Von Ärenenden II

Nach den Sommerferien begrüßte die Frau Hilde nun also ihren widerspenstigen Kurs erneut.

Dass ein paar Schäflein weniger an Bord waren, merkte man schnell; alles war irgendwie … ruhiger. Die diversen Alphamännchen gaben zwar ihr Bestes, um den Verlust wettzumachen, aber insgesamt war die Atmosphäre angenehmer.

Vor allem hatte ein Großteil des Kurses begriffen, dass er um Deutsch nicht rumkam und dass ein Teil sogar ins mündliche Abi würde gehen müssen. Entsprechend änderte sich die Arbeitshaltung von „KEIN BOCK!“ auf „Kein Bock, aber wenn’s denn sein muss“. Mit der Einschränkung, dass, egal was für ein Thema die Frau Hilde anschleppte, die Kindlein laut jammerten.

Als es wieder mal besonders schlimm war mit der Pienzerei, sagte die Frau Hilde irgendwas von wegen „Mann, seid ihr Cissies!“ – und der Kursname war geboren („Cissy-Grundkurs Frau Hilde“).

H. hatte inzwischen eine neue Freundin und die Lust am Streben Mitmachen wiedergefunden. Auch F. entdeckte, dass es notenmäßig echt was bringt, wenn man sich mündlich beteiligt.

S. war damals schon eine Nervensäge. Genauer gesagt war – und ist – er das, was man gemeinhin als „Schleimer“ bezeichnet.

B. wiederum litt ein wenig unter den Nachwirkungen der Pubertät; die Tatsache, dass sich W. neben ihn platziert hatte, machte das Ganze auch nicht einfacher. Ab und zu brauchte ihn die Frau Hilde aber, um Aussagen des Herrn A. simultan zu dolmetschen. Dessen Pfälzer Slang verstand die Frau Hilde nämlich auch nach einem Jahr mit den Chaoten noch nicht immer.

Um Weihnachten herum war die Stimmung dann so gut, dass man eine kleine Weihnachtsfeier inklusive Wichteln und Punsch (alkoholfrei!) und singendem Puschelmädchen abhielt.

Irgendwann packte dann Teile des Kurses so richtig der Ehrgeiz. Man besprach, was als nächste Lektüre gelesen werden sollte, und es kam zu jener denkwürdigen Stunde, als sich die Chaoten mehrheitlich für den „Faust“ aussprachen und ihre Lehrerin ungläubig staunend zurück ließen.

Und auch wenn sie jammerten (das konnten sie nach wie vor sehr gut), bewältigten sie Herrn Goethe mit Bravour. In der Kursarbeit erhielt M. die ersten 15 Punkte seines Lebens in Deutsch (es waren auch die letzten, Anm. d. Fr.H.) und vergaß vor lauter Fassungslosigkeit eine Stunde lang, seine Kurskollegen als „Dappschädel“ zu bezeichnen.

B. verliebte sich zwischenzeitlich in die Referendarin, die ein paar „Faust“-Stunden hielt. Was seine Freundin dazu sagte, ist übrigens nicht überliefert, aber beide sind noch zusammen.

Nach wie vor war die Stimmung gut, auch wenn sich abzeichnete, dass S. zum Kurs-Störenfried avancierte.

Was die Frau Hilde problematisch fand, war, dass Teile des Kurses begannen, Grenzen zu überschreiten. Die meisten Schäflein konnte man sanft wieder dahin bringen, wo sie auch hingehörten, nur S., der kannte damals keine Grenzen und kennt sie auch heute noch nicht. Nun ja. Man (= lehrer) muss nicht jeden Schüler mögen. Gute Noten hatte er trotzdem.

B. erreichte so langsam das Stadium „endlich raus aus derPubertät“, als H. in selbige voll reinrutschte. Er musste zu allem und jedem seinen Senf geben und nervte ganz allgemein einfach fürchterlich. Auf seinen Wettvorschlag („Ich tu einen Monat nicht dummschwätzen, wenn Sie einen Monat mit dem Rauchen aufhören!“) konnte die Frau Hilde schon deshalb nicht eingehen, weil er bereits in der nächsten Stunde wieder mit der Dummschwätzerei begann.

Apropos. Phasenweise war F.s rosarot bewölktes Prinzessinnenweltchen auch sehr schwer zu ertragen. Die Dame war 18 und besaß

– eine Hello-Kitty-Bürste,

– ein Hello-Kitty-Mäppchen,

– zig Nagelfeilen, von denen mindestens drei pro Doppelstunde in Gebrauch waren,

– rosa Lippenpflegestift,

– einen rosa Schminkspiegel, der allerdings nur zweimal im Unterricht benutzt wurde; danach gab es nämlich ein klitzegrößeres Donnerwetter von der Frau Hilde.

Der Frau Hilde wurde bei dem ganzen rosa Gedöns manchmal ganz blümerant (sie muss dazu sagen, dass babyrosa ihrer Meinung nach erfunden wurde, um psychologische Kriegsführung zu betreiben).

Hinzu kam, dass F. von allen Kurslern die einzige war, die mit Ironie absolut nichts anfangen konnte und sich die Sprüche der Kollegen (oder manchmal der Frau Hilde) regelmäßig erklären lassen musste.

Der Frau Hilde fällt, wo sie das hier gerade vor sich hintippselt, ein, dass sie ja mal eine kleine Umfrage starten könnte, wer euer/ eure beliebteste/r Chaot/in war in der Zeit, als die Frau Hilde über die Chaoten geschrieben hat.

Das Schuljahr neigte sich dem Ende zu.

In der Mitte der „Faust“-Reihe kam ein Schäflein in den Kurs, das lange krank gewesen war und jetzt in der 12 wieder ins Schulgeschehen einsteigen wollte. Es war, wenn sich die Frau Hilde recht erinnert, genau zweimal da. Aber dazu im nächsten Beitrag mehr.

Am Ende des Schuljahres jedenfalls, da wollte die Frau Hilde ihre Chaoten nicht mehr hergeben. Sie kosteten die Frau Hilde zwar den vorletzten Nerv (für den letzten waren die diversen Mittelstufenklassen zuständig), aber sie hatte die Grundkursler irgendwie schon ein bisschen liebgewonnen. Wenn sie das machten, was die Frau Hilde wollte. Ansonsten dachte sie mit Grauen an die 13.

TBC

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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40 Antworten zu Von Ärenenden II

  1. teacheridoo schreibt:

    Sag mal (<– ich habe jetzt extra nicht gesiezt weil wegen um Sie…äh, Dich nicht so zu irritieren), Frau Hilde, wie ist denn das mit der selbstgewählten Lektüre. War das noch vor dem Zentralabiturgedöns oder wurde die Lektüre quasi zwischengeschoben? Weil hier höre ich ja alle Deutschlehrer etwas stöhnen, weil die Oberstufenlektüren unabänderlich vorgegeben sind.

    • Tina schreibt:

      Irgendwie lese ich sowas immer vor der Frau Hilde, vielleicht sollte sie mich als Sekretärin für die Belange, die das pfälzische Schulsystem betreffen, einstellen… 😀 Also, kurz und schmerzlos: RLP hat kein Zentralabi. 😉

      • teacheridoo schreibt:

        Echt jetzt? Das geht? Ich hätte so angenommen, dass ein Zentralabitur verpflichtend für alle ist.
        Sachen gibt’s…die Rhäinländor hald ma widder.

        Danke für’s Sekretärinnentum, Tina. 🙂

        • Tina schreibt:

          Gern geschehen. 😀 Ja, das geht, Föderalismus sei Dank und so.
          Naja, dafür stöhnen die Lehrer in RLP, weil das Abitur so viel zusätzliche Arbeit bedeutet 😉 (in Deutsch z.B. müssen für’s schriftliche Abitur vier ausgearbeitete Vorschläge eingereicht werden, von denen am Ende drei in Mainz ausgewählt und zurückgeschickt werden). Ich finde das mit der freien Lektürewahl dafür viel schöner… Gibt also überall die Pros und Cons. 😉

          • teacheridoo schreibt:

            Hier stöhnen sie halt, weil die für das ZA vorgegebenen Werke teilweise noch völlig „unerschlossen“ sind – quasi. (In diesem Fall sollte ab Februar Kafkas „Der Verschollene“ unterrichtet werden – das kennt quasi kaum einer so richtig und Handreichungen und dgl. gab es auch noch keine bis vor kurzem. :D)

            Aber ja, hat alles Vor- und Nachteile.

            • Tina schreibt:

              Oh man, das nervt mich schon wieder (mit den unerschlossenen Werken). Kommt ja immer drauf an, wo sich das eigene „hier“ so befindet 😀 Ich studiere auch nicht im schönen, FREIEN „hier“ RLP, sondern über’m Rhein in BaWü, und da gibt’s auch das Zentralabi. Intelligentes Beispiel aus Englisch (von meinem Fachdidaktik-Dozenten zum Besten gegeben) : Im Jahrgang 2012 durften im Englisch LK ein ganzes Jahr lang eine Short Story-Sammlung gelesen werden, sodass keine Zeit für was Anderes blieb. Yay.

              • frauhilde schreibt:

                @teacheridoo: Tina hat’s ja erklärt. Das fehlende Zentralabi lässt mir hier natürlich mehr Möglichkeiten (wobei es trotzdem einen „Kanon“ gibt bzw. schulinterne Arbeitspläne, so dass ich nicht rein nach Lust und Laune irgendwas lesen kann). Andererseits bedeutet es ein Mehr an Arbeit. Aber irgendwas is ja immer. 😉

                @Tina: Vielen Dank fürs Erklärbären. 😉 Ist halt wirklich kompliziert. Aber das Zentralabi wird hier in den nächsten Jahren Stück für Stück kommen. Weiß noch nicht, wie ich das finden soll.

                • Tina schreibt:

                  Jaha, das fürchte ich auch, war ja irgendwie abzusehen… und es kommt ja von den zentralabiturigen Ländern auch ständig die Kritikwelle am Nicht-Zentralabi, dabei finde ich, dass beides wie gesagt Vor- und Nachteile hat. Ganz doll viele finden das wegen der Arbeitsentlastung ganz doll gut (Zitat eines befreundeten Lehrers von mir: „Dann kann ich wenigstens im Herbst mal wieder Urlaub machen, statt an Abivorschlägen zu basteln“ 😉 ), aber andererseits ist das mit den vorgeschriebenen Lektüren halt auch ganz doll blöde, was ja auch wie im oben genannten Beispiel aus Englisch oder den von teacheridoo angesprochenen, weniger gängigen Lektüren blöd laufen kann. Naaaja, das sind so die Dinge, die man ja eh nicht ändern kann. Muss man wohl das Beste draus machen. 😉
                  Ansonsten: Gern geschehen, ich bin das Erklärbären inzwischen gewohnt… oder habe mich daran gewöhnt… Wie auch immer 😀 Jedenfalls macht mir das nichts aus. 😉

                • frauhilde schreibt:

                  Hier wird’s 2017 eingeführt. Ich bin mal sehr gespannt!
                  Und in der Zwischenzeit bastle ich am Chaoten-Abi weiter. 😉

  2. giftigeblonde schreibt:

    Man wird richtig rührselig wenn man das so liest, man ersetze man durch ich bitte 😉

  3. Jürgen schreibt:

    Ja, so ist es oft. Schwierige Klassen (manchmal auch KollegInnen) wachsen einem ans Herz.

  4. Und was hat das Ganze jetzt mit Ärenenden zu tun? Und was sind überhaupt Ärenenden? *neugierig auf dem Stuhl rumhippel*

  5. apglonn schreibt:

    Also, falls du die Umfrage nicht extra machen willst: Mein Lieblingschaot war A. (Glaube ich zumindest, auf jeden Fall meine ich den Burschen, der sich immer mit Herr A oder welcher Buchstabe da jetzt wirklich hinkommt hat ansprechen lassen.) Und ich hoffe, dass das Ende dieser Ära nur der Beginn einer neuen Chaotenklasse ist. Zugegeben, das wird dich das eine oder andere graue Haar kosten, aber du musst ein Einsehen haben: Besser ein graues Haar auf dem Schopf und dafür uns zum Lachen gebracht, oder? 😉 Btw: Die Wettidee wäre rein theoretisch ja richtig originell gewesen, wenn der Bursche es hätte durchziehen können.

    • frauhilde schreibt:

      Ich mach die auf jeden Fall. Aber interessant, dass Herr A. dein Lieblingschaot war.
      Und graue Haare … fuu, davon hab ich mehr als es meinem Alter entsprechend sein sollte, glaub ich. Schicksal der Dunkelhaarigen. *seufz* *Mitleid heischender Welpenblick*

      • apglonn schreibt:

        Sorry, ich kann dir mit Mitleid nicht helfen, denn ich bin auch dunkelhaarig. Immerhin kann ich mit meinen nicht mehr dunkelhaarigen Haaren ein bisschen angeben, weil die nicht grau, sondern silber sind. Ich kann also immer noch darauf hoffen, dass ich – so ich denn mal richtig, richtig alt bin -, total distinguiert mit einem silbernen Schopf statt einem hässlich grauem herumgeistere. 🙂

        • frauhilde schreibt:

          Silber? Schick! Geworden oder gemacht?
          Ich hab nur so einzelne graue Haare zwischendrin. Ich fürchte also, im Gegensatz zu dir werde ich nicht ersilbern, sondern ganz profan ergrauen. *seufz*

          • apglonn schreibt:

            Geworden. Wüsste gar nicht, wie man so clever immer mal wieder Salz und Pfeffer zwischen die Haare streuen könnte, dass sie in der Sonne silbern glänzen. 😀 „Profan ergrauen im Morgengrauen“ – der neue Bis(s)Seller von … Tadam! Frau Hilde!

            • frauhilde schreibt:

              Na ja, aber gerade die, deren Namen ich nicht nennen will, weil ich mag ja meinen Block sauber halten, also die, die glitzern doch auch in der Sonne. Ob die, wenn sie alt werden, auch silbern glitzern? Oder sind das wirklich grauenhaft profan Ergrauende? *grübel*

    • Tina schreibt:

      😀 danke für die Erinnerung an die Umfrage… Tja. Um mir nochmal darüber klar zu werden, welcher Chaot eigentlich wer war, hab‘ ich nochmal diesen Chaotenerläuterungseintragsdingens gesucht… Und dabei raus kam dann, dass ich drölfzig alte Blogeinträge gelesen habe – und ich kann die Frage nach meinem Lieblingschaoten trotzdem nicht beantworten. 😀 (Den Blogeintrag hab‘ ich aber gefunden, also daran liegt’s nicht.)
      Demnach helfe ich der Chaoten-Beliebtheits-Statistik wohl leider nicht weiter, dafür habe ich jetzt aber die letzten Stündchen herzhaft gelacht, also danke dafür! 😉

      • frauhilde schreibt:

        Du Arme! 😀
        Ich hab gerade den neuen Beitrag fertiggestellt. Inklusive Umfrage. (Ich hab mich auch nur ein bisschen blöde angestellt … *g*)
        Morgen kommt er.

        • Tina schreibt:

          😀 keine Doodle-Umfrage? Die liegen doch seit ein paar Jahren so schön im Trend 😉
          Jippieyay, da freu ich mich 🙂 Der Donnerstag ist also schon mal gerettet!

  6. diewiderspenstige schreibt:

    Also falls die ne Abizeitung oder so was haben, sollten sie dich bitten, einen Bericht aus Lehrersicht zu schreiben und den dann neben ihrem veröffentlichen 😀

    Man merkt beim Lesen, dass du deine „widerspenstigen“ (hahaha) Chaoten ganz schön lieb gewonnen hast 😉

    • frauhilde schreibt:

      Hehe, die Frage danach, wann die Abizeitung rauskommt, konnte mir heute keiner beantworten. Anscheinend ist der ganze Jahrgang so ein Chaotenhaufen. 😀

      Ich sag ja, ich hab sie so lange lieb, bis ich die Abizeitung gesehen hab. Man sollte sich als Lehrer nie der Illusion hingeben, es gäbe nicht doch den einen oder anderen, der „Rache“ für drei Jahre Oberstufe üben wollte. Und wenn S. den Bericht schreibt … nun ja … 😉

      • Tina schreibt:

        😀 Der Abizeitungsbericht der Chaoten würde mich ja interessieren (also, wenn er denn jemals kommt… meine ehemalige Schule hat auch schon Chaotenjahrgänge gesehen, die keine Abizeitung auf die Kette bekommen haben). Vielleicht mit geschwärzten Klarnamen und stattdessen Chaoteninitialien? *Dackelblickaufsetz* Aber das wäre dann natürlich schon viel Arbeit für Sie. Hm… interessieren würd’s mich trotzdem 😀

        • frauhilde schreibt:

          Ich weiß ja nicht mal, ob die einen hinbekommen. Bei DEM Jahrgang würde mich nichts mehr wundern.
          Aber mal sehen. Wenn da was kommt, kann man immer noch drüber verhandeln. 😉

          • Tina schreibt:

            Das klingt doch schon mal gut, also der letzte Teil 😉 Ich geh dann mal gedanklich die Chaoten anfeuern, dass sie das Dingen fertiggestellt bekommen 😀

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