Von Schnarchnasen

Heute mitten in der Nacht am Vormittag, 10.31 Uhr, um genau zu sein.

Die Frau Hilde sitzt mehr als gemütlich am Küchentisch, vor sich eine Tasse Kaffee, und überlegt gerade, was sie nachher noch so machen wird.

Draußen regnet es, beste Voraussetzungen also, um faul zu sein.

Das Telefon klingelt.

Die Frau Hilde wirft einen Blick aufs Display – und schluckt.

Das Sekretariat.

In den Ferien.

Das kann nichts Gutes sein.

Die Frau Hilde erwägt kurz, den Ich-tu-als-wär-ich-nicht-daheim-und-lass-den-Anrufbeantworter-rangehen-Trick anzuwenden, dann siegt das Über-Ich und sie meldet sich.

Es ist Frau M., der Frau Hilde ihre Lieblingssekretärin. Sie entschuldigt sich erst trölfzig Mal für die Störung und meint dann, sie wolle die Frau Hilde ja nicht nerven, aber diese werde schon wissen, was komme, wenn sie den Namen höre, um den es ginge … Schüler P.

Die Frau Hilde stöhnt.

Ja, meint die Sekretärin, der habe bei ihr angerufen, völlig panisch, weil die Frau Hilde hätte ihm doch ein Gutachten geschrieben wegen einer Bewerbung für ein Highschool-Jahr, und das jedenfalls habe er abgeschickt, es sei aber nie angekommen, und jetzt bräuchte er da eine Kopie und die Frau Hilde solle ihm die irgendwie zukommen lassen.

„Äh“, sagt diese, „ich hab da keine Kopie von gemacht. War ja ein bisschen kurzfristig.“

Nämlich, das war so:

Während die Frau Hilde in Kroatien war, fiel dem guten P., der im Übrigen ein Schüler ihrer Neunten ist, siedendheiß ein, dass er sich ja für ein Highschool-Jahr bewerben könnte. Eigentlich fiel das seinem Vater ein, weil P. auf so eine Idee selbst nie kommen würde. Und für so eine Bewerbung braucht man ein Gutachten, idealerweise von der Klassenleitung.

Nun befand diese sich aber in Zagreb, weshalb P. die Englischlehrerin ansprach. Diese hatte die Klasse erst seit wenigen Wochen und fühlte sich darob ein wenig überfordert, weshalb sie auch prompt die Frau Hilde anmailte, die wiederum aus der Ferne herzlich wenig tun konnte.

Dummerweise brauchte P. das Gutachten am besten vorgestern, weswegen S., die Englischlehrerin, und die Frau Hilde versuchten, vermittels Mails zwischen Zagreb und Hildehausen eine Art Gutachten zu erstellen.

Erschwert wurde das Ganze dadurch, dass es über P. gar nicht mal so viel Positives zu sagen gibt. Der liegt eigentlich den ganzen Schultag trielig auf dem Tisch, beteiligt sich nicht am Unterricht, schreibt indessen recht gute Noten, besitzt aber keinerlei Sozial- oder sonstige Kompetenzen.

Hin und wieder fällt er durch skurriles Verhalten bei Klassenarbeiten auf (Kollegin G., die ihn in Französisch hat, musste ihm mal mehr oder weniger mit Gewalt eine Klassenarbeit abnehmen; er hielt sie in Händen und wollte sie partout nicht loslassen) und durch seltsame, absurde Fragen. Vielleicht nicht gerade die idealen Voraussetzungen für so ein Auslandsjahr.

Nun gut, das Gutachten ward erstellt und S. und die Frau Hilde kümmern sich nicht weiter um die Sache.

Am vorletzten Schultag stand P. auf einmal vor der Frau Hilde. Eins der Phänomene bei P. ist, dass er einem nicht in die Augen schauen kann.

P. stand da also, fixierte angelegentlich den Boden und nuschelte dann leise etwas, das die Frau Hilde nach mehrmaligem Nachfragen als Aufforderung verstand, NOCH ein Gutachten zu schreiben. Und zwar bis morgen. P. drückte ihr einen Wisch in die Hand und entschwand.

Die Frau Hilde dockte sich nachmittags ans Telefon an und besprach mit S., was man da jetzt noch reinschreiben könne.

Am Mittwoch, dem letzten Schultag, bekam P. sein Gutachten in die Hand gedrückt.

Das er offensichtlich auch verschickt hat – es kam nur nie an, womit wir wieder bei dem Anruf von heute Morgen sind.

Da das Ganze so kurzfristig war, hat die Frau Hilde da natürlich keine Kopie gemacht. Im Übrigen ist sie der Meinung, dass man, wenn man sich mit dem Gedanken trägt, für ein Jahr ins Ausland zu gehen, durchaus in der Lage sein sollte, selbst an so etwas zu denken.

Jedenfalls meinte aber die Sekretärin, sie hätte P. die Geschäftsmailadresse von der Frau Hilde gegeben (Geschäftsmailadresse ist ein Synonym für „Guck ich nie rein, da schreibt mir ja eh keine Sau!“).

Die Frau Hilde schaut in ihren Geschäftsmailadressenposteingang (spielt jemand Scrabble? Was für ein Dreifach-Dreifacher!). Und tatsächlich, da ist eine Mail mit der Aufforderung mäßig höflichen Bitte, das Gutachten doch noch mal zu schicken.

Die Frau Hilde antwortet freundlich, dass sie keine Kopie hat, das Ganze aber noch mal schreiben würde, wenn P. ihr die Vorlage als Anhang zuschickt.

Kurze Zeit später kommt noch eine Mail:

Ich habe die Vorlage mit dem Schulgutachten gesendet.

Hat er aber nicht.

Die Frau Hilde schreibt also noch mal und weist P. darauf hin, dass da kein Anhang ist.

Dann kommt erneut die Antwort, und die ist jetzt ein bisschen verwirrend:

Entschuldigen Sie meine unklaren Worte. Ich meinte eigentlich, dass ich die Vorlage und das Gutachten an die zuständige Organisation zurückgeschickt habe.

Äh. A-ha. Der Bub hat jetzt die nicht ausgefülte Vorlage an die Organisation geschickt, von der er sie ursprünglich bekommen hat.

Ja, nee, is klaa.

Die Frau Hilde schüttelt den Kopf und wundert sich.

Mal sehen, was sich da in den nächsten Tagen noch ergibt.

Sie fürchtet, dass sie irgendwann nächste Woche in der Schule steht, um P. sein Gutachten zu überreichen.

Was man halt so macht, in den Ferien.

Advertisements

Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
Dieser Beitrag wurde unter Schulkramzeugs veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

26 Antworten zu Von Schnarchnasen

  1. tonari schreibt:

    Was tut frau nicht alles und wir ( vielleicht) mit einem schnarchnasenfreien Jahr belohnt 😉

  2. Daheimbleiben soll er. Das Schicksal will’s nicht, muss der Papa doch einsehen!

  3. Stefan K. schreibt:

    Arme Frau Hilde! Wenn ein Vater so kurzfristig so rumnervt, dann soll er wenigstens Kopien von allen wichtigen Dokumenten anfertigen (lassen), bevor er/ sein Sohn sie versendet!

    … aber um Sozialkompetenzen zu lernen kann so ein Jahr weit weg von Papa, der über alles hinwegsieht, durchaus hilfreich sein 😉

    Ich war eigentlich auch nicht auslandsreif, als ich ein Jahr wegging – aber es hat mir (wenn auch mehr im Nachhinein) sehr geholfen, mich sozial weiterzuentwickeln 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Wie alt warst du denn, als du das Jahr gemacht hast? Und wo warst du da?

      Mit der Sozialkompetenz gebe ich dir recht, da wäre so ein Auslandsjahr wohl wirklich von Nutzen. Ich hab nur Angst, dass der Bub da unter die Räder kommt.

  4. KC schreibt:

    Andersrum, wenn man früh genug mit den Sachen ums Eck kommt, ist es den Leuten auch nicht recht. Dann muss man sich immer anhören, dass ja noch meilenweit Zeit wäre, das zu erledigen…Wie man´s macht, macht man´s falsch 😀

    • frauhilde schreibt:

      Na ja, in dem Fall wär’s mir nicht unrecht gewesen, wenn ich wenigstens einen Tag mehr Vorlauf gehabt hätte. So am vorletzten Schultag ist halt doch ziemlich was los.
      Aber es hat ja gereicht.
      Jetzt muss ich nur noch die Ersatzvorlage bekommen … 😉

  5. Corinna schreibt:

    Du bist zu gut für diese Welt! Hey, aber ich denke, Du solltest alles tun, um ihn für ein Jahr loszuwerden. Vielleicht kommt er sogar verwandelt zurück. Man weiß ja nie.

  6. diewiderspenstige schreibt:

    Haha ohje, was ist das für ein Chaot…
    Aber schreib mal schön brav, dann bist du ihn los 🙂

  7. KC schreibt:

    Wobei…mit der Einstellung kann er eigentlich gleich anfangen, zu studieren, da wäre er in guter Gesellschaft 😛

  8. Rana schreibt:

    Ich finde, du hast eine Extragratifikation aus dem Schnarchnasensonderfond VERDIENT!!! LG von Rana

  9. giftigeblonde schreibt:

    Ich schließe mich Corinna an, was bist du für eine gute Seele.
    In dem Alter sollte der Schüler selber in der Lage sein, sein Zeugs beisammenzuhalten.
    Ich würd den Teufel tun und so ein Verhalten auch noch unterstützen.
    Aber ich bin ja keine gute Seele 🙂

  10. Manu/FrauWeibsvolk schreibt:

    Ähm… das Kind ist selbst schuld. PUNKT. In dem Alter kann man schon erwarten, dass mitgedacht wird. Keine Arme, keine Kekse ( kein Gutachten, kein Auslandsjahr ) ;O)

    LG

    • frauhilde schreibt:

      Also, wenn ich mir meine Neuner so anschau, dann bin ich mir nicht sicher, ob da überhaupt wer fähig ist, mitzudenken. Ein, zwei vielleicht. Aber der Rest – au wei … 😀

  11. A. P. Glonn schreibt:

    Hilfe. Wenn ich all diese Kommentare hier lese, bin ich versucht zu glauben, dass sämtliche Anwesende hier mit 14/15 niemals verpeilt waren. Entschuldigt, wenn ich zweifle. Klar ist das jede Menge Stress für dich, Lieblingsfrauhilde, aber ich denke, in dem Alter kann und muss man Abstriche machen. Ist doch das schwierigste Alter überhaupt. Auf der einen Seite verlangt jeder, dass man sich erwachsen benimmt, auf der anderen Seite wird man von allen wie ein Kind behandelt. Und Eltern sind für Leute in dem Alter ohnehin absolut tödlich. Was die sich da manchmal in den Kopf setzen, was ihre Kinder durchziehen sollen … nee, nee.

    • frauhilde schreibt:

      Hm, zwei Herzen schlagen, ach, …
      Ich weiß, was du meinst, und du hast durchaus recht damit. Andererseits passt das, was die Schnarchnase hier abgeliefert hat, total zu seinem sonstigen Verhalten. Und mit 15 kann man durchaus beginnen zu lernen, Verantwortung zu übernehmen, finde ich.
      Natürlich waren wir auch verpeilt, damals. Aber das entband uns nicht davon, für gewisse Dinge eben Verantwortung zu übernehmen (ich wiederhole mich; sorry, aber es ist zehn, ich bin müde und mein Wortspeicher ist um diese Zeit erstaunlich leer …).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s