siehe Mainz.

    • frauhilde schreibt:

      Mainz ist eigentlich etwas fürs Kuriositätenkabinett.
      Ich bin auf Montag gespannt, wenn die Schule wieder losgeht und für viele pendelnde Arbeitnehmer der Urlaub auch endet. Ob dann endgültig Chaos und Anarchie ausbrechen?
      Im Moment wird ja auch nichts getan, sondern Land und Bund schieben sich munter gegenseitig die Schuld zu – und zwischendrin tönt Herr Döring, die Angestellten solle man gefälligst aus dem Urlaub holen. Das hätte man politisch vielleicht etwas klüger anpacken können …

  4. Corinna schreibt:

    Ich denke, dass die Bahn im Vergleich mit dem alten Fahrrad oder der geschafften Frau Hilde (ja, eigentlich mit allem) die größere Lachnummer ist.

  5. Judith schreibt:

    Oh, dann war ich ja nicht die einzige mit Zugausfall :-/ wünsche viel Vergnügen mit den Physikern, schönen Gruß von mir, ich hab ihnen immer noch nicht verziehen, dass sie meine Schauspielkarriere ruiniert haben 😉

    • frauhilde schreibt:

      Oh nein, was ist passiert?

      • Judith schreibt:

        Es begab sich aber zu der Zeit – dass die liebe Judith noch auf der Schule war und in der Theater AG „Die Physiker“ aufgeführt werden sollten. Zugedachte Rolle – eine der Krankenschwestern. Gesagt getan, voll motiviert in die Proben gestartet – aber dann: „mein“ Physiker, bzw dessen Darsteller wurde krank und war mehrere Proben lang nicht zugegen. Also musste jemand anders den Part lesen, in dem Fall der Leiter der Theater AG welcher auch noch unser Herr Direktor war. Und dann kam der Dialog mit dem Satz: „Ich will mit Ihnen schlafen, ich will Kinder von Ihnen haben…“ Den natürlich die Krankenschwester zu dem Physiker sagt und nicht die Judith zu ihrem Schuldirektor. Aber da wurde mir klar, dass mir dieses „in andere Rollen versetzen-Gen“ irgendwie fehlt und ich da wohl fehl am Platz bin… Ging nämlich nicht. Konnte ich einfach nicht sagen. Und schon gar nicht ernst.

        Dann hab ichs bleiben lassen…

        • frauhilde schreibt:

          Uah, arme Judith! Das ist ja ein Trauma fürs Leben!
          Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass dein Verhältnis zu den Physikern jetzt eher gestört ist. *g*
          (Oder war der Schulleiter ein Hübscher??)

          • Judith schreibt:

            Wenn ich jetzt „ne“ sage und er liest uU auch heimlich hier mit? Meine Mutter hat mich nämlich letztes Jahr quasi gezwungen ihm die Geschichte zu erzählen :O 😀 Also sagen wir mal diplomatisch, mein Fall wäre er nicht gewesen… 😉

  6. diewiderspenstige schreibt:

    Oh je, immer diese Bahn!
    Aber hättest du doch das blöde teure ICE-Ticket gekauft und einen Abstecher nach Stuttgart gemacht 😉

  7. Pingback: Coole Blogbeiträge Woche 32Always sunny

  8. A. P. Glonn schreibt:

    Ja, wer mit der Bahn fährt, kann mehr Abenteuer erleben, als er eigentlich gebucht hat, hm? 😀 Schön, dass du trotzdem (ziemlich) heil wieder nach Hause gekommen bist. Und ein LI fürs Rosinante-Bickel mitbringen konntest. Also … *hebt schüchtern die Hand* … wenn es denn zu zwischenbickelnden Aktionen kommen und Nachkommen entstehen sollte(n), würde ich auch mein Interesse anmelden. 🙂
    Am Montag geht’s bei euch schon wieder los, Wahnsinn. Unsere Kids sind gerade mal in der zweiten Woche, glaube ich. Andererseits freue ich mich schon wieder auf viele Schuleinträge von dir. 😉

    • frauhilde schreibt:

      Ich werde euch auf dem Laufenden halten, was die Nachwuchsproduktion angeht. 😀

      Ja, ihr habt als Letzte Ferien gehabt. Schade eigentlich, weil die Bayern-Kindlein während der abartigsten Hitze in der Schule sitzen mussten.

      Ich hab deine Geschichte übrigens nicht vergessen; Samstag werd ich mich dransetzen. 🙂

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