Von Anrufen

Chaoten-Doppelstunde am Nachmittag.

Die Kindlein futtern gerade die Mandarinen, die ihnen die Frau Hilde mitgebracht hat (sie kommen an Tagen wie heute im Dunkeln und gehen im Dunkeln, da braucht man (= schüler) ein paar Vitamine) und diskutieren über die Rolle des Missonars Rose in „Die Physiker“.

Chaot B.: Ja, und der hat ja dann eine Missionarstellung im Stillen Ozean.

Gegacker.

F.: Frau Hilde, ich versteh das nicht. Der ist doch verheiratet. Aber der ist doch so … so … so ein Gottesmensch. Der darf das doch gar nicht.

J.: Der wird halt evangelisch sein. Die dürfen das.

F. (ungläubig): Eeeecht? So richtig heiraten und so?

(Es entspinnt sich eine theologische Grundsatzdiskussion.)

F.: Ja, und woran glaubt dann der Dürrenmatt?

DFH will gerade ansetzen und F. daran erinnern, dass man zu Beginn der Unterrichtsreihe lang und breit über Dürrenmatts Weltsicht gesprochen hat, wird aber von K. unterbrochen.

K.: Na, an die fünf lebenswichtigen Bausteine in Nutella.

Gut. Das Niveau ist wieder da, wo es hingehört …

Plötzlich klingelt ein Handy.

Die Blicke konzentrieren sich auf H. Nun ist H. Schulsanitäter, was bedeutet, dass sein Handy klingeln darf. Und er darf auch rangehen.

K.: Und, hat sich wieder ein Zwerg die Nase eingerannt?

H. (guckt auf sein Handy): Öh … Äh … Na ja … (reicht das klingelnde Handy wortlos der Frau Hilde)

DFH (guckt aufs Display): Hö? H., wieso ruft Chaot A. bei dir an??

(Herr Chaot A. fehlte.)

H.: Gehnse doch ran!

DFH (geht ans Handy): Hallo A., wieso störst du meinen Unterricht? Und wieso sitzt du nicht darin?

(Schweigen.)

DFH: A.??

A.: Äh … äh … äh … Frau HILDE??

DFH: Selbige.

A.: Ja, äh, also, ich wollt den H. sprechen.

DFH (freundlich): Das kannst du grundsätzlich gerne tun, aber erstens haben wir Unterricht, in dem du zweitens eigentlich anwesend sein solltest.

A.: Ja, das ist, weil … Ich bin grad in [Stadt in der Westpfalz]. Und ich hab vergessen, dass wir Unterricht haben.

A. erzählt dann in epischer Breite, was er da tut, wo er gerade ist, nämlich er hatte irgendeine Aufnahmeprüfung, durch die er aber durchgefallen ist, woraufhin die Frau Hilde erschrocken „durchgefallen?“ ruft, was einen Teil des Kurses zu noch mehr Gegacker und wilden Mutmaßungen, bei was er jetzt durchgefallen sein könnte, anregt, während der Rest wild durcheinander schreit, die Frau Hilde müsse A. jetzt aber mal runterbügeln, weil er doch schwänze und das ginge doch nicht und jetzt riefe er auch noch an. Die Frau Hilde wiederum versteht vor lauter Geschrei weder selbiges noch A.

Man einigt sich darauf, dass A. am Donnerstag wieder kommt, und beendet das Gespräch.

K. (leise): Also, Sie hätten ihn schon noch ein bisschen demütigen können.

Die Geschichte entbehrt einer Pointe, aber irgendwie war es nett, deshalb postet die Frau Hilde sie trotzdem.

Kurz vor Ende der Stunde erwischte sie übrigens B., der unterm Tisch mit dem Handy spielte („Ich muss doch meiner Mama schreiben, dass sie mich abholt!“) und darob jetzt am Donnerstag die zweite Reizwortgeschichte dieses Schuljahres schreiben darf (grundsätzlich werden den Schüler die Handys weggenommen, wenn man sie damit erwischt; in Ausnahmefällen erlaubt die Frau Hilde das Behalten, wenn dafür eine Geschichte geschrieben wird. Die Reizwörter werden – Vorgabe: nix Schweinisches – von den Kurskollegen vorgegeben). Die letzte, die er geschrieben hat, handelte von einem kleinen Häschen namens Emilia Galotti, das vorm mexikanischen Drogenkartell floh und eine Herde Tiefseekühe und Hans Sarpei traf. Es war eine wirklich lustige Geschichte. Und die Frau Hilde freut sich schon auf die Reizwörter, die am Donnerstag kommen. Wenn euch was Lustiges einfällt – Vorschläge sind jederzeit willkommen!

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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14 Antworten zu Von Anrufen

  1. diewiderspenstige schreibt:

    „Reizwortgeschichte“ – i like! 😀
    Irgendwas mit Krokodilen unterm Bett xD

  2. Judith schreibt:

    Das Gesicht von A. hätte ich ja gerne gesehen, als er anstelle des H. die Frau Hilde am Telefon hatte *rofl*

  3. twilight schreibt:

    Ich war letztes Jahr auf Burg Fürsteneck zum Fotokurs. Parallel fand ein Kurs *Impro-Theater* statt. Da sollten wir Stichwörter auf Zettel schreiben und die Impros haben dann eine Szene damit gespielt. Ich hatte aufgeschrieben „Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut“. Das ist ein Buchtitel von Stefan Schwarz.Es war köstlich!

  4. herr_mess schreibt:

    Wow, das ist natürlich auch eine Möglichkeit, mit unliebsamen Anrufen im Unterricht umzugehen. Aber du musst das ja dann auch alles lesen und Rückmeldung geben. Das wäre mir zu stressig…

    • frauhilde schreibt:

      Ich mache in diesen Fällen die Fieser-Lehrer-Tour und lasse sowohl vorlesen als auch von Kursseite aus rückmelden. Also, alles ganz entspannt für mich. 😉
      (Habt ihr jetzt eigentlich morgen den letzten Schultag? Falls ja, wünsche ich dir erholsame Ferien!)

  5. Corinna schreibt:

    *lol* Super! DAS Gesicht hätte ich gern gesehen, als der Frau Hilde Stimme durch’s Telefon drang. 😉

  6. gedankenknick schreibt:

    Wie wäre es mit „Infinitesimalrechnung“? Eines meiner Lieblingswörter für solche Probleme…

    • frauhilde schreibt:

      Danke, lieber Gedankenknick, das ist super!
      Ich hoffe, dass ich das morgen unfallfrei aussprechen kann, nachdem bei der letzten Geschichte schon irgendwas mit Kobalt-II-Chlorid-Hexahydratschlagmichtotganzkompliziert dran kam und ich an der Tafel beim Aufschreiben kurzzeitig Hitzewallungen bekam (ging GsD alles gut …). 😉

  7. Jürgen schreibt:

    Handy – Klassenkamerad – Frau Hilde – Australien

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