Vom Knack

Jedes Schuljahr, zumindest so gut wie jedes, fängt damit an, dass man (= lehrer) mindestens eine neue Klasse bekommt.

Da sitzen nun also fünfundzwanzig bis dreiunddreißig Kindlein, starren einen mit großen, manchmal erwartungsvollen, manchmal Böses befürchtenden Augen an, und man selbst steht vor ihnen und denkt sich, Uh, na, das kann ja was werden (manchmal denkt man auch einfach, Ich bin ein Lehrer, lasst mich hier raus!). Stunden vergehen, Tage, oft Wochen, und man müht sich ab, die ganzen Namen zu lernen; das ist mitunter ein größeres Problem. So ein Lehrergehirn verkraftet nunmal nur einen bestimmten Prozentsatz Leonslukasseleonieslenas pro Klasse, Bank und Platz.

Für den Lehrer ist so eine neue Klasse zunächst mal ein diffuses anonymes Massengewusel. Irgendwann weiß man dann, das da hinten, das nette Blonde, das ist Lisa, die Zicke in der zweiten Reihe ist Lara, das Rotzgör etwas unhöflichere Kind, das dauernd zu spät kommt, ist Lena, und das Kindlein, das auch nach vier Wochen noch kein Heft vorzuweisen hat, von den Hausaufgaben mal ganz zu schweigen, das ist Lene.

Übrigens, liebe Schüler, ist es hin und wieder keineswegs ein gutes Zeichen, wenn der Lehrer euren Namen bereits nach der ersten Stunde kennt …

Irgendwann, da macht es dann „Knack“. Oder so. Und dann ist aus der anonymen Masse plötzlich eine Gruppe von Individuen geworden; dann „hat“ man sie, völlig egal, ob im positiven oder negativen Sinn.

Ab dem Moment beginnt eine – hoffentlich fruchtbare – Beziehung, eine Dynamik, eine Interaktion zwischen Lehrkraft und Schülern, die idealerweise bis Ende des Schuljahres anhält.

Manchmal dauert es etwas länger, manchmal geht es ganz schnell, bis der „Knack“-Moment eintritt.

Und manchmal, also manchmal, da passiert er einfach nicht.

Die Frau Hilde hat ja inzwischen drei achte Klassen; eine bekam sie erst jüngst zugeteilt. Das war eine Sofort-„Knack“-Klasse. Nach zwei Stunden saßen die achtundzwanzig Namen, und es funktioniert.

Die zweite Geschichts-Achte, das ist ein „Manchmal eben nicht“-Fall.

Die Frau Hilde unterhielt sich jüngst etwas ratlos mit der Klassenlehrerin, weil nämlich, das ist ihr eigentlich noch nie passiert. Zu ihrer Beruhigung teilte ihr die Klassenlehrerin mit, dass das allen Lehrern, die in dieser Klasse unterrichteten, so ginge.

Die Frau Hilde weiß nicht, wieso das so ist. Bis heute kann sie nicht alle Namen, und mit Namen hat die Frau Hilde selten Probleme gehabt bisher. Aber hier geht es so gar nicht. Vor ihr sitzt eine indifferente Masse, die zwar selten stört, aber irgendwie überhaupt nicht „greifbar“ ist. Auch die nicht, deren Namen sich die Frau Hilde inzwischen merken kann (bis auf sechs inzwischen immerhin alle). Selbst die lustige Raumsuche im Schulhaus neulich war keine Initialzündung. Es will einfach irgendwie nicht werden (die Frau Hilde merkt gerade, dass sie das Wort „irgendwie“ irgendwie überdurchschnittlich oft verwendet in diesem Blogbeitrag; irgendwie weiß sie aber nicht, warum).

Dabei ist es nicht so, dass die Frau Hilde die Klasse nicht leiden kann oder so. Sie hinterfragt auch in jeder Stunde ihr Verhalten und überlegt, warum da nichts „passiert“, allein, sie hat keine Erklärung parat.

Und so dümpeln diese Geschichts-Achter seltsam nicht-greifbar vor sich hin.

Ein komisches Gefühl.

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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29 Antworten zu Vom Knack

  1. Was ist mit Justin und dem Zauberer, Merlin oder so, waren die heute da?

  2. daslandei schreibt:

    Ui, das stell ich mir auch kompliziert vor. Ich hab mir ja im Zweifelsfall immer die Hundenamen gemerkt, aber es kann sich ja jetzt nicht jeder Deiner Schüler einen Hund zulegen und den auch noch mitbringen (tadaaaaaa, ausserdem hätten 2/3 dann braune Labradore, die zur einen Hälfte Emma und zur anderen Hälfte Paula hießen ;))

    • frauhilde schreibt:

      Eben; ich weiß nicht, wie viele Emmas es dann gäbe (wobei, Emma als Schülerin hab ich bisher nur eine gehabt; Paulas gibt es allerdings mehr, und Pauls erst …).
      Und ich weiß auch nicht, wie die Schüler reagieren würden, spräche ich sie mit „Waldi“, „Hasso“ und „Wastl“ an … 😀

  3. giftigeblonde schreibt:

    Ich glaube wenn die Chemie nicht passt, und da ist es egal um welche Art Gemeinschaft es sich handelt, dann kannste überlegen was du willst, du wirst keinen „Grund“ finden.
    Ist die Klasse in sich eine Einheit oder ist selbst das nicht gegeben?

  4. twilight schreibt:

    Irgendwie wäre alleine das Namenauswendiglernenmüssen irgendwie ein Grund für mich gewesen, irgendwie niemals Lehrerin zu werdend, Mal abgesehen davon, dass das mit den Lehrerinwerden bei mir irgendwie nicht funktioniert hätte.
    Auswendiglernen ist etwas, was bei mir nie gegangen ist und die eine oder andere Note zur Folge hatte, über die ich jetzt nicht berichten möchte. Und mit Namen stehe ich heute noch auf Kriegsfuß, nicht nur irgendwie.

    • frauhilde schreibt:

      Ich hätte es mir schon interessant vorgestellt, wenn du Lehrerin geworden wärst. Rainerin, sozusagen. Irgendwie. 😉

      Im Auswendiglernen bin ich auch nicht so gut; bei Schülernamen geht’s allerdings meist (noch). Außer, wenn man, wie berichtet, trölfzig Leons, Pauls, Lenes und Lauras vor sich sitzen hat. Da muss man die Nachnamen mitlernen, und das dauert …

  5. Manu/FrauWeibsvolk schreibt:

    Irgendwie seltsam, dass es so ist. Aber natürlich auch irgendwie interessant. Vielleicht kommst Du ja noch dahinter, woran es liegt.

    LG

  6. Jürgen schreibt:

    Ich würde mir keinen Kopf machen, Frau Hilde. Das gibt es doch alle paar Jahre wieder. Was nicht werden soll, soll halt nicht werden. Nicht alles ergründen wollen…

    • frauhilde schreibt:

      Ich nehm’s inzwischen hin, allerdings hatte ich schon die Motivation, dahinter zu kommen, wieso das nun gerade bei dieser Klasse so ist, vor allem, weil ich ja den Vergleich mit den beiden Parallelklassen habe.

  7. Corinna schreibt:

    Da hilft wahrscheinlich nur: Namensschildchen basten und das ganze Schuljahr auf dem Tisch lassen. Es macht bestimmt noch irgendwann Knack.

    • frauhilde schreibt:

      Ich weiß nicht; ich glaub, selbst das würde nichts bringen. Ich hab ja die Klassenfotos. Aber immer, wenn ich drauf schaue, merke ich, dass ich drei, vier Namen einfach nicht mit Gesichtern in Verbindung bringe.

  8. hoetuspoetus schreibt:

    Irgendwie 😛 finde ich das ja voll OK!
    Es gibt halt Dinge, die will man sich nicht merken …. damit das Unterbewußtsein nicht auch noch verrückt spielt, oder?
    Stell dir aber vor…. wir waren in den ersten vier Schuljahren damals (lang lang lang ist’s her)
    3 Katjas: Katja G. Katja H. und ich, Katja K.
    und dann noch noch
    3 Stefanies: Stafanie D., Stefanie. B. und Stefanie S. …..
    WAS sagst Frau Hilde jetzt……….? FRÜHER war alles einfacher gell???!!! 😛

    Zauberhafte Grüße!
    Katja (jetzt D.) 😛

  9. Rina schreibt:

    Liebe Hilde,
    ganz schweres Thema. 😉 Ich bin in dem Punkt ganz schwach eingepeilt und überwinde dies nur mit HIlfe von Sitzplänen. Auf denen mach ich mir zu jedem Schäflein auch gleich noch Notizen. Was ja dann auch noch schön praktisch ist. 😉
    Aber solche indifferenten Klassen sind mir auch bekannt. Hab gerade so eine Neunte. Ganz ruhig, um nicht zu sagen maulfaul. Unangestrengt und trotzdem/deshalb langweilig. Da muss ich mich sogar zu einem Späßchen überwinden. Damit man wenigstens das Gefühl hat, was getan zu haben. 😉
    Vielleicht kommt er noch, der Knack?
    Wünscht dir Rina 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Das ist wirklich eine gute Idee, mit den Notizen. Wir haben leider Wanderklassen, das heißt, ich müsste bei den Hauptfächern vier verschiedene Sitzpläne haben, weil die in jeder Deutschstunde in einem anderen Raum sind und anders sitzen. Ich glaube, das würde meine Hirnkapazitäten sprengen …

      Was machst du da, wenn du so eine Klasse hast? Späßchen mach ich ja auch, aber dann wird gelacht (oder auch nicht) – und in der nächsten Stunde ist die Stimmung wieder so nicht-greifbar.

      • Rina schreibt:

        Da ich nur im Fachraum zu finden bin, klappt die Notizübersicht ganz gut.
        Und zum Späßchen: Eigentlich fängt es damit an, dass ich mir 2 – 3 Schüler aussuche. Diese bekommen für ihren Blickkontakt schon beim Einlaufen in die Arena 😉 nach Möglichkeit ein dickes Lächeln von mir aufgedrückt. Das kann auch mal in ein Grinsen ausarten. 😀 Und während der Stunde werd ich dann öfters von diesen – meist – Damen (die Herren sind sehr scheu in der Klasse) mit einem „Rücklächeln“ beglückt. Und lässt
        Mittlerweile hab ich das Gefühl, mein Gesicht mit den Mundwinkeln nach oben wird schon erwartet. 😉
        Mir reicht das schon oft zur Motivation für weitere Späßchen. Man wird ja bescheiden! 😀

        PS: Und ja, auch ich muss mich zum Initiallächeln manchmal zwingen. 😉

        • frauhilde schreibt:

          Das mit dem Lächeln hab ich auch schon versucht. Manchmal klappt es, manchmal nicht (bei dieser achten Klasse bisher eigentlich eher nicht …).
          Manchmal ist es einfach schwer; man kommt rein und Chaos bricht aus und man bekommt schon vorm Begrüßen schlechte Laune. Geht mir zwar eher selten so, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir das nie passiert und nie schon im Voraus ein gutes Miteinander erschwert … *seufz*

  10. gedankenknick schreibt:

    Also ich weiß ja, dass der Unterricht, den ich genossen habe, was ganz schlechtes & schlimmes & furchtbares gewesen sein muss gemäß moderner Lern- & Lehrtheorien. (Frontalunterricht, Gedichte auswendig lernen, ne 1 bei 97% richtiger Aufgabeberfüllung, gleiche Schulbücher für das ganze Land, ein strukturierter Lehrplan, gleiche Fragen im ganzen Land beim schriftlichen Schulabschluss – und all sowas. Macht jetzt auch nur noch Finnland so…) Dazu gehörten auch feste Sitzplätze in der Klasse. Und ein handgezeichnetes Diagramm auf der Rückseite des Klassenbuchs. (Nadeldrucker und PageFoxPro für den C=64 waren damals noch was böses für Großbetriebe beim Klassenfeind). Das Klassenbuch wurde vom „Klassenbuchbeauftragten“ von Raum zu Raum geschleppt. Und der Lehrer konnte – wenn er dann wollte – auf das Diagramm spicken ÄHHH schauen, und schon war jeder Name klar…

    Blöde Idee, ich weiß. 😉

    • frauhilde schreibt:

      Ungefähr 50% des Kommentars sehen mich heftig nicken (aua. Sollte man in meinem Alter nicht übertreiben, das Senioren-Headbangen …).
      Zur anderen Hälfte: Wir haben Wanderklassen. Und leider sieht jeder Klassenraum von der Sitzordnung und der Stellung der Tische anders aus. Grundsätzlich stimme ich dir zu. Aber in der Praxis ist das Ganze heutzutage bei chronischer Raumnot in fast jeder Schule kaum durchführbar:
      Eine der Geschichtsstunden der komischen Achter habe ich zum Beispiel dank dieser Raumnot im Physikfachraum. Da gruppieren sich Tische um Waschbecken, insgesamt sechs Fünfertischgruppen, zwischendrin so … wie nennt man das? Vom Boden hochstehende Steckdosendinger.
      Die andere Stunde findet très chic in einem der Kunstsäle statt. Immer drei Tische nebeneinander. Schrägstellbar. Ein schmaler, langer Raum, bei dem ich fast eine Brille brauche, um die letzte Reihe sehen zu können.
      Kurz: Eine einheitliche Sitzordnung ist da nicht durchsetzbar.

  11. fraubutterbrot schreibt:

    Passt zwar nicht so ganz, aber: Ich habe neulich in einer Fortbildung „gelernt“, dass man Sitzpläne eigentlich fast nicht mehr schreiben DARF. Oder sie zumindest dann vor der Putzfrau un den anderen Lehrern verstecken muss. Datenschutz und so. Absolut verrückt.
    Und: Ich habe dieses Jahr auch so eine Klasse, die mir aus unerfindlichen Gründen etwas suspekt ist und ich nur etwa 5/28 Namen kenne. Heute habe ich die Klasse mal in mein Klassenzimmer verfrachtet (bisher bin ich in deren Zimmer gewandert). Und schau her: Ganz andere Atmosphäre, auf einmal wurde alles irgendwie „harmonisch“ und die Kinder waren heute auch viel motivierter! Liegt das daran, dass ich mich in deren (für eine Grundschule eher lieblos bis gar nicht dekoriertem) Zimmer nicht wohl fühlte? Oder andersrum? Jedenfalls mag ich sie seit heute 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Schon krass, wie die Lernumgebung die Unterrichtsatmosphäre beeinflusst.
      Wir sind halt in zwei Fachsälen (Physik und Kunst); da macht Geschichte einfach keinen Spaß.

      Wie, man darf keine Sitzpläne? Also, ich mein, wieso muss man die vor den anderen Kollegen verstecken? Denen nutzt das doch vielleicht auch was. Ich bin verwirrt!

      Aber schön, wieder mal von dir zu lesen! 🙂

      • fraubutterbrot schreibt:

        Ja weil: Wenn der Sitzplan öffentlich auf dem Pult liegt, könnte theoretisch nachmittags die Reinigungsfrau oder der Handwerker oder oder die Namen lesen und das verstößt gegen den Datenschutz.
        So wurde mir das erklärt.
        Ganz schlimm sind auch diese Streber-Sitzpläne mit Fotos. Da stehst du mit einem halben Fuß dann schon in der Entamtung (?) 😉

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