Vom Chaos. Oder: Sie sind wieder da-haa!

Es gibt Schulstunden.

Und es gibt Chaoten-Stunden.

Und es gibt Chaoten-Stunden, die sind einfach nicht zu beschreiben, weil … da fehlen einem die Worte.

Heute war also am späten Nachmittag die erste Doppelstunde Chaoten angesetzt. Die Frau Hilde hatte die schlimmsten Befürchtungen, weil sonnig und Nachmittag; entsprechend hatte sie auch für nicht viel mehr als eine Stunde geplant, weil am Anfang ohnehin Organisatorisches zu besprechen war und weil sie ihre Chaoten nicht schon am zweiten Schultag malträtieren wollte (das kann sie ja noch das ganze halbe Jahr über machen!). Außerdem, wie gesagt, ging sie davon aus, dass maximal acht, neun Chaoten erscheinen würden.

Als sie sich nun also pünktlich zum Kursraum begab, wollte sie ihren Augen nicht trauen: ALLE ACHTZEHN Chaoten standen bereits wartend vor der Tür.

„Meine Nerven“, murmelte die Frau Hilde und schloss auf.

Schon beim Betreten des Raums hatte sie allerdings das Gefühl, einen sofortigen Hörsturz erleiden zu müssen. Alle achtzehn Chaoten wollten Hallo sagen und irgendetwas mit der Frau Hilde reden.

Leider alle auf einmal.

Die Frau Hilde machte eine scheuchende Handbewegung und der Kurs enterte den Raum.

Der viel zu klein war, zudem waren die Tische als Kreis gestellt.

Nun gut, man setzte sich gemütlich im Kreis; Chaot B. (gefühlte 1,90) und Chaot J. („der Hässliche“; auch so ein Schrank von Kerl) links und rechts von der Frau Hilde.

J. holte sein Smartphone hervor und steckte es in aller Ruhe zum Laden ein.

„Sag mal, aber sonst geht’s dir gut?“, fragte die Frau Hilde ungläubig.

„Aber echt“, mischte sich Chaot S. in Dinge, die ihn nichts angingen, zog J.s Ladekabel aus dem Stecker – und steckte sein eigenes ein.

„Na, haben Sie uns vermisst?“, wollte H. wissen und legte die Beine auf den Tisch.

Die Frau Hilde schaute ihn fassungslos an.

„Nimmst du wohl die Haxen da runter?!“, schimpfte sie.

Chaot K. kippte mitsamt seinem Tisch um.

„Du Dappschädel“, kam es von M., der keinen Platz mehr gefunden hatte und auf der Fensterbank herumlümmelte.

„Ich war ja vorhin so weit, dass ich euch sagen wollte, ich hab euch vermisst“, raunzte die Frau Hilde. „Aber das überleg ich mir noch mal.“

„Och, kommen Sie, natürlich haben Sie!“, schleimte S. und friemelte unauffällig an seinem Smartphone herum.

Chaot B. packte sein Vesperbrot aus.

„Machen wir heute früher Schluss?“, fragte er. „Außerdem, das ist ja wohl voll scheiße, so spät und so. Wir können echt keinen Unterricht machen heute.“

Die Frau Hilde lächelte milde.

„Und ob wir können, meine Lieben!“, gab sie kühl zurück. „B., hör auf zu essen, S., pack auf der Stelle das Handy da weg und …“

„Sollen wir eine Whatsapp-Gruppe gründen?“, krähte W. von hinten.

Zehn Minuten später war Ruhe eingekehrt, soweit das bei den Chaoten halt möglich ist, und man begann mit den Physikern. Eine kleine Bildbeschreibung zu Beginn („Ey, den kenn ich, der da sitzt, das ist Goethe!“ – „Boah, du Dappschädel, was wird das Goethe sein, wenn wir die Physiker lesen??“ – „Dann ist es halt ein Physiker. Schiller oder so …“), dann wandte man sich der Exposition zu.

Die Frau Hilde holte Luft und wollte gerade ein Schäflein zum Lesen auffordern, da …

„Frau Hilde, WIE liest man eigentlich?“ (B.)

„Ist das jetzt dein Ernst?“ (DFH)

„Ja, weil, also die Frau J. hat gesagt, so mit querlesen und so, aber wenn ich les, dann sag ich mir die Buchstaben laut im Kopf.“ (B.)

„Dappschädel!“ (M.)

„M.!!“ (DFH)

„Alter, kannst du nicht lesen??“ (Chaotin F.)

„Idealerweise entstehen beim Lesen ja Bilder im Kopf und …“ (DFH, unterbrochen)

„BILDER?? Ey, Frau Hilde, was RAUCHEN Sie??“ (H.)

„Oh, machen wir eine Kippenpause?“ (Herr A.)

„RUHE!“ (DFH, genervt) „B., lies bitte mal vor.“

B. begann zu lesen.

Sekunden später kringelte sich der halbe Kurs am Boden, weil B. sehr … nun ja … verhaltenskreativ liest, um es mal so auszudrücken.

F. guckte irritiert.

„Du kannst ja ECHT nicht lesen“, stellte sie fest.

Die Frau Hilde erspart euch die nächsten zwanzig Minuten; das Niveau hob sich nicht wesentlich, obwohl eine kurze und sehr interessante Diskussion entstanden war.

„Warum machen wir das?“, fragte Chaot E. „Ich mein, also, warum halt?“

„Damit du ein paar Auswahlthemen mehr fürs Mündliche hast“, sagte M.

Chaotin F. quiekte.

„Was ist?“, erkundigte sich die Frau Hilde ein bisschen genervt; F.s Stimme ist schon vormittags schwer zu ertragen, wenn sie im Quiek-Modus ist.

„Mündliches Abi!!“, quiekte F. „Also, wie ist’n das mit den Themen? Also, ich mein, kann ich S-Schreibung als Thema nehmen??“

„Und dann?“, lachte J. „Willst du zwanzig Minuten darüber reden, wie das geht?“

F. nickte und meinte das völlig ernst.

B. fiel seine Flasche samt Inhalt zu Boden. Ein Tröpfchen Wasser traf H., der daraufhin sehr unmännlich kreischte.

„Dürrenmatt“, meinte W. nachdenklich, „da haben wir doch früher schon was gelesen.“

„Wahrscheinlich „Besuch der alten Dame“, denk ich“, vermutete die Frau Hilde. „Das liest man so in der 9./10.“

„AAAAH!“, kreischte H. plötzlich und alle zuckten zusammen. „Da hatten wir doch schon mal hier im Raum damals. Und da haben wir Hangman gespielt und …“

„Frau Hilde, was heißt Hangman eigentlich auf Deutsch?“ (S.)

„Dappschädel!“ (M.)

„M!!“ (DFH)

„Der L. hat damals nen Penis an die Tafel gemalt!“ (H., völlig in süßen Erinnerungen schwelgend)

„Da habt ihr ja inzwischen intellektuell richtig Fortschritte gemacht …“ (DFH, ein bisschen genervt, aber sie wollte ohnehin in den nächsten zehn Minuten Schluss für heute machen, weil erste Stunde nach den Ferien und so was alles)

E. guckte verwirrt.

„Dürrenmatt?“, sagte er nachdenklich. „Haben wir von dem nicht schon mal was gel-„

„DAPPSCHÄ-„

„M.!!“

„Können wir rausgehen?“ (Herr A.)

„Können wir jetzt aufhören?“ (J.)

„Ieh, der J. hat ein Herzchen auf den Arm gemalt!“ (F.)

„Frau Hilde, Frau Hilde, der S. ist nicht mehr mit der K. zusammen!“ (J., verschwörerisch)

„Dinge, die ich ja schon immer wissen wollte …“ (DFH, zusammenpackend)

„Machen wir das jetzt mit der Whatsapp-Gruppe?“ (H., der nur wieder sein supertolles iIrgenwas zeigen wollte)

„Geben Sie mir Ihre Nummer?“ (W.)

„Nein!“ (DFH)

„Wann haben wir denn das nächste Mal?“ (S.)

„Am Donnerstag.“ (Sch.)

„Nee, das kann nicht sein, da steht bei mir Entfall drin!“ (S.)

„Mann, bist du bescheuert!“ (E.) „So was sagt man HINTERHER! NACHDEM man geschwänzt hat!!“

„Oh.“ (S., errötend)

So war das heute Nachmittag mit den Chaoten.

Die Frau Hilde muss allerdings zu deren – und ihrer eigenen – Ehrenrettung sagen, dass stofflich was bei rumkam und dass das, was für heute geplant war, auch umgesetzt wurde. Nur halt … anders als bei normalen Kursen. So ist das mit den Chaoten immer. Man kommt schon ans (Lern-)Ziel, nur eben nicht auf so schönen geraden Wegen wie bei anderen. Aber wenn man das in Kauf nimmt, dann hat man einen wirklich leistungsstarken Kurs (siehe „Faust“-Reihe).

Die Frau Hilde ist trotzdem minimal nervlich angeschlagen nach Hause gekommen, hat gleich mehrfach nach dem Wetter schauen müssen und bekam soeben eine Nachricht von Chaot H. (der wegen einer gemeinsamen Fahrt vor einiger Zeit der Frau Hilde ihre Handynummer hat), man habe tatsächlich eine Whatsapp-Gruppe gegründet und das sei ja jetzt alles ganz schön lustig und so was alles.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde und muss sich jetzt erstmal erholen. Am Donnerstag folgt die nächste Chaotendoppelstunde. Was da wohl noch kommen mag …

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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24 Antworten zu Vom Chaos. Oder: Sie sind wieder da-haa!

  1. Judith schreibt:

    Klingt – öh – spannend!!! 😀 Viel Freude mit den Chaoten 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Danke. 😉
      Spaß werde ich auf jeden Fall haben; die paar grauen Haare lassen sich hoffentlich verschmerzen. Und mein Therapeut muss dann halt Extraschichten schieben. 😀

  2. Eponine schreibt:

    Huiuiui, das hört sich tatsächlich sehr chaotisch bzw. chaotenisch an… und nicht mal in der ersten Stunde hast du deine Ruhe, hm?! *schiebt Beruhigungsschokolade rüber*

    • frauhilde schreibt:

      Schokolade!! *blanke Äuglein krieg* Ooooh. Danke!!

      Ach, na ja. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte sie nicht doch ein bisschen vermisst.

  3. Frau Streng schreibt:

    Ich würde mal sagen: wieder voll drin 🙂
    Ich finde, die schließt man schon beim Lesen ins Herz und ist aber dabei unterschwellig gleichzeitig latent angenervt.
    Da fühle ich mich gleich wieder so schulmäßig…das muss ich schnell wieder verscheuchen!
    War denn das Wetter noch da?

    • frauhilde schreibt:

      Neeeeiiiin, Frau Streng, du darfst das böse Sch-Wort doch nicht denken!! Nachher gibt das wieder Träume und so was alles!!

      Und ja, ungefähr so geht’s mir mit ihnen. Ich hab sie von Herzen gern, aber es gibt Phasen, da möchte ich sie gerne an den Beinen aus dem Fenster halten und ein ganz bisschen arg schütteln. 😉

  4. dancingangel94 schreibt:

    „unterschwellig latent angenervt“ finde ich super! Muss ich mir merken! Und es trifft meine Gedanken zu diesem Artikel ziemlich genau 😉

    • frauhilde schreibt:

      Also, ich muss sie aber insofern in Schutz nehmen, als sie allesamt wirklich ganz lieb sind. Als sie noch in der 11. waren, waren sie grauenhaft und unausstehlich. Ab Anfang der 12. wurde es immer besser. Und jetzt freue ich mich auf jede Chaotenstunde. 🙂

  5. Judith schreibt:

    Ach so – aber was ist denn nu mit B.? Also wegen dem Lesen und so?

    • frauhilde schreibt:

      Er liest beim Vorlesen nicht Sinn erfassend, sondern jedes Wort für sich. Am Ende merkt er dann meist, was er gelesen hat, und wiederholt den Satz noch mal, dann richtig. Und er liest sehr langsam und stockend.
      Wir üben das jetzt regelmäßig.

  6. A. P. Glonn schreibt:

    Jaaaaaaa, die Chaoten sorgen immer für Lacher. Mittlerweile habe ich die echt ins Herz geschlossen, nicht nur unterschwellig, zumal ich ja weiß, dass ich sie sofort vergessen kann, sobald ich hier gelesen und gelacht habe. 🙂 Ich muss mal dumm fragen: Was passiert bei so einer What’s-app-Gruppe?

    • Judith schreibt:

      Bei Whats app kann man ja Nachrichten hin und her schicken, wie SMS. Das find ich ganz nett, Fotos kann man damit auch ziemlich schnell senden. Damit das ganz noch unübersichtlicher – Verzeihung – lustiger wird, kann man da quasi direkt einen Gruppenchat aufmachen. Ich selber habs nicht probiert, sitze aber an der Quelle eines 14 jährigen, der eben auch eine Whats App Gruppe mit seiner Klasse hat… einer schreibt was, alle können es lesen (also bekommt man morgens schon mit, dass die Mädels sich nicht einig sind, was sie nun anziehen wollen oder sollen *umfall*)

      Peinlich wirds, wenn sie mal ne Nachricht statt an ihre Freundin an die ganze Klasse geschickt haben *hihi*

      • Judith schreibt:

        Der 14 jährige konnte sich übrigens ob der Tatsache, dass ich Whats App ganz alleine installiert habe, nicht zwischen Verwunderung und Bewunderung entscheiden *umfall*

        • A. P. Glonn schreibt:

          *weglach* Danke für die Aufklärung! 🙂

          • frauhilde schreibt:

            Jupp, wie Judith sagte. 🙂

            Da die Damen und Herren ja immer ihre Mails nicht lesen („Wie, das mussten wir noch machen? Also, ICH hab die Mail nicht bekommen!“), ist das hier jetzt mal die Alternative. Bei WhatsApp können sie nicht mehr behaupten, es nicht gesehen oder bekommen zu haben.
            Wir müssen das Ganze jetzt noch ein bisschen professionalisieren (nein, Fotos von halbnackten Betrunkenen möchte ich NICHT sehen!), und dann wird das schon.

            Und es freut mich, dass du sie ins Herz geschlossen hast. Du hättest in so einer Chaotenstunde sicher viel Spaß. 😉

  7. stellinchen schreibt:

    “der Hässliche”

    ..
    ..
    😮 😦 böse Frau Hilde

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