Von Wandertagen

„Ich bin mit zweiundzwanzig Kindern los und ich komm mit zweiundzwanzig Kindern zurück. Mir doch egal, ob das meine sind oder nicht. Sind ja genug da.“ (Entnervte Frau Hilde)

Heute war mal wieder Wandertag angesagt.

Die Kindlein hatten jede Menge total prima Vorschläge im Vorfeld („Chillen!“, „Grillen!“ – „Bei DEM Wetter?“ – „Egal.“, „Gehn wir ins Kinderparadies zu Ikea?“), schließlich wurde aber mehr oder weniger mehrheitlich darüber abgestimmt, in eine Ausstellung nach [badische Metropole] zu gehen.

Nun wäre das alles ja auch gar nicht so ein Problem gewesen – wenn nicht an diesem Tag mehrere Schulen in Hildehausen Wandertag gehabt hätten. Ihr habt keine Vorstellung, wie das am Bahnhof aussah. Mehrere hundert Kindlein, wild durch- und übereinander krabbelnd und Geräusche produzierend, gegen die die Trompeten von Jericho wie zarte Sphärenklänge anmuten mussten. Mittendrin hektisch  wuselnde Lehrkräfte, die aus dem Kinderhaufen die zu ihnen gehörenden Schäflein herausfischten, zählten, aus den Augen verloren, wieder fischten, zwischendrin brüllten und bereits gegen 8 Uhr am Morgen eine zweite Dusche hätten gebrauchen können.

Die Neuner der Frau Hilde drückten sich an der Seite herum, einigen fiel plötzlich ein, dass sie noch dringend zum Bäcker mussten, woraufhin etwa zehn das Weite suchten, was die Frau Hilde genervt zur Kenntnis nahm. Interessanterweise ergab sich beim Durchzählen auch immer eine andere Zahl. Es ist ja nicht so, als könne man für einen Moment stehen bleiben, wenn gezählt wird, so als Schüler. Die Frau Hilde schätzte grob, dass von zweiundzwanzig Schülern (zwei waren krank) zwischen fünfzehn und neunundzwanzig anwesend waren, und ging zum Schalter, die Fahrkarten holen.

Der stellvertretende Klassenlehrer, Kollege L., ein ganz arg netter Mensch, aber so faul, wie er nett ist, tauchte inzwischen auch auf und holte sich erstmal einen Kaffee.

Am Schalter stand die Frau Hilde in einer Schlange schwitzender Lehrer, direkt vor ihr entdeckte sie übrigens RBRM, der zusammen mit Lieblingskollegin O. eine fünfte Klasse hat und auch schon etwas zerrupft aussah.

Mitsamt Karten kehrte sie zurück und stellte fest, dass sich die Zahl der möglicherweise anwesenden Kindlein inzwischen auf einunddreißig erhöht hatte.

Sie grinste und schickte die Puschels (ja, DIE Puschels!), die kreischend um sie herum sprangen, wieder zurück zu deren Klassenlehrerin.

Eine Weile später fuhren die ersten Züge und so langsam leerte sich der Bahnhof ein wenig. Sehr zur Freude der Busfahrer, die all ihr fahrerisches Können hatten aufbringen müssen, um sich zwischen herumspringenden Schülern und saublöd suboptimal im Weg parkenden Eltern durchzuwinden.

Es ging auf den Bahnsteig. Man hatte noch zehn Minuten Wartezeit, die von den Kindlein mit so wichtigen Dingen wie essen (man hatte ja vor einer Stunde gefrühstückt und stand darob entsprechend kurz vorm Hundertod) und gegenseitigem Von-der-Bank-Schubsen verbracht wurde.

Ein Zug fuhr ein.

„Nicht einsteigen, das ist nicht unserer!“, warnte die Frau Hilde.

Die Kindlein nickten und aßen/ schubsten weiter.

Kurz bevor sich die Türen schlossen, fischte die Frau Hilde mit einem gewagten (und recht uneleganten) Hechtsprung Schülerchen L. aus dem falschen Zug.

Es gab eine kleine Ansprache an L. bezüglich des Folgeleistens lehrerischer Aufforderungen, dann kam auch schon der richtige Zug.

Lärmend okkupierten die Schüler die Abteile. Zwei weitere Klassen einer anderen Schule fuhren auch noch mit; die Lehrkräfte beobachteten wie im Zoo den Kampf ums Dasein um die besten Plätze.

Irgendwann war man dann angekommen und eilte zur Straßenbahn. Die Frau Hilde eilte noch einmal zurück, um Schüler J. zu sagen, dass er sich ein wenig beeilen solle und dass er seine blöden Chips auch später noch essen könne.

Die Straßenbahn hielt, die Klasse drängelte sich hinein und man fuhr zu der Ausstellung.

Dort gab es eine kleine feierliche Rede von seiten der Frau Hilde („Ihr könnt euch frei be- … K., sei still! Bewegen. Um halb – L., RUHE! – zwölf treffen wir uns wieder und – B., WAS HAB ICH EBEN GESAGT?? Du darfst dir die Ausstellung gleich mit mir zusammen anschauen, und das wird NICHT schön!! – und ihr seid pünktlich. Alles klar?“ – Schülerlein: „Jaja.“ *murmel* „Prima, dann könnt ihr los. Ich wünsche euch viel Spaß!“ – Schüler B.: „Äh. Wann müssen wir noch mal da sein?“) und dann war von den Kindlein nichts mehr zu sehen.

Die Frau Hilde atmete tief durch und ging direkt mal nach dem Wetter schauen.

Es war noch da.

Hernach ging sie mit Kollege L. im Schlepptau im Eilschritt durch die Ausstellung. Wer übrigens immer noch glaubt, Wandertage würden Lehrern Spaß machen oder diese würden Museumsgänge genießen, dem sei gesagt: NEIN. Tun sie nicht. So interessant die Ausstellung gewesen sein mag, als Lehrer kann man sich da nicht entspannen:

Die kreischenden Kinder – sind das Schüler? Haben sie gerade was kaputt gemacht? Was ist denn das für ein Getöse? Haben die was runtergeschmissen? Sind wir eigentlich versichert gegen so was? Wieso rennt Schüler XY da unten am Ausgang rum? Der wird doch nicht … Ah, Klo. Gut. Wieso höre ich seit einer Viertelstunde nichts mehr von Schüler T.? Das ist kein gutes Zeichen! Was tun die da hinten denn? Ich hab doch gesagt, ihr geht NICHT ins Restaurant! Hoar, wenn ich DIE erwische!

Das ungefähr sind der Frau Hilde ihre Gedankengänge gewesen. Da konzentriert es sich nicht so gut auf Kunst & Co., weshalb sie nach einer halben Stunde auch ins Café am Eingang getappert ist und bei einem Kaffee abgängige Schäflein wieder nach oben in die Ausstellung geschickt hat (T. übrigens drei mal).

Irgendwann war auch die schönste Museumszeit um und man begab sich nach dem obligatorischen Klassenfoto zurück an den Bahnhof. Die Schüler fanden’s spannend, außer L., der fand an diesem Tag prinzipiell alles doof. Und besonders doof fand er, dass man am Bahnhof nur zehn Minuten hatte, bis der Zug fuhr, und die doofe Frau Hilde ihm dooferweise verbot, die Zeit beim Mäckes zu verbringen.

Demonstrativ schmollend schlurfte er hinter allen anderen her und machte sich dann hingebungsvoll an einem Süßigkeitenautomaten zu schaffen.

In der Zwischenzeit waren übrigens noch ein paar weitere Klassen am Ende mit dem Wandertag und wuselten auch gen selbes Gleis.

Chaos brach aus.

Die Hälfte der Frau-Hilde-Schäflein war bereits im Zug, die andere Hälfte wuselte orientierungslos vor selbigem auf und ab. Kollege L. wurde in den Zug geschickt, Hälfte rauszuholen und auszuschimpfen, und die Frau Hilde versuchte sich inmitten von inzwischen wieder an die hundert Schülern mit Durchzählen.

Das war dann auch der Moment, in dem obiger Spruch entstand.

Irgendwann dann war man mehr oder weniger vollzählig, denn auch L. war eingetroffen, und während die anderen Lehrer draußen ebenfalls noch zählten, besetzten die Frau-Hilde-Schäflein die besten Plätze und taten das den Schülern außen auch kund.

Eine Dreiviertelstunde später war der Spuk vorbei.

Bis auf eins („Mein Bus kommt in zwanzig Minuten“) waren alle Kindlein in alle trölfzig Himmelsrichtungen entschwunden.

Die Frau Hilde schaute ein letztes Mal nach dem Wetter (noch da) und radelte dann nach Hause, wo sie auf der Stelle ins Bett fiel.

Es ist also wieder einmal überstanden. Alle Kindlein sind heil wieder angekommen, sie haben sich, soweit sie das können, wirklich, wirklich gut benommen, und vor allem hat keines wie bei O. und RBRM (man whatsappte zwischendrin ein wenig) in die Hose gemacht und keine Ersatzhose dabei gehabt. Schicksal von Fünftklässlerlehrern …

Die Frau Hilde denkt gerade mit Grausen daran, dass sie noch den Unterricht für die Chaoten morgen vorbereiten muss, und beendet den Bericht deshalb hier.

Bo-bo-borowski und all das. Sagt die Frau Hilde und schlurft mal ins Arbeitszimmer.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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18 Antworten zu Von Wandertagen

  1. michael schreibt:

    Das muss ja auch dem armen Fünftklässler sehr unangenehm gewesen sein, aber ’shit happens‘ oder so ähnlich.

  2. Corinna schreibt:

    Gibt es in der Schule nur noch Klassenfahrten und Wandertage? Dann will ich dort auch noch mal hin! 😉

  3. giftigeblonde schreibt:

    Amüsant und beneidenswert so ein Lehrerinnentag..*Ironie*

  4. Judith schreibt:

    Oh äh – *hust* klingt nicht nach dem entspanntesten Tag. Aber die absolute Karte haben wohl O. und RBRM gezogen. Ich dachte so in der 5. Klasse hätten die sich so langsam unter Kontrolle – zumindest vorübergehend?

    • frauhilde schreibt:

      Im Prinzip schon. Aber wenn die Aufregung beim Wandertag halt ins Unermessliche steigt, dann verliert man schon mal die Kontrolle über diverse Öffnungen (also, entweder wird geheult oder eben … das andere halt *g*). 😉

  5. Jürgen schreibt:

    Warum Massenveranstaltung? Bei uns geht jede/r wann er/sie will. Ist sehr entspannt.

    • frauhilde schreibt:

      Ja, das stelle ich mir auch entspannender vor. Und: Keine Ahnung. Vor einigen Jahren waren es noch ALLE Hildehausener Schulen (acht oder so), die am selben Tag unterwegs waren. Inzwischen sind es glaub nur noch vier.

  6. Manu/FrauWeibsvolk schreibt:

    Als Eltern vergisst man doch leicht, dass die Lehrer ja auch irgendwie arm dran sind. 😉

    Vielen Dank fürs ab und zu erinnern. ;D

    LG

  7. diewiderspenstige schreibt:

    ich sag´s ja, Wandertage sind UNNÖTIG! 😀
    (Aber mal by the way, warum jetzt? Aktuell ist ja nicht mal schönes Ausflugswetter, geschweige denn sind doch eh alle beschäftigt mit Klausuren, Referaten etc…)

    Hildi, ihr müsst euch so Veranstaltungsorte aussuchen, bei denen schüler nicht zu viel kaputt machen oder sich davonschleichen kann, dann wird das sicherlich entspannter – unsere Lehrer machen da eigentlich keinen gestressten Eindruck 😉

    • frauhilde schreibt:

      „Hildi, ihr müsst euch so Veranstaltungsorte aussuchen, bei denen schüler nicht zu viel kaputt machen“
      Die. Gibt. Es. Nicht.
      Oder kennst du welche?

      Ich hab keine Ahnung, wieso der Tag auf gestern festgesetzt wurde, aber wir haben zwei Wandertage im Schuljahr, und da unseres ja schon ein bisschen länger andauert wie eures, wollten uns die Schulleiter vielleicht was Gutes tun.
      Hm.
      Vielleicht aber auch nicht. *g*

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