Vom Hellsehen und Jammern

Donnerstag.

Die Frau Hilde erreicht den Kursraum der Chaoten. Selbige stehen bereits davor und alle reden wild durcheinander.

Die Frau Hilde seufzt und schließt die Tür auf; man entert den Raum.

Drinnen geht es grad so weiter. Man sollte meinen, die Chaoten hätten sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.

H. rennt mit einem Atlas nebst diversen Blättern durch den Raum und textet einen Kollegen zu, während die Frau Hilde mäßig begeistert vorne steht und eigentlich anfangen will. Schließlich wird es ihr zu bunt und Atlas nebst Blättern werden einkassiert („Net knicken, Frau Hilde, des brauch ich noch!“).

B. fehlt, E. ebenso. Den wiederum hat die Frau Hilde aber morgens auf dem Flur getroffen und er hat fest versprochen, pünktlich zu sein. Hat ja fast geklappt.

Die Frau Hilde denkt so bei sich, dass es wahrscheinlich so laufen wird, dass F. gleich fürchterbar über das gemeine, gemeine Abi jammert, S. sich über irgendwas beschwert – und E. Kaugummi kaut. Aber der ist ja nicht da.

Sie holt Luft, um die Chaoten zu begrüßen.

„Schreiben wir noch ne HÜ??“ (S., kreischt zwischenrein)

„Oh, ne, bitte nicht!“ (H., endlich auf seinem Platz)

„Ey, der L. ist total krank!“ (K., lügend)

„Ja, ja, der hat die Skifahreritis.“ (H., mischt sich mal wieder in Dinge, die ihn nichts angehen)

Die Frau Hilde wirft einen Blick auf ihre Chaoten, den sie selbst für tödlich hält.

Es wird ruhig.

„Guten Morgen“, sagt die Frau Hilde.

„Guten Morgen“, sagen die Chaoten.

„Frau Hiiiiildeeeee!!“ (F.)

Die Frau Hilde seufzt.

„Ja, F.?“

„Das Abi, das war SO schlimm!!“

F. beginnt einen zehnminütigen Monolog darüber, wie schrecklich und gemein und schrecklich gemein die schriftlichen Prüfungen waren und es war viel zu laut und in Erdkunde, also der Herr N. (RBRM), was der für Aufgaben drangebracht hat, und überhaupt, also das war wirklich, wirklich das schlimmste Abi, das jemals geschrieben wurde!

Die anderen Chaoten müssen jetzt auch alle auf einmal erzählen, wie schlimm das Abi war, wobei, nein, so schlimm nicht, eigentlich zu leicht, aber gerade DAS war ja das Schlimme, weil wenn das so leicht ist, dann vergisst man ja immer alles und, also Bio, also DAS war ja vielleicht was, aber Englisch ging, es war halt zu leicht, und da haben sie halt alles vergessen, und Sport war vielleicht lustig, da hat sich doch der eine da umgedreht, mitten in der Prüfung, weil er hatte keine Patrone mehr, und es war voll leicht so, aber Chemie, das war vielleicht was!

Die Frau Hilde macht es sich auf der Heizung gemütlich (kalt!) und lauscht und überlegt so vor sich hin, dass 50% ihrer Erwartungen bis jetzt schon eingetroffen sind.

Plötzlich bekommt W. einen grüblerischen Ausdruck.

„B. könnt langsam mal kommen“, sagt er, und in dem Moment klopft es.

Alle starren erst die Tür und dann W. an.

M. öffnet.

B. betritt den Raum und wundert sich, dass alle in Gekreische und Gejohle ausbrechen.

Hinter ihm kommt E.

Die Frau Hilde nickt ihm zu und deutet stumm auf den Papierkorb.

„Ich hab gar keinen drin!“, kräht E. und sperrt den Schnabel auf.

Dinge, die die Frau Hilde nie sehen wollte, kommen zum Vorschein.

„Lesen wir eigentlich noch was?“, erkundigt sich M.

Die Frau Hilde bejaht das und teilt den Chaoten mit, was die letzte Schullektüre ihres Lebens sein wird.

„Ich will aber nicht!“, jammert S. „Ich hab überhaupt keinen Bock mehr, was zu lesen.“

„Niemand zwingt dich“, sagt die Frau Hilde kühl. „Da ist die Tür.“

Ja, nein, S. windet sich, das ja nun auch nicht. Aber er habe doch keine Lust mehr und jetzt müsse man auch noch was lesen und er wolle die letzten paar Wochen doch gemütlich und …

„Immerhin fünfundsiebzig Prozent dessen, was ich hier erwartet habe, ist eingetreten“, stellt die Frau Hilde fest.

Die Chaoten wollen wissen, was die Frau Hilde denn erwartet habe, und dann wird’s kurz wieder laut, weil W. die Wasserflasche umschmeißt, und zwar Richtung F., was bedeutet, dass die ganze Schule jetzt weiß, was F. von W. hält.

Mit reichlich Verspätung beginnt der Unterricht.

K. soll was vorlesen, aber K. geht’s nicht gut (war spät gestern). Er kämpft sich mühsam durch ein paar Zeilen und bricht dann ab und schaut wie das allergequälteste Bambi. Und da muss die Frau Hilde natürlich jemand anderen drannehmen. Okay, vielleicht auch deshalb, weil K.s Leseversuche schwer erträglich waren.

Man diskutiert eine Weile über den Auszug („Die Elixiere des Teufels“) und arbeitet dann eine weitere Weile und dann ist Schluss und die Frau Hilde wankt gen Lehrerzimmer, mit klingelnden Ohren.

Morgen hat sie ihre Chaoten wieder. Und sie hofft schwer, dass sich die Nach-Abi-Aufregung dann endlich gelegt hat.

Natürlich wird keiner die Lektüre gekauft haben, einer hat sie vielleicht bestellt, na gut, vielleicht auch zwei (H. und M.). Es bleibt spannend …

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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16 Antworten zu Vom Hellsehen und Jammern

  1. Jürgen schreibt:

    Hab ich da was verpasst mit dem Wasserflaschenorakel???

  2. Corinna schreibt:

    Ich kann irgendwie nachvollziehen, dass nach dem Abi die Motivation gegen null sinkt. Da wirst Du noch einmal alle Verführungskünste als Lehrerin aufbringen müssen, um die Chaoten bei der Stange zu halten. 🙂

  3. daslandei schreibt:

    Das ist mit ein Grund, warum ich nach wie vor Fan vom „alten System“ bin. Wir hatten Unterricht bis zu den Osterferien und danach dann Abiklausuren. Sprich, danach waren wir „frei“ und ich erinnere mich an einen verdammt coolen Sommer 😉

    • frauhilde schreibt:

      Das find ich grundsätzlich auch besser.
      Vor allem ersparten sich eure Lehrer die Dauerfragen à la „Müssen wir jetzt echt noch was machen?“, „WARUM müssen wir das noch machen??“ usw. usw.
      Arghs. Ich könnt se auf den Mond schießen!!

  4. KC schreibt:

    Habt ihr kein Zentralabi Oo

  5. handvolldackel schreibt:

    Aber wieso müssen die jetzt denn noch was lernen, wenn doch das Abi schon geschrieben ist und all das? Kommt mündlich noch?

  6. diewiderspenstige schreibt:

    Sei froh, dass die Chaoten (fast) alle kommen – bei uns schreiben die Lehrer immer schon Rundmails mit „Wer plant denn, morgen zu BK zu kommen? Weil wenn eh keiner erscheint, kann ich auch länger schlafen…“

    Und was die Lektüre angeht; einfach als Lehrer für den kompletten Kurs bestellen – sonst wird das nie was 😀

    Ach Hildi, aber schon an der Art wie du schreibst, merkt man, dass du die doch ganz sicher bestimmt irgendwo ein kleines bisschen vermisst hast 😉

    • frauhilde schreibt:

      Da vierzehn von neunzehn bei mir ins mündliche Abi gehen, bleibt ihnen quasi gar nix anderes übrig. 😉

      Ja, pf. Soweit kommt’s noch. Bis ich das Geld dann eingesammelt hab, ist Sankt Nimmerleinstag! 😀 Aber sie hatten heute fast alle die Lektüre dabei. Nur gelesen hatte sie natürlich noch keiner. Und S. hat ohne Punkt und Komma gejammert. Ich mein, hei, das sind 80 Seiten Reclamheftchen, also quasi die Bibel im Quadrat, so von der Lesemenge her …

      Na ja … Nach Stunden wie der heute bin ich wieder ganz froh, dass ich sie diese Woche nur noch am Donnerstag sehen muss. Ist einfach besser für mein seelisches Gleichgewicht.

      • diewiderspenstige schreibt:

        oh geh mir weg mit diesen gelben Dingern, das sind die schlimmsten – mögen die noch so quadratisch praktisch und hübsch gelb aussehen, nenenene…. 😀

        • frauhilde schreibt:

          Geh, die tun doch nix.
          Ich finde, lieber so ein süßes kleines gelbes Dingelchen – als den Zauberberg oder so lesen zu müssen!
          Übrigens ist der Inhalt diesmal wirklich leicht zu verstehen und recht schnell zu lesen gewesen. *find* 😉

  7. daslandei schreibt:

    Reclamhefte – ach ja. Wir haben damals übrigens als Deutsch-Grundkurs „Faust“ mit Begeisterung und auf eigenen Wunsch gelesen… Fiel mir jetzt so bei Bibel im Quadrat ein 😉 Ich glaub wir waren ein netter Kurs *lol*

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