Von Unerwartetem

Donnerstag. Chaoten-Doppelstunde.

Die Frau Hilde hat für den „Ich hab’s noch nicht gelesen“-Fall einen Plan B mitgebracht; wenn die Kindlein also ihre Lektüre immer noch nicht gelesen haben, gibt es noch ein bisschen böse Theorie. Strafe muss halt sein.

Vor der Tür großes Gedrängel und Gehüpfe.

„Schreiben wir ne HÜ?“, will L. wissen.

Die Frau Hilde schließt erstmal die Tür auf.

J. trappelt um sie herum.

„Schreiben wir? Ja? Ja?“, nervt er.

Man betritt den Raum; die Frau Hilde packt aus, und H. nutzt die Gunst der Stunde und begibt sich in aller Seelenruhe zu Herrn A. und die beiden beginnen einen kleinen Kaffeetratsch.

Die Frau Hilde steht vorne, bereit, anzufangen, aber H. kümmert das herzlich wenig. Und so kommt, was kommen muss, nämlich das erste Hild’sche Donnerwetter seit fast drei Jahren. Und es tut SO gut! Die Frau Hilde ist selbst ein wenig erstaunt darüber, zu was ihre Stimme fähig ist, und H. schleicht nach dem Anbrüller sehr kleinlaut an seinen Platz.

S. fehlt.

„Der hat gedacht, wir schreiben HÜ“, petzt J.

Die Frau Hilde grinst.

„Pech für ihn“, meint sie, „ich schreib sicher keine HÜ heute.“

Freudengeschrei auf der einen Seite (B., Herr A., F.), lautes Protestgequake auf der anderen (vor allem L., aber auch J. und M., nämlich Menno, jetzt haben sie das EXTRA gelesen und da könnte man doch eine HÜ und wegen weil, also da könnten sie doch ihre Note noch verbessern und das ist jetzt aber schon ganz schön gemein und vielleicht könnte man ja doch eventuell möglicherweise …).

L. überlegt.

„Könnten wir nicht S. eine Nachricht schreiben, dass wir geschrieben haben, und dann kommt er beim nächsten Mal, und dann schreiben wir DANN?“, will er wissen.

Die Frau Hilde schüttelt den Kopf.

„Nein, das können wir nicht. Ich hab keine Lust auf Diskussionen.“

L. hat aber noch eine Idee.

„Wir könnten aber doch schreiben, dass wir geschrieben haben, und dann kommt er am Donnerstag, und dann muss nur ER schreiben?“

Die Frau Hilde winkt ab und fragt mal vorsichtig, wer außer M., L. und J. es noch gelesen hat.

ALLE.

ALLE haben es gelesen. (Kurzzeitige Fassungslosigkeit der Lehrkraft.)

Und sie fangen auch sofort an mit Diskutieren. Und wie! Konstruktive Diskussionen, inhaltlich überzeugend – die Frau Hilde ist ziemlich sprachlos.

Und als im zweiten Teil der Doppelstunde mithilfe von Tafelkärtchen vorne ein Schaubild zur Figurenkonstellation erstellt werden soll, da kriegt die Frau Hilde ihre Schnute gar nicht mehr zu.

Vorne steht erst F., dann Herr A., und beide moderieren die Vorschläge und Überlegungen der Kurskollegen geschickt. Und auf was für primafeine Ideen die Kindlein kommen! Die Frau Hilde hüpft völlig begeistert auf ihrem Stühlchen hinten rum.

Und es ist SO erholsam, wenn mal KEINER über den Stoff und sonstwas noch alles mosert und andauernd den Unterricht mit seinem Gemecker stört.

S. wurde zu keiner Sekunde vermisst.

Aber, das hat die Frau Hilde hinterher rausgefunden, der Junge fehlte an diesem Tag unentschuldigt. So was. (Nicht dass es für die Frau Hilde einen Unterschied machen würde, aber es verleiht doch das Gefühl ansatzweiser tiefer Befriedigung, gerade S. die Unterschrift auf dem Entschuldigungsbogen zu verweigern, und ja, auch Lehrer haben manchmal ein Teufelchen auf ihrer Schulter sitzen!)

Am Ende der Doppelstunde wankte die Frau Hilde jedenfalls sehr erfreut und perplex aus dem Kursraum.

Und das war das Ergebnis besagter Diskussionen (und nein, zwischen Conti und Rota besteht KEINE heimliche Beziehung … Kleiner Chaotenscherz):

TA1

Und das hier ist das, was dabei rumkommt, wenn man am Ende der Stunde noch eben B. an die Tafel lässt …

TA2

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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28 Antworten zu Von Unerwartetem

  1. Corinna schreibt:

    Hey, super! Da hast Du mal gesehen, dass sich die Mühen der letzten Jahre doch gelohnt haben. 🙂

  2. Herzlichen Glückwunsch! Das sind die Highlights des Lehrerlebens…

  3. herr_mess schreibt:

    Super. Aber bei B.s Version ist gar kein Penis an die Tafel gemalt. Das ist das Mindeste, was ich erwartet hätte 😉

  4. handvolldackel schreibt:

    Und ich hätte glatt gewettet, dass ich mit dem Hefezopf richtig gelegen hatte. Wunder geschehen also doch immer wieder, wenn man ab und zu mit einem Donnerwetter nachhilft 😉

  5. Käthchen schreibt:

    Na, was so ein Donnerwetter alles bewirken kannn… Oder geht den Damen und Herren langsam auf, dass man ja mündliches Abi plant und für ein wenig, wie soll ich sagen, Gewogenheit sorgen sollte?

    • frauhilde schreibt:

      Meinst du jetzt deins, wegen weil ich am Samstag nichts gebloggt hatte, oder meins, wegen weil die Chaoten nervten? 😉

      • Käthchen schreibt:

        oh weh, als donnerwetter wollte ich das gar nicht verstanden wissen, sondern nur meiner ungeduld ausdruck verleihen *zerknirscht schau*, deins meine ich natürlich. ein schönes wochenende!

        • frauhilde schreibt:

          Na ja, du hattest ja recht. Ich hab’s vollmundig versprochen – und dann kam kein Beitrag.

          Und dankeschön, das wünsche ich dir mitsamt Quirlie-Meute auch! 😉

  6. apglonn schreibt:

    Oha, ich musste glatt googeln, was ihr gelesen habt. Von Lessing gab’s bei uns nur den weisen Nate, aber den bis(s) zum Abwinken. Sogar ins Theater mussten wir und uns den ansehen, obwohl das ganz cool gemacht war, so auf modern. Der … was für eine Art war das? Der Kirchenmann? Ein Bischof? Jedenfalls kam der ultracool mit einer Sonnenbrille und auch die restlichen Typen waren sehr locker. 😀 Aber sag mal, Lieblingsfrauhilde, was ist denn eine HÜ? So was gab’s wahrscheinlich in unserem Arbeiter- und Bauernstaat nicht. Oder hieß anders. Jedenfalls würde ich an deiner Stelle die Erinnerung an diese Stunde in einem Denkarium ablegen, denn so was wird wohl so schnell nicht wieder passieren. 😉

    • Tina schreibt:

      Dabei ist Emilien doch viel… spannender/interessanter als der Nathan 😉 Zumindest meinem subjektivem Empfinden nach. Aber die Inszenierung klingt interessant 😀

      Ich hoffe, es stört dFH nicht, dass ich die Frage beantworte, aber da ich das grade gelesen habe: HÜ steht für Hausaufgaben-Überprüfung und ist letztlich nichts anderes als ein ganz gewöhnlicher Test (in Rheinland-Pfalz eben). 😉 Was mein Fachdidaktik-Dozent (aus BaWü) zu dieser Abkürzung nun sagen würde: „Aaach, des sind halt die Pälzer, mit ohne ‚Pf‘, die machen halt immer so ihr eigenes Ding.“ 🙂

      Liebe Grüße!

      • apglonn schreibt:

        Ah, wieder was gelernt. Danke! Bei uns hieß das Kurzarbeit, da kam der Lehrer rein und murmelte: Hefte raus, Stifte raus, Klappe halten. Das könnten dann sogar die Pälzer, weil eben und so auch mit ohne Pf. 😉

        • frauhilde schreibt:

          @Atty: Wenn Pfälzer etwas nicht können, dann die Klappe halten! 😉
          Ich mag’s eigentlich nicht im Denkarium ablegen, weil dann ist ja die Erinnerung noch da, aber die Emotionen weg. Oder weniger. Das wär doch schade drum, oder?
          Der Nate ist auch schick. Aber der wär mir jetzt für die letzten paar Stunden zu lang und zu komplex gewesen.

          @Tina: Mir ist die Emilia auch lieber; aber ich habe ohnehin eine leicht masochistisch angehauchte Sympathie für Lessings bürgerl. Trauerspiele (wegen weil da hab ich seinerzeit mal Examen drüber gemacht). 😉

          • Tina schreibt:

            Leicht masochistisch angehaucht? Ist doch ein schönes Thema. 😉 Oder löst das Examen so schreckliche Erinnerungen aus? 😀

            • frauhilde schreibt:

              Im Gegenteil. Aber zwischen dem, was ich gut finde, und dem, was die Schüler mögen, liegen grob geschätzt zwei bis neun Kontinente …

              • Tina schreibt:

                Ja, das ist wohl immer so… Jedenfalls oft. Außer vielleicht bei 1-3 Leuten im Kurs, wenn man Glück hat… 😉 Bestenfalls nicht das persönliche Lieblingswerk in der Schule lesen. Hat eine ehemalige Deutschlehrerin von mir mal in der 10. Klasse gemacht. Dass die Idee nicht so toll war, war ihr spätestens danach dann auch klar.

  7. Patty schreibt:

    Und du bist sicher, dass du nicht unwissentlich noch deine neue Klobrille um den Hals getragen und so durch eine paradoxe Intervention zu diesem Verhalten beigetragen hast (was auch völlig okay wäre, wenn es der guten Sache dient)? 😀

    • frauhilde schreibt:

      Du, meine neue Klobrille ist eine mit wo so Steine und so Kramzeug drin sind (was für mich heißt: sie ist ganz, ganz gruselig, aber es war die einzige Klobrille, die es gab. Und in der Not …). Also, die kann frau schon mal um den Hals tragen.
      Meine paradox-interventionösen Beiträge bei den Chaoten beschränken sich auf so intelligente Zwischenrufe wie „Katzenbabys!“ und „Weltfrieden!“ 😉

  8. Ralph schreibt:

    Das kam jetzt unerwartet ^^

    Aber ich glaube es war ganz angenehm oder täusche ich mich?! 🙂

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