Von Katern

Die Frau Hilde hatte heute sechs Stunden am Stück, und als sie in der ersten großen Pause an ihrem Tisch hing und sich sehnsüchtigen Träumen nach wahlweise einem Bett oder einem Kaffee hingab, belauschte sie am Tisch nebenan ein Gespräch zwischen Kollegin D. und Kollegin U.

„Also, mit den Zwölfern kann man heute so gar nichts anfangen“, klagte D.

U. nickte.

„Furchtbar! Muss gestern spät gewesen sein.“

„Was war denn?“, wollte D. wissen.

„Na, Stufenparty!“

D. stöhnte.

„Das erklärt manches.“

Oh, weh, dachte sich die Frau Hilde. Stufenparty. Das bedeutet vermutlich, dass von neunzehn Chaoten achtzehn nicht da sind. Womit hab ich das verdient?

Sie erging sich noch ein bisschen in Selbstmitleid, dann klingelte es und sie tapperte nach oben zum Kursraum der Chaoten.

Wo alle anwesend waren.

Die Frau Hilde hob eine Augenbraue (na gut, sie hob beide, weil sie das mit der einen nicht kann, aber es klingt einfach viel cooler, wenn man schreibt, dass man eine gehoben hat) und schloss den Raum auf.

Schweigend stolperte die Herde hinein und ließ sich auf die Stühle fallen.

„War’s spät gestern?“, fragte die Frau Hilde mit leisem Spott.

Chaot B. stöhnte und legte den Kopf auf dem Tisch ab.

Chaot W. deutete fragend auf seine Wasserflasche.

„Von mir aus“, sagte die Frau Hilde, „aber behalt’s bei dir!“

„Alter, Frau Hilde!!“ Chaotin F. zückte die Nagelfeile und fuchtelte damit herum. Der neben ihr sitzende H. duckte sich und konnte so sein rechtes Auge retten.

„Was ist, F.?“

„Der W., der war so VOLL gestern!“

W. brummelte protestierend.

„Ich hab das Buch gelesen, ich hab das Buch gelesen!“, rief Chaot E. aus der ersten Reihe.

Die Frau Hilde schnaubte.

„Toll, E. Ist ja nicht so, als hättest du das schon vor Wochen gelesen haben sollen …“

„Der H. hat gekotzt“, wusste F. weiter zu petzen.

Die Frau Hilde hob die Hand.

„Danke, F.“, seufzte sie. „Das sind jetzt eindeutig zu viele Informationen.“

„Hat wer kotzen gesagt?“ Chaot K. feixte fröhlich. Er war offensichtlich gestern nicht dabei gewesen. „Haha, bestimmt der W., oder?“

„AUS!“, bestimmte die Frau Hilde. „Ich will nicht schon wieder was über Mageninhalte hören. Ich hab grad zwei Stunden Mittelstufe hinter mir, also verschont mich.“

Der Kurs verstummte.

„Wisst ihr noch, als F. letztes Jahr an Fasching in Deutsch gekotzt hat?“, flüsterte H. deutlich hörbar.

„Ja“, antwortete die Frau Hilde gereizt. „Ich war dabei. Und jetzt Schluss.“

Man wendete sich den wirklich spannenden Dingen des Lebens zu – den Physikern.

Das Ganze ging auch erstaunlich gut, was vermutlich daran lag, dass die größten Störenfriede (B., H., F., W., J.) verkatert auf ihren Tischen hingen (B., H., W., J.) bzw. sich mit einem eingerissenen Nagel beschäftigen mussten (F.).

Für die Sicherung holte sich die Frau Hilde J. an die Tafel.

W. kreischte und die um ihn Sitzenden brachen in Gelächter aus.

W. hatte versucht, seinen Finger so tief wie möglich in die Öffnung der Wasserflasche zu stecken – und war für einen Moment stecken geblieben.

J.s Rechtschreibung an der Tafel gab weiter Anlass für Heiterkeit (nicht so sehr bei seiner Lehrerin, als vielmehr bei seinen Mitschülern), und er ließ sich von M. ablösen, der bis dato noch kein Wort gesagt hatte, sondern blass und rotäugig vor sich hinlitt.

M. versuchte, etwas an die Tafel zu schreiben, klebte dabei mit der Nase direkt darauf, und natürlich kam es, wie es kommen musste, er schlug sich den Kopf an der aufklappenden Tafel an.

Plötzlich begann F. ohrenbetäubend zu kreischen.

„Guckt mal, guckt mal, der B. hat einen ROSA Schirm. Mit BLÜMCHEN drauf!!“

Es klingelte.

Die verkaterten Chaoten nutzten die kurze Pause, um einzuschlafen.

Nach der Pause wühlte die Frau Hilde in ihrer Tasche rum.

„Schade, dass ihr so verkatert seid“, meinte sie bedauernd. „Da hab ich doch jetzt extra …“

„Waswaswas?“ J. sprang auf und ging auf Tuchfühlung.

„Mach dich da weg, mein Freund, sonst gehen wir gleich ein bisschen vor die Tür!“, knurrte die Frau Hilde, und J. dackelte schmollend an seinen Platz zurück.

Die Frau Hilde fischte ein Päckchen Süßkram aus der Tasche.

„Wirklich, wirklich schade, dass eure Mägen das heute nicht abkönnen“, flötete sie.

„Ach, eigentlich geht’s mir gar nicht so schlecht“, fiel W. plötzlich ein.

M. stimmte zu. „Wirklich, es ist gar nicht so schlimm.“

Nur B. winkte leidend ab.

Die Frau Hilde grinste und ließ den Süßkram herum wandern.

„Womit haben wir das verdient?“, erkundigte sich S. mit vollem Mund.

„Ich könnt jetzt sagen, weil ich euch so gern hab, aber das wäre-„

„DIE WAHRHEIT!“, rief B.

Die Frau Hilde schüttelte den Kopf.

„Nein. Eine böse Lüge. Aber ich muss euch bestechen, damit ihr am Dienstag brav seid, da haben wir nämlich Besuch v-„

„Die schnucklige Praktikantin?!“ B. lief so rosa an wie sein Schirm.

Die Frau Hilde schüttelte wieder den Kopf.

„Nein. Ich hab drei Nachschreiber und zwei Nachsitzer und die brauchen Ruhe.“

H. schielte die Frau Hilde mit Welpenblick an.

„Dürfen wir sie ein bisschen ärgern?“

„Nein.“

„Ein GANZ, GANZ kleines bisschen?“

„Nein.“

„Nur ein g-„

„Halt die Klappe, H.!“

H. schmollte.

W. kippte die Wasserflasche um.

Gegen Ende der Stunde bat die Frau Hilde E., die Tafel zu putzen (noch eine alte Kreidetafel, kein Whiteboard).

„Das hab ich schon seit der Zehn nicht mehr gemacht!“, wehrte sich E., gab dann aber nach, machte den Schwamm nass, klatschte ihn an die Tafel – und das aus dem Schwamm gedrückte Wasser ergoss sich über ihn.

„Oh“, machte E. „Stimmt. Schwamm. Wasser. Böse.“

 

Ja. Heute waren sie eigentlich für ihre Verhältnisse herzallerliebst. Was einfach daran lag, dass die allerschlimmsten von ihnen so verkatert waren, dass sie praktisch nicht anwesend waren.

So was ist wirklich sehr erholsam!

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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19 Antworten zu Von Katern

  1. giftigeblonde schreibt:

    Vergessen: Im Gegensatz zu gestern wäre ich da gern dabei gewesen heute 😉

  2. Corinna schreibt:

    Ich finde ja, dass sie den Nachsitzer doch ein wenig ärgern könnten, wegen der abschreckenden Wirkung. 😉

  3. fraukrokodil schreibt:

    Alter, Frau Hilde. Kann mich gar nicht erinnern, hier mal gelesen zu haben, dass jmd in die Klasse gekotzt hat. 😀

  4. Judith schreibt:

    Hm, klingt nach einem interessanten Publikum 😉 Aber ganz ehrlich, auch wenns nervig ist, irgendwie ist es ja auch lustig – sofern sie nicht jede Woche Stufenparty machen. Wobei, Stufenparty IN die Woche zu legen ja auch irgendwie nicht der ganz große Clou ist – warum machen die sowas nicht am Wochenende?
    Für uns war ja immer „ganz großes Kino“, wenn wir mal einen Lehrer auf einem Weinfest erwischt haben – uuuuuuuuuuhhhhhhhhhhhhh 😀
    Hach ja – waren das noch Zeiten *schwelg*

    • diewiderspenstige schreibt:

      weil unter der Woche viiiiel besser ist 😉 Hat man mehr zu lachen, sieht man ja an Frau Hildes Schäfchen 😀

      Bei uns geht jetzt die Wasen-Zeit wieder los, da wurde auch schon der ein odere andere Lehrer betrunken angetroffen – na ja, von uns Schülern mal ganz zu schweigen 😉
      Ich will zu euch und den Kreidetafeln! Bei uns gibt´s fast nur noch so digitale Dingsbumsdinger da…

      • frauhilde schreibt:

        @ Judith
        Mittwoch ist halt immer der große Tag. Sehr zum Leidwesen der Donnerstagslehrer. :/
        Und den Kindlein ist das völlig egal, dass am nächsten Tag Schule ist. Entweder melden sie sich krank (die Ü18) oder sie hängen in den Seilen. Oder sie sind Ü18 UND kommen UND hängen in den Seilen. *g*
        Und wenn sie sich dann den Donnerstag über in der Schule erholt haben, geht’s am Freitag direkt weiter.

        Mit den Weinfesten ist das hier ja eh so ne Sache, das weißt du ja auch. Ich als Lehrer geh da nur selten hin, weil ich einmal das Erlebnis eines sturzbetrunkenen Abiturienten hatte, das muss ich kein zweites Mal haben! Und selbst kann man ja auch nicht zu viel trinken, sonst heißt das wieder … 😉

        @ Widi
        Na ja, nüchtern sind sie mir schon lieber, auch wenn es angenehm ruhig war am Donnerstag. *g*
        Kann man sich aufm Wasen nicht ein bissl ausm Weg gehen, so als Schüler und Lehrer?

        Wir haben übrigens nicht mehr viele Kreidetafeln, sondern in fast jedem Raum Whiteboards und Smartboards. Ich bin ja ohnehin kein Kreidefan, weil ich nach der Stunde meist mehr Kreide auf mir als auf der Tafel hab … :/

        • Judith schreibt:

          Oh, sturzbetrunken brauch ich auch weder Schüler, noch Abiturienten oder Lehrer und auch keine anderen Menschen – deshalb war ich auch immer um 22.30 Uhr von den Festen verschwunden. Aber es gibt ja zum Glück auch die, die für die Schüler eher unattraktiv sind 😉

          Ok, wenn Mittwoch der große Tag ist – dann ist das blöd. Das war bei uns noch anders… ist ja auch erst trölfzig Jahre her 🙂

          • frauhilde schreibt:

            Echt, die gibt’s? Mir fällt grad keins ein; okay, der Wurstmarkt, aber da hätte ich selbst ein Problem, weil der doch ein Stückchen weg ist. Hm …

            Ja, bei uns war das seinerzeit erstens noch schwarzweiß und zweitens meist am Wochenende. Da konnte man dann auch getrost mal durchmachen (haha, apropos Alter – wenn ich heute mal so richtig, richtig spät ins Bett gehe, also zu einer Uhrzeit, bei der ich damals erst LOS bin, dann ist der ganze nächste Tag im Eimer und ich sehe mir mindestens vierundzwanzig Stunden im Spiegel völlig unähnlich. *g*).

  5. Frau Streng schreibt:

    ich verarbeite immer noch den Satz „noch eine alte Kreidetafel“…
    ähhh jaaaa, genau….hat man heute ja nicht mehr (*tut mal so, als ob sie auch schon mal auf
    ein Whiteboard hätte schreiben dürfen und nicht täglich eine alte Kreidetafel mit dem Schwamm bearbeiten würde*)

    • frauhilde schreibt:

      Ja, ich weiß, das ist Jammern auf extrem hohem Niveau.
      Wir haben hier einen von neuester Technik besessenen Schulleiter. Und das bedeutet, dass in immer mehr Räumen Smartboards stehen. Ich bin da nicht so eine Freundin von.
      Was ich allerdings wirklich gerne mag, sind Whiteboards, weil ich auf denen im Gegensatz zu Kreidetafeln halbwegs leserlich schreiben kann (meine Schrift kippt stark nach rechts, das will auf Kreidetafeln halt so gar nicht).
      Außerdem, wie gesagt, beschmiere ich mich leidenschaftlich gerne mit Kreide, und das ist dann immer ein bisschen peinlich. 😉

    • frauhilde schreibt:

      Ja, ich weiß, das ist Jammern auf extrem hohem Niveau.
      Wir haben hier einen von neuester Technik besessenen Schulleiter. Und das bedeutet, dass in immer mehr Räumen Smartboards stehen. Ich bin da nicht so eine Freundin von.
      Was ich allerdings wirklich gerne mag, sind Whiteboards, weil ich auf denen im Gegensatz zu Kreidetafeln halbwegs leserlich schreiben kann (meine Schrift kippt stark nach rechts, das will auf Kreidetafeln halt so gar nicht).
      Außerdem, wie gesagt, beschmiere ich mich leidenschaftlich gerne mit Kreide, und das ist dann immer ein bisschen peinlich. 😉

  6. Patty schreibt:

    Süß! Bis auf die Kotze.

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