Von verliebten Chaoten

Am Donnerstag durften die Praktikanten ihre Stunden bei den Chaoten halten. Diese wussten vorher nichts davon, außer dass sie Namensschildchen mitbringen sollten.

Alle Chaoten waren – für ihre Verhältnisse – recht pünktlich und so saß man dann da: Vorne eine Praktikantin und ein Praktikant, die von neunzehn neugierigen Augenpaaren durchbohrt wurden.

Die Frau Hilde schnappte sich sodann ihre fünf Delinquenten, um vor der Tür ein Gespräch der ernsteren Sorte betreffs Abschreibens vom Nebensitzer zu führen. Die drei, die sie unter Verdacht hatte, gestanden dann auch gleich; insbesondere S. schämte sich aber kein bisschen, sondern fand das alles noch sehr lustig.

Als die Frau Hilde die drei Sünder dann schnappte, um einen Raum zu suchen, in dem der Test nachgeschrieben werden konnte, verging S. das Lachen so ein bisschen. Er war beleidigt – und ist es bis heute. (Kommentar vom Kollegen P., der S. auch hat: „Kann der eigentlich auch was anderes?“)

Danach ging man wieder zum Kursraum, in dem die Praktikantin bereits ihre Stunde begonnen hatte. B., mit leicht entrücktem Gesichtsausdruck, stand vorne an der Tafel und notierte, was seine Mitchaoten so von sich gaben. Besonders konzentriert schien er nicht zu sein, eher spontanverliebt oder so etwas in die Richtung.

Für ihre Verhältnisse waren die Chaoten auch wirklich brav; Herr Chaot A. sagte allerdings 90 Minuten lang gar nichts. Vielleicht hätte ihm die Frau Hilde nicht befehlen sollen, an diesem Tag nur Hochdeutsch zu reden …

M., B., W., J., H. und F. arbeiteten aber tüchtig mit. Gut, H. musste sich zwischendrin mehrfach zur hinten sitzenden Frau Hilde umdrehen und sich mit Beifall heischendem Blick erkundigen, ob das denn jetzt auch stimme. Und B. musste die Praktikantin fragen, wo sie wohne/ studiere, und wieso sie dann gerade an dieser Schule gelandet sei. Und F. beschwerte sich in der Gruppenarbeitsphase, dass man keinen Glitzerstift hatte, um das Plakat zu beschreibseln. Und malte jeden I-Punkt als Herz, weshalb diese Gruppe dann natürlich auch nicht fertig wurde.

B. war so damit beschäftigt, die Praktikantin vorne anzuhimmeln, dass er, nachdem er abgelöst worden war, völlig vergaß, das abzuschreiben, was er vorher an die Tafel gebracht hatte. Und dann musste er auch noch in die Gruppe. Kurz: Er war völlig überfordert.

Die neben ihm sitzende Frau Hilde grinste und erbarmte sich dann und schrieb den Rest für ihn ab. Man soll ja so junge Liebe nicht einfach durch gemeines Abschreibenmüssenundnichtmehranhimmelnkönnen zerstören, nicht wahr?

In der zweiten Stunde wurde die Praktikantin dann von ihrem Kollegen abgelöst, was ein sofortiges Absinken des Testosteronspiegels im Kurs zur Folge hatte. Nur der arme B. wusste gar nicht, wohin mit seinen Gefühlen. Also malte er hingebungsvoll kryptische Zeichen auf seinen Block.

Später beim Gehen konnte man in seinen Augen kleine Herzchen sehen.

H. holte sein iPad aus der Tasche, um damit anzugeben abzuschreiben, was die neben ihm sitzende F. zu einem Quietschanfall der böseren Sorte animierte („Ich will das auch, gibt’s das auch in Rosa?“).

Zu des Praktikanten Unglück flog kurz darauf ein Hubschrauber sehr tief an der Schule vorbei, woraufhin alle Chaoten ans Fenster stürzten und – ja, Chaos ausbrach.

B. drehte sich grinsend zur Frau Hilde.

„Kann ich zwei Minuten früher gehen?“, wollte er wissen.

Die Frau Hilde guckte fragend.

B. wies mit dem Daumen nach draußen, wo der Hubschrauber immer noch zu sehen war.

„Ich werd abgeholt“, sagte er lässig.

Später in Whatsapp sinnierte M. darüber, dass er gerne ein Heli wäre. Die Frau Hilde schlug vor, er solle sich zwei Rotoren auf den Rücken kleben und Heli-Geräusche machend durchs Schulhaus rennen.

M.s Bitte, das nicht nüchtern tun zu dürfen, schmetterte sie allerdings ab. Man verblieb, dass M. die Aktion nach dem Abi durchführt.

Na, dann.

Ansonsten passierte in den letzten Tagen nicht so viel. Die Frau Hilde hat trölfundneunzig Arbeitsaufträge für nächste Woche geschrieben, ihre Kindlein ermahnt, brav zu sein, und hat jetzt alles gepackt. Na ja, fast alles.

Nämlich, es ging nicht alles in den Rucksack rein. So ein Mist!

Und als dann gestern noch der begleitende Kollege anrief und fragte, ob er noch was zur Frau Hilde in den Rucksack packen könne, da musste die Frau Hilde ein bisschen lachen. Was gut war, weil sie schaute sich gerade das Frings-Abschiedsspiel an und befürchtete, dass sie danach ein bisschen weinen müsste.

Auf jeden Fall sitzt die Frau Hilde jetzt in der Küche und wartet darauf, dass ihre Taschen mitsamt ihr dran abgeholt werden.

Sie wünscht euch allen eine ruhige, schöne Woche und hofft, dass sie sich aus Kroatien mal melden kann.

Bo-bo-borowski und all das (ja, der hat gestern auch mitgespielt. Schön war das. Hach, und der Schnix auch. Und … Ja, schon gut!). Sagt die Frau Hilde und winkt freundlich.

Advertisements

Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
Dieser Beitrag wurde unter Schulkramzeugs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Von verliebten Chaoten

  1. Corinna schreibt:

    Ach, das Du dabei noch so ernst bleiben konntest, ist schon eine große Leistung. Viel Spaß in Kroatien!

  2. herr_mess schreibt:

    Finde ich sehr löblich, dass du die Leute nachschreiben lässt. Wenn ein Schüler das Abschreiben gesteht, darf man meiner Ansicht nach die Sechs ohne großes Murren vergeben…

    • frauhilde schreibt:

      Das habe ich auch schon so gehandhabt. In diesem Fall hätte ich es gemacht, wenn sie sich beim Geständnis quergestellt hätten. Sie haben aber gleich alles zugegeben.
      Übrigens sind die Ergebnisse des Nachschreibens legendär – einmal null und zweimal ein Punkt …

  3. zwischenbuechern schreibt:

    Haha sehr schöne Geschichte^^ Besonders der B. mit den Herzchen in den Augen stelle ich mir sehr sehr süß vor^^

  4. Tatichen schreibt:

    Und ich war live dabei. Also im Stadion. Hach war das schöööön!

  5. Hummelmädchen schreibt:

    Hui, ich wusste ja gar nicht, dass die Frau Hilde ein Frings-Fan ist 😀 Sehr schön! Das macht sie gleich nochmal sympathischer, als sowieso schon 😉

  6. stellinchen schreibt:

    „Vielleicht hätte ihm die Frau Hilde nicht befehlen sollen, an diesem Tag nur Hochdeutsch zu reden …“
    bööööööööööse 😉

    „Man soll ja so junge Liebe nicht einfach durch gemeines Abschreibenmüssenundnichtmehranhimmelnkönnen zerstören, nicht wahr?“
    eindeutig! Liebe Frau Hilde (: <<<<<<<<<<<<<<<<<333333333333333333

  7. Judith schreibt:

    Klingt nach einer zu beschmunzelnden Beobachtungsstunde 😀
    Bei der Geschichte fällt mir ein: Wir hatten mal für ein paar Wochen eine englische Austauschstudentin an der Schule. Die sah zwar nicht umwerfend aus, hatte aber eine enorme Oberweite – verliebt würde ich die Blicke der Jungs nicht nennen – aber mit Hormonen und so hatten die durchaus zu tun *hihi*

    Dir viel Spaß in Kroatien!!!

  8. Rana schreibt:

    Ach ja, die Hormone … soifz… Gute Fahrt wünscht dir Rana

  9. Pingback: Coole Blogbeiträge Woche 36Always sunny

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s