Von reizenden Wörtern II

Donnerstag. Chaoten.

Die Frau Hilde schließt den Raum auf, da ruft es auch schon von irgendwo hinter ihr:

„Der B. muss seine Geschichte vorlesen heute!“

Die Frau Hilde scheucht ihre Schäflein erstmal in den Kursraum, man begrüßt sich – und stellt fest, dass drei Kindlein abgängig sind, unter ihnen besagter B.

„In der Pause war er noch da!“, weiß H. zu petzen.

Chaot W. meldet sich.

„Darf ich Kaugummi kauen? Ich hab grad ein Leberwurstbrot gegessen und -„

Unterbrechendes Gequieke von F., die neben W. sitzt und sofort zu jammern beginnt, dass das jetzt ja ganz schrecklich röche und das hielte sie nicht neunzig Minuten aus.

Die Frau Hilde zuckt mitleidlos mit den Achseln und sagt, F. hätte sich ja nicht neben W. setzen müssen, und nein, hier würde nicht Kaugummi gekaut.

Es klopft.

M., Herr A. und B. entern den Raum.

„Geschiiiichte!“, brüllen die Kurskollegen.

B. zieht drei ziemlich mitgenommene Fresszettel aus der Tasche.

„Liest du vor?“, fragt die Frau Hilde.

B. schüttelt den Kopf und errötet.

„Ich glaub“, sagt er, „es is‘ besser, wenn Sie lesen.“

„Hei!“, schreit M., „da stehen ja noch mehr Wörter an der Tafel!“

Die Frau Hilde erklärt M., dass sie gestern die Deutsch-Elfer hatte und nachdem ein Drittel die Hausaufgaben nicht hatte, auch in diesem Kurs zur Reizwortmaßnahme gegriffen hat.

„Cool“, sagt H.

„Die haben viel tollere Wörter wie ich“, beschwert sich B.

„Als ich“, korrigiert die Frau Hilde leise, nimmt B.s Blätter und liest vor.

B. hat eine ganz hinreißende Geschichte geschrieben vom Krokodil Dürrenmatt, das eines Tages vom Nacktmull Loki gestört wird, als er gerade das Planck’sche Wirkungsquantum mithilfe der Infinitesimalrechnung zu beweisen versucht. Der Nacktmull Loki spielt nämlich E-Gitarre, aber mit Stacheldraht statt mit normalen E-Gitarren-Saiten („Saiten schreibt man mit A“, murmelt die Frau Hilde beim Lesen).

Das Krokodil Dürrenmatt und der Nacktmull Loki geraten darob ein wenig in Streit, woraufhin sich der Nacktmull Loki unter dem chinesischen Spielzeughaus mit Pagodendach versteckt. Um den Nacktmull Loki zu versöhnen, spielt ihm das Krokodil Dürrenmatt, weil der Nacktmull Loki ja nicht kann, wenn die Katze zuguckt, das „Pipi machen“-Lied vor (die Frau Hilde: „Was ist DAS denn?“ – B. und mindestens vier weitere: „Wie, das kennen Sie nicht??“), und danach sind beide wieder versöhnt.

Eine rührende Geschichte, wirklich.

„Ey, das war voll super!“, grölt W., grinst breit – und gibt der Frau Hilde somit den Blick frei auf einen Kaugummi.

Die Frau Hilde lächelt süßsauer und fragt W. süffisant, was das in seinem Mund sei.

„Geschiiiichte!!“, brüllt der neben W. sitzende B. „Hei, und wehe, wenn net, das ist voll unfair, nämlich ich musste auch gleich eine schreiben! Bloß, weil ich der Mama gesmst hab.“

Nun gut. W. bekommt auch seine Wörter (diesmal gibt es leider kein Foto davon, weil das Smartphone der Frau Hilde im Lehrerzimmer lag), schmollt noch ein wenig vor sich hin und schreibt sie schließlich ab.

Den Rest der Doppelstunde wird konzentriert gearbeitet – und hastenichgesehen ist man mit den Physikern durch.

Schade eigentlich, hat richtig Spaß gemacht.

Und die Frau Hilde ahnt schon, mit welchem Protestgeschrei welcher Begeisterung die nächste Unterrichtsreihe („Romantische Lyrik“) angenommen werden wird … Aber bis dahin ist noch über eine Woche Zeit, nächste Woche sind die Großen nämlich abkommandiert, wegen weil sie müssen Kursarbeiten schreiben.

Das war jetzt mal die Geschichte der reizenden Wörter. Und was diese Woche noch so alles passiert ist und wieso die Frau Hilde am liebsten bis Weihnachten die Decke über den Kopf ziehen und sich einigeln würde, das erzählt sie die nächsten Tage. Wenn sie dazu kommt.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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16 Antworten zu Von reizenden Wörtern II

  1. Jürgen schreibt:

    Von den „Physikern“ zur „Romantischen Lyrik“? Das ist allerdings ein Riesensprung. Bin gespannt.

    • frauhilde schreibt:

      Das stimmt. Aber ich finde, so in der dunklen Jahreszeit, kurz vor Weihnachten, da passt das nochmal schön. Und sie haben beim mündlichen Abi ein Thema mehr zur Auswahl.

  2. handvolldackel schreibt:

    Vom Pippi-machen-Lied zur romantischen Lyrik ist’s auch ziemlich weit 😉
    November ist ideal zum Decke über den Kopf ziehen, das kann ich nur bestätigen. Blöder Monat.

  3. A. P. Glonn schreibt:

    Cool. Und siehe da, du entdeckst en passant noch ein paar echt talentierte Schreiberlinge unter deinen Jungs und Mädels. *flüstert* Ich habe auch erst vor fünf Jahren entdeckt, dass die Zupfdingenssaiten anders geschrieben werden als die … ähm … na ja, die anderen Seiten halt. Aber psst! Das muss unter uns bleiben, ja? 🙂

  4. herr_mess schreibt:

    Sehr schön. Das Pipi-Machen-Lied würde ich übrigens bei Gelegenheit mal gerne an dieser Stelle lesen wollen…

  5. Robin Urban schreibt:

    Als wir zu modernen Liebeslyrik kamen, wollte unsere Deutschlehrerin, dass wir auch ein Liebesgedicht schreiben. „Sollen wir jetzt echt ein modernes Liebesgedicht schreiben?“ fragte ein Mitschüler damals sicherheitshalber nach. Worauf sie antwortete: „Es muss kein modernes sein. Schreibt ein schönes!“

    Das lässt sich sicher auch auf die Romantik übertragen (egal ob Liebeslyrik oder nicht) :mrgreen:

    • frauhilde schreibt:

      *lach* Oh ja, allerdings.
      Wobei ich gestehen muss, dass ich insgeheim ein bisschen auf romantische Lyrik stehe. Hach. Wegen weil aus Gründen.
      Moderne Lyrik ist halt manchmal … hm … wie drücke ich das jetzt deutschlehrermäßig diplomatisch aus … Scheiße. *g*

  6. Judith schreibt:

    Na das ist aber eine schöne Geschichte geworden 😀 Kreativ sind se ja, das muss man ihnen lassen. Mein November ist bis jetzt ein ziemlich sonniger einer und deshalb ganz gut zu ertragen. Aber wehe (!) es ist mal 2 Tage grau…

  7. diewiderspenstige schreibt:

    Hach, mein Kroko 😀
    Ich mag die Geschichte – hätte voll Reclamheft-Niveau, isch schwör!

  8. twilight schreibt:

    Klasse Geschichte! Ich mag die Chaoten.

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