Von Tagen wie diesen … I

Die letzte Woche hatte es irgendwie in sich.

Es begann damit, dass die Frau Hilde am Dienstag nach der fünften Stunde ihr Täschelchen packte, der noch anwesenden Kollegenschaft einen schönen Tag wünschte und sich anschickte, das Lehrerzimmer Richtung Heim und Bett Herd zu verlassen.

„Wo gehst’n hin?“, wollte Kollege U. wissen.

Die Frau Hilde guckte verständnislos.

„Na, heim“, erwiderte sie.

„Aber du hast doch Kursarbeitsaufsicht bei mir im LK“, meinte U. nicht minder verständnislos.

„Hö?“, sagte die Frau Hilde wenig intelligent. „Bei mir steht nix im Stundenplan.“

U. schaute nachsichtig.

„Das steht nicht mehr drin. Hast du bei der Gesamtkonferenz Anfang des Jahres nicht aufgepasst? Das steht jetzt nur noch im Intranet.“

„Hrmpf“, machte die Frau Hilde wenig begeistert. „Da muss ich wohl grad geschla … Ich meine, da hab ich wohl grad nicht so zugehört.“

U. grinste.

„Du hast mit RBRM eine Postkarte an O. geschrieben, ich hab’s genau gesehen!“

Die Frau Hilde guckte ertappt und wurde ein bisschen rot.

„Na, wie auch immer“, sagte U., „du hast von eins bis drei Aufsicht. Oben im dritten Stock. Ich teil am Anfang die Arbeiten aus, dann können die Fragen stellen und dann … na ja, dann sitzt du halt so rum.“

„Super“, knirschte die Frau Hilde. „Ich wollte eigentlich ins B-, also, ich meine, ich wollte doch noch die Stationenarbeit der Achter korridingsen. Mist.“

Um kurz vor eins sah man eine grummelige Frau Hilde durchs Schulhaus schlurfen.

Um kurz nach drei sah man dasselbe Bild, nur in die andere Richtung.

Die Woche, dachte sich die Frau Hilde, kann eigentlich nur besser werden, trotz der Gesamtkonferenz morgen.

Am Mittwoch war dann also wieder mal Konferenz. Zeit für RBRM, Sabi und die Frau Hilde, sich hinten ins Eck zu quetschen und sich mehr oder weniger intelligente Briefchen zu schreiben.

Zwischendrin ging es mal kurz ums mündliche Abi.

Die Oberstufenleitung ergriff das Wort.

„Dieses Jahr haben wir ein ganz komisches Ergebnis“, sagte sie. „Wir haben kaum Prüfungen in Geschichte/ Erdkunde und nur wenige in Mathe. Allerdings haben wir einen Spitzenreiter mit vierzehn Prüfungen.“

Mitleidiges Stöhnen der Kollegenschaft.

„Arme Socke“, flüsterte die Frau Hilde RBRM zu. „So viele Themen hat man doch gar nicht.“

RBRM nickte zustimmend.

Die Oberstufenleitung redete weiter: „Ja, und den Preis des Tages mit den vierzehn Prüfungen gewinnt – die Frau Hilde.“

Die Kinnlade der Besagten nahm schmerzhaften Kontakt zur Tischplatte auf.

„ICH?“, wisperte sie ungläubig. „Hat die H. gerade gesagt, dass ICH die vierzehn Prüfungen hab?“

RBRM versuchte vergeblich, das Feixen vom Gesicht zu wischen, und nickte.

„Ich bin erledigt“, murmelte die Frau Hilde. „So was von erledigt.“

Am Donnerstag ging die Frau Hilde darob recht unmotiviert auf Arbeit und musste bereits in der Tür den Spott des Kollegen K. über sich ergehen lassen (K. ist ein Zyniker vor dem Herrn; die Frau Hilde liebt ihn heiß und innig [das meint sie ernst] und liefert sich gerne Wortgefechte mit ihm). Und weil’s so schön war, ging es dort genau so weiter.

Die stellvertretende Schulleitung stand schon vor der ersten Stunde neben der Frau Hilde. So was verheißt meist nichts Gutes.

„Ich hätte da ein Attentat auf dich vor“, sagte sie.

Die Frau Hilde schluckte.

„Alles, nur bitte nicht NOCH zwei Prüfungen!“, flehte sie.

Die stv. Schulleitung schüttelte den Kopf.

„Das nicht. Aber der Z. [eine PES-Kraft, Anm. d.Fr.H.] hat doch zum 1. November einen Ref-Platz in Nordrhein-Westfalen bekommen. Und wir müssen seine Geschichtsklassen aufteilen.“

Die Frau Hilde schluckte erneut.

„Was hast du denn im Angebot?“, erkundigte sie sich.

„Eine achte Klasse und einen Grundkurs 11.“

Grundkurs?, dachte die Frau Hilde. Oh, bitte nicht NOCH einen Grundkurs! Und vor allem: Bitte nicht NOCH einen Grundkurs WÄHREND der Kursarbeitsphase!!

„Ich nehm die Achter“, sagte sie dann schnell. „Ich hab ja erst zwei der vier achten Klassen. Eine mehr oder weniger macht ja auch nix mehr …“

Am Donnerstag sah die Frau Hilde auf dem Heimweg recht zerrupft aus.

Sie hatte den Chaoten am Vormittag übrigens noch klar gemacht, was sie von den vierzehn Prüfungen hielt.

Grinsen seitens der Chaoten.

Am Freitag hatte die Frau Hilde eigentlich vorgehabt, so viel wie möglich für die kommende Woche vorzuarbeiten, um ein bisschen was vom Wochenende zu haben. Allein, das Fleisch war schwach und sie fiel um kurz nach neun ins Bett.

Endlich Wochenende, war einer ihrer letzten Gedanken, jetzt kann ja nichts mehr schief gehen!

Da sollte sie sich allerdings ein klitzegrößeres bisschen täuschen …

Aber davon demnächst mehr.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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25 Antworten zu Von Tagen wie diesen … I

  1. handvolldackel schreibt:

    Deine Chaoten lieben dich eben und wollen deswegen ihr mündliches Abi bei dir machen 🙂 Tröstet das ein bisschen?

  2. Anne schreibt:

    OhEmDschiii!!!
    Arme, arme Frau Hilde. Speziell bei den 14 Prüfungen wäre ich umgekippt. Trifft bei uns immer die Ges.wiss., Deutsch ist per se schriftl. Abifach für alle, mdl. Prüfung geht in Deutsch nur freiwillig, um noch Pünktchen fürs Überleben zu hamstern oder so.
    Wie laufen die denn bei Euch ab? Bei uns: 20 Min. Text mit Aufgaben in Einzelhaft bearbeiten, dann 10 Min. Ergebnisse vortragen und weitere 10 Min. zu anderen Themen befragt werden.
    Hoffentlich haben die Chaoten nicht alle „Och, ist ja bloß Deutsch, laber ichnbisschen, wird voll easy, ey!“ gedacht und Frau Hilde sitzt fremdschämend da…

    • frauhilde schreibt:

      Deutsch ist halt hier nicht zwingend schriftlich erforderlich.
      Das Mündliche läuft ähnlich wie in BaWü: 20 Minuten Vorbereitungszeit, dann zehn Minuten Prüfungsvortrag und zehn Minuten Inquisition. 😉
      Unter Umständen sitzt das arme Schäflein dann aber schon nach drei, vier Minuten hilflos vor einem und schaut flehend. Dann versucht man zuerst mit Operatoren schön die Anforderungsbereiche abzudecken; schlimmstenfalls (also meistens) steigt man nach drei, vier weiteren zähen Minuten auf die gute alte W-Fragerei um und zieht den Prüflingen jedes mickrige Würmchen einzeln aus der Nase.
      Oder man macht es wie Prüfling F. letztes Jahr in Geschichte; der brauchte genau keine Punkte mehr, hatte keinen Ehrgeiz und gammelte zwanzig Minuten auf seinem Stuhl herum und grinste blöde, und ich hab mich auf dem Prüferstuhl fast zu Tode geschwitzt, weil mir irgendwann schlicht die Fragen ausgegangen sind. Es kam bei jeder immer nur „Weiß ich nicht“.
      Ich hätte ihn gerne genommen und ihm links und rechts so eine gewatscht, dass er seinen Namen rückwärts auf Altgriechisch buchstabiert hätte … Grrrr.

      • Anne schreibt:

        Dachte ich mir, dass es freiwillig ist – und so Leute wie die Chaoten dann lieber zu Deutsch als Mathe greifen…
        Den F. hätte ich auch geschüttelt. Hättste nicht schlicht zurückschweigen können?
        Bei einem echten Nixwisser hatte ich mal Protokoll und erinnere mich gut an den verzweifelnden Tonfall der prüfenden Kollegin, nachdem lange in der Textstelle herumgestochert wurde: „Welchen Beruf hat denn Josef K.?“ „äh…“ „Dann wenigstens Franz Kafka – erinnern Sie sich an seinen Beruf?“ *Achselzucken*

        • frauhilde schreibt:

          Schweig mal als Prüfer im mündlichen Abi. Das wär glaub eher unschön geworden dann. *g*

          Au weia. DA spätestens wäre ich versucht gewesen, ihm ein Wörterbuch zu geben und ihn mal das Wort „Abitur“ nachschlagen zu lassen …

  3. Judith schreibt:

    Das klingt nun echt nach ner Woche, die man nicht braucht.
    *heißen Kakao reiche und über den Kopf streichel*

  4. Stefan K. schreibt:

    Arme Frau Hilde!!!

    Nebenbei: … warum kommt die stellvertretende Schulleitung erst am 7. November mit der Frage, wer die Stunden eines zum 1. November gegangenen Kollegen übernimmt?? Zumal der das ja auch nicht erst am 31.10. mitgeteilt haben dürfte…!

    Gibt es in RP keinen Vertretungslehreretat für solche Fälle? Denn Dein Stundensoll hast Du doch schon sicher längst erreicht!

    • frauhilde schreibt:

      Das bleibt das sahnige Geheimnis von … Schulleitung.
      Ich weiß nicht, wieso sie so spät kamen, genau so wenig wie ich weiß, weshalb keine weitere PES-Kraft eingestellt wurde. Möglicherweise gibt es da Begrenzungen (wir haben im Moment aufgrund diverser Schwangerschaften und Erkrankungen einen eklatanten Lehrermangel und die Vertretungskräfte sind schon über Gebühr beansprucht).

      Ich hab ja 22 Stunden und jetzt eben 24. Mich als Angestellte trifft es ja nicht, aber die verbeamteten Kollegen können über Deputat arbeiten und bekommen dann im nächsten Jahr eben entsprechend Stunden erlassen. Kollegin O. hat derzeit 27 Stunden, Kollege U. derer 29 (volles Deputat in RLP sind 24 Stunden); beide haben Dreizehner, die zum Halbjahr weg sind, da fallen dann so viele Stunden weg, dass sie im Jahresschnitt wieder auf 24 kommen.

  5. Corinna schreibt:

    Für noch mehr Mitleid kannst Du Dir zwar auch nichts kaufen, also versuche ich’s mal so: Ich bin sicher, Du schaffst das alles. Das sind die perfekten Situationen um über sich hinauszuwachsen. 🙂

  6. christa schreibt:

    Arme Frau Hilde! Die gehen ja so grausam mit dir um! Denk daran: Was dich nicht zerstört, das macht dich stärker! (Danke für die schöne Schilderung! Mir hat sie ein wenig die Woche erhellt, die ähnlich abgelaufen ist.)

    Ein erholsames, stilles Wochenende!

    • frauhilde schreibt:

      Oh je, arme Christa!
      Dann schick ich dir jetzt ein wenig Kerzenschein (Sonnenschein ist gerade leider ausgegangen) und hoffe, dass bei dir auch wieder schönere Wochen kommen!

  7. Jürgen schreibt:

    A propos Intranet: Ich kenne Schulen, da wird kaum noch miteinander geredet, da kommuniziert man/frau über das Schulportal. Und das Direktorat ist zugesperrt.

    • frauhilde schreibt:

      Das finde ich sehr, sehr gruselig!
      Wie ist das bei euch?

      Unser Schulleiter ist zwar auch grundsätzlich dann nie zu sprechen, wenn man ihn braucht, aber immerhin taucht er regelmäßig im Lehrerzimmer auf und schaut nach dem Rechten. 😉

  8. michael schreibt:

    > Sie hatte den Chaoten am Vormittag übrigens noch klar gemacht, was sie von den vierzehn Prüfungen hielt.

    Sie hätten den Chaoten klar machen sollen, was für Ansprüche Sie an eine mündlichen Prüfung stellen. Vielleicht wäre den Chaoten dann das Grinsen vergangen.

    • frauhilde schreibt:

      I did.
      Nicht dass es die weiters interessiert hätte.
      Haha, aber jetzt werde ich ihnen die romantische Lyrik so was von um die Ohren hauen. Mal sehen, ob sie nach Wochen voll Eichendorff und Brentano immer noch Prüfung machen wollen. *böses, böses, böses, böses Hildelachen*

  9. Stefan K. schreibt:

    Ui, drei Tage später und weder der Post über das letzte Wochenende noch Kommentare von Frau Hilde zu unseren Kommentaren… das riecht nach sehr viel Stress und/ oder Erschöpfung… 😦

    Alles Gute, liebe Frau Hilde!!

    … darf ich Dir ein Stück Schokokuchen und eine Tasse Tee anbieten? 🙂

  10. giftigeblonde schreibt:

    Irgendwie versteh ich dass unsere Lehrer ev. streiken möchten, wenns da auch so zugeht wie bei euch 😉
    Kann ich dich mit den baldigen Weihnachtsferien trösten?

    • frauhilde schreibt:

      Hihi, danke.
      Im Moment noch nicht, weil bis zu den Weihnachtsferien muss ich erstens alles korridingst haben und zweitens noch drei Tests und eine Klassenarbeit geschrieben und korridingst haben. Insofern verdränge ich das noch ein bissl … 😉

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