Von Tischen

Tatort Lehrerzimmer. Jener mythenumrankte Ort, zu dem Schüler nur selten Zugang haben (und wenn, dann drücken sie sich meist verschüchtert in der Ecke rum), der Ort, an dem Flurfunk und Kollegentratsch auf die Spitze getrieben werden, der Ort, der die perfekte Fallstudie für Psychologen ist, der Ort, an dem Männer noch Männer sein dürfen („Spülmaschine ausräumen? Können das nicht die Frauen machen?“).

Mangels tagesaktuell spannender Schülererlebnisse wird die Frau Hilde heute ein bisschen davon erzählen.

Das Lehrerzimmer an der Frau-Hilde-Schule ist eigentlich zwei Lehrerzimmer. Aus Gründen der Raumgröße nämlich. In jedem der Zimmer stehen Tische, die zu Achtertischen zusammengeschoben wurden. Also, acht Lehrer an einem Tisch. Natürlich reicht das nicht. Es reicht nie. Und deshalb hat man offiziell keinen festen Platz. Natürlich stimmt das nicht. Es stimmt nie. Denn je nach Dienstgrad, Dreistigkeit oder Hartnäckigkeit haben die meisten Lehrer sehr wohl ihren eigenen Platz.

Wenn man das Lehrerzimmer betritt (bzw. wenn man es betreten konnte, ohne von herumwuselnden Kollegen über den Haufen gerannt zu werden), sieht man zunächst den „Mädchentisch“. Da sitzen fast ausschließlich die U30-erinnen. Dort ist es besonders laut und lustig und lebhaft und kichrig und wer wissen will, wer gerade mit wem und so, der drückt sich an diesem Tisch herum.

RBRM ist da der Quotenmann, aber er ist ohnehin nicht so oft im LZ. Oh, und Kollege A., der liebstschönsttolligste Kollege der ganzen Welt.

Kollege D. hat sich mal den Spaß gemacht und einen Zettel auf den Tisch gelegt, der sinngemäß besagte, dass man hier aufpassen müsse, nicht schwanger zu werden (er hat insofern nicht ganz unrecht, als in den letzten drei Jahren fünf der Tischmädchen niederkamen). Der Spaß kam mäßig gut an.

Einen Tisch weiter sitzen die Englischkollegen; sie werden von ein paar verloren aussehenden Chemie-/ Biokollegen ergänzt. Das Spannendste an diesem Tisch ist eigentlich nur das Regal mit den alten Klassenarbeiten, das daneben steht, und das man hin und wieder frequentieren muss. Im weiteren Verlauf des Raumes finden sich noch die Lehrerfächer und der eine oder andere (dauerbelegte) PC.

Geht man dann durch den Durchgang ins andere Lehrerzimmer, sieht man rechts die Küchenzeile; dominiert von zwei Kaffeeautomaten, von denen einer nicht funktioniert und beim anderen andauernd die Bohnen leer sind. Außerdem schmeckt die Plörre nicht.

Die Spülmaschine ist auch so ein Kapitel für sich.

Ja, es gibt sie.

Ja, sie funktioniert.

Aber wieso ausräumen? Können doch die Frauen machen.

Aber wieso sein Geschirr dort einräumen? Steht auf der Spüle doch auch ganz gut. (Besonders erfreulich, wenn im Sommer freitags halbleere Tassen abgestellt werden; deren Inhalt grüßt einen montags dann nämlich freundlich zurück …)

Zu diesem Behufe hat der Personalrat ein liebevoll bemaltes Schild hinterlassen (laminiert!), auf dem „SAUBER!“ steht und das man in die Spülmaschine klemmen kann, damit sie ausgeräumt wird.

Sieht super aus.

Interessiert nur niemanden.

Neben der Küchenzeile ist der Muttitisch (auch „Zickentisch“ genannt). Hier findet sich die Zwischen-45-und-60-Fraktion weiblichen Geschlechts, zu einem hohen Prozentsatz übrigens Französischlehrerinnen.

Direkt daneben ist der Mischtisch. Da sitzt alles, was keinen festen Platz ergattert hat, besonders die Kunstkollegen, die ohnehin kaum im LZ zu finden sind (in diese prosaisch-unkultivierten Niederungen begibt sich der feingeistige Künstler höchst selten), und die Sportler, die, wenn sie überhaupt da sind, in Trainigshose und mit etwas strengerem Geruch auf den Stühlen herumlümmeln.

Manchmal wird der Mischtisch auch zum Wisch-tisch (ein Groschen in die Kasse für die unterirdisch schlechten Wortwitze). Dann schwebt der eine oder andere Fachleiter aus den Sphären der Lehrerausbildung herab und macht sich am Mischtisch breit.

Direkt am Mischtisch steht der Meckertisch. Das ist der Tisch, an dem die Das-war-schon-immer-so-das-wird-nicht-geändert- bzw. Früher-hat-das-Gymnasium-seinen-Namen-wenigstens-noch-verdient-Fraktion.

Und Frau Sabi.

Die Arme hat nirgendwo anders einen Platz bekommen.

Dominiert wird der Meckertisch von Kollegin U., selbigwelche nämlich jedes Jahr bei der Dienstversammlung Ende der Sommerferien ihren Stundenplan auf IHREN (jawoll!!) Platz klebt. Und dann traut sich da aber auch keiner mehr hin!

Der von der Frau Hilde mäßig gemochte Kollege M. sitzt da übrigens auch.

Hinter dem Meckertisch ist der Langeweilertisch. Und ja, das ist der Tisch, an dem die Frau Hilde sitzt. An diesem Tisch passiert genau nie etwas, wobei nein, das stimmt nicht, vorletztes Jahr, da ist dem Kollegen J. mal die Thermoskanne umgekippt, aber sonst ist es sehr ruhig. Die Frau Hilde teilt sich den Tisch mit Bio/ Chemie, Geschichte/ ev. Rel, Musik/ Deutsch, Franz/ Latein, Musik/ Erdkunde, Mathe/ Chemie und Deutsch/ Franz. Eigentlich auch mit Sozialkunde/ Geschichte, aber Kollege J. macht gerade Elternzeit. Weshalb sich Kollegin F. (D/F) kackdreist auf seinen Platz geschmuggelt hat.

Die Frau Hilde ist die Pflanzenbeauftragte des Tisches, denn in der Mitte steht ein Verreckerchen von Pfennigbaum. Die Frau Hilde hat das Dings liebevoll „Hiltrud, die hässliche Pflanze“ getauft und kümmert sich jetzt drum. Da Hiltrud recht anspruchslos ist, selten Wasser braucht und auch sonst wenig Zuwendung, fühlt sich die braundaumige Frau Hilde durchaus kompetent, sie zu betreuen.

Insgesamt ist das Lehrerzimmer ein recht netter Ort. Nur in den Pausen, da ist da ein Gewusel und Geplapper und Ge-sonstwas.

Da ist die Frau Hilde manchmal froh, müdäugig an ihrem Langeweilertisch sitzen zu können und nur mit Kollegin T. und Kollegin G. zu reden.

 

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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41 Antworten zu Von Tischen

  1. korrekturfee schreibt:

    Witzige Beschreibung – viel Spaß noch mit dem Verreckerchen 🙂

  2. A.P. Glonn schreibt:

    Und manchmal weiß man nicht, wer schwerer zu ertragen ist: die Schüler oder die Kollegen, hm? 😀 Ist ja eine Riesenschule, in der du unterrichtest, Wahnsinn, wie viele Lehrer sich da rumtreiben. Bin milde beeindruckt. Gibt’s eigentlich auch manchmal so richtig Krieg zwischen den verschiedenen Fraktionen … ähm … Tischen?

    • frauhilde schreibt:

      Zwischen den einzelnen Fachschaften, allerdings. Besonders beliebt: Naturwissenschaftler gegen Geisteswissenschaftler.
      Das birgt so manchen Konfliktstoff, der gerne auf GK ausgetragen wird. *seufz*

  3. ninaxy3 schreibt:

    Bei uns im Lehrerzimmer hängt seit dem Halbjahr -glaub ich- ein Zettel wie die Lehrer zu parken haben und wie nicht.
    Inklusive Smileys und Zeichnung, dass es auch jeder versteht 😀

  4. Pi mal R Quadrat schreibt:

    So manches davon kommt mir bekannt vor… scheint, als ob sich die verschiedenen Lehrerzimmer gar nicht mal so sehr unterscheiden. An meiner alten Schule hatte jeder einen eigenen Platz, nicht zuletzt markeirt durch den aufgeklebten Stundenplan. Ok, mein Deutsch-/Geschichtslehrer aus 7/8 hat gleich mal zwei Plätze blockiert, hauptsächlich, um beim Kuchenverkauf sein halbes Dutzend Kuchenstücke unterzubekommen. 😀
    Einzig die Praktikanten, Refis und die Künstler hatten keine Stammplätze, aber die Künstler hatten Klassenzimmer mit einem kleinen Nebenraum, in den sie sich zurückziehen konnten.

    Und ja, wenn man als Schüler mal hereindarf drückt man sich in ne Ecke und versucht, sich möglichst unsichtbar zu machen und gleichzeitig so viel wie möglich vom Anblick aufzusaugen, weil wegen Neugierde und so. 🙂

    • frauhilde schreibt:

      Die Refs wuseln immer recht planlos herum; bei uns okkupieren sie aber manchmal auch „Stammplätze“. Wenn ich sieben Stunden am Stück hab, bin ich, muss ich gestehen, recht schnell im Zurückerobern meines Platzes. 😉

  5. Jürgen schreibt:

    “Spülmaschine ausräumen? Können das nicht die Frauen machen?”
    Uiuiui! Das ginge ja bei uns gar nicht. Schlage vor: Ein paar Männer kommen zu uns zum Hospitieren und Spülmaschinenkurs. Denen werden die Waden schnell nach vorne gerichtet oder sie sind am dritten Tage weg.
    „Außerdem schmeckt die Plörre nicht.“
    Das hat bei uns auch ewig gedauert. Angefangen haben sie mit Aldis sauren Bohnen, bis sie nach einem Jahr bei Tazpresso gelandet sind. Und das Gute ist, dass ich taz-Genosse und -Abonnent bin und der Kaffee dadurch 10% billiger ist.
    Göttinlob sind wir ein kleines Kollegium mit 30 Leuten. Das Lehrerzimmer ist ein Saustall, aber alle wissen, dass am Freitag Frau M. alles, aber auch alles wegschmeißt, was nicht in Fächern ist. Und dann haben wir zur Zeit eine Kollegin, die meint, sie sei Einzelkämpferin. Sie umrundet mit bösem Blick alle Tische und verschwindet dann in ihrem Fachraum. Der habe ich sozusagen das Kraut ausgeschüttet.

    • frauhilde schreibt:

      Die Bohnen an sich sind gar nicht schlecht; es ist die Maschine, die das nicht hinbekommt. Manchmal schmeckt er, manchmal hat man braun gefärbtes Wasser in der Tasse.

      Die Männer schicke ich gerne vorbei; ich frage mich nur, ob Sie gegen eine geballte fünfzigjährige Portion Faulheit ankommen! 😉

  6. KC schreibt:

    Ja! Genauso isses!
    Das fängt aber schon an der Uni in der Bibliothek an. Bei uns richten sich da auch einige häuslich ein, selbst die Pflanze mit Namen haben wir schon 😀 Die steht allerdings nicht in der Bib.

  7. giftigeblonde schreibt:

    Danke für den netten Bericht!
    Als ob ich dabei wäre 😉

  8. lustig schreibt:

    Wow :3 das ist echt interessant.
    Ich bin immer am Überlegen, ob es unter meinen Lehrern (KS1, BW, Gymi <– ich) auch im Lehrerzimmer ne Sitzordnung gibt. Es sieht immer aus, als wären genug Plätze da (ich glaube, das sind es tatsächlich), allerdings sitzen die immer anders. Je nachdem, wer gerade mit wem redet.
    Und die Referendare haben den Tisch genau am Eingang 😀
    Da ist es nie auch nur ein bisschen ruhig.

    • frauhilde schreibt:

      Wo haben die Sitzplatzwechsler denn ihre Sachen dann liegen? Nehmen die die immer mit?

      Ich glaub, Refs können gar nicht ruhig sein. Die haben an Schultagen ohnehin einen Ruhepuls zwischen 150 und 180 … 😉

      • lustig schreibt:

        Die lassen das Zeug (Taschen, Jacke, Krimskramsetc) immer an ihrem Originalplatz liegen. Glaube ich. Sooo oft bin ich da sowieso nicht unterwegs ^.^
        Man kann sie ganz professionell zum Zappeln bringen. Muss sie nur die ganze Zeit anstarren. Wenn man das einmal begriffen hat (<– macht es seit der 8. Klasse.), dann wird das richtig lustig mit den Refus 🙂
        Ich glaube, die bemerken ihr Zappeln selbst nichmal 🙂

  9. Anne schreibt:

    Schön beobachtet… Diese Spezies braucht wohl überall das gleiche Habitat 😉
    Als bei uns das LZ nach 30J. (!) neu möbliert werden sollte, gab’s nicht nur tolle Stuhlmodelle zum Probesitzen, sondern eine Umfrage feste Plätze vs. nicht so gequetscht und mehr Ablagefläche. Die ging zum Glück sehr eindeutig für feste Plätze aus. Warum soll ich die kostbare Pause noch mit Suchen nach unbelegtem Stuhl verbringen? Und ‚Handtuchmentalität‘ wie von Koll. U. führt das eh ad absurdum und zu Ärger aufeinander. Der PR macht sich nun jedes Jahr sehr viel Mühe, neue Koll. unterzubringen, manchmal gehts nur mit Stuhlsharing von Teilzeitkräften. Aber weil drüber geredet und nicht okkupiert wird sind wir trotz der Enge zufrieden.
    Zur Kaffeeküchenmisere hatte ich bei Herrn Mess schon mal kommentiert, ich copypaste schamlos:
    Wir haben seit einem Jahr einen “Putzteufel”, eine Art “Wanderpokal”, der nach Wochenplan von LehrerZimmerTischGruppe (= 6-8 Leute) zu LZTG wandert. Klappt mal besser, mal schlechter, aber zumindest fühlen sich nicht immer nur die selben drei verantwortlich und man weiß, über welche Schlamper man in dieser Woche schimpfen kann.
    Wer’s nachbauen will: leuchtfarbige Postkarte bedrucken, vorn mit Teufelchen-Bild, hinten mit Liste, was alles gemacht werden muss. Laminieren, in Visitenkartenhalter klemmen (so ein Drahtdings mit Ständer unten und Wäscheklammer oben) und auf den Nachbartisch stellen 😉

    • frauhilde schreibt:

      Weißt du, das Problem ist, dass die Meckertischfraktion diesen Ständer entweder sofort in Ablage P steckt oder geflissentlich ignoriert. Das Argument ist immer: Wir trinken keinen Kaffee, also müssen wir das auch nicht machen.
      Ich trink auch keinen, aber eine stundenlang offen stehende Spülmaschine mit sauberem Geschirr, also, den Anblick kann ich nicht lange ertragen.

      Was die Plätze angeht, bin ich deiner Meinung.

  10. rotezora. schreibt:

    Einen gesonderten Beitrag wären auch die fremden Lebensformen wert, die sich nach fünf Wochen Sommerferien im LZ-Kühlschrank entwickelt haben, obwohl schon zwei Wochen vor den Ferien ein neonrotes, natürlich laminiertes Schild darauf hingewiesen hatte, die angebrochenen Lebensmittel zu entfernen.

  11. daslandei schreibt:

    Hihi, danke für diese schöne Beschreibung des Mythos „Lehrerzimmer“.

    Und es gibt Dinge, die sich nie ändern, es sei denn, man wird Lehrer. Nämlich, die landei-mama, die arbeitet in einer Bildungsanstalt. Und auch noch in der, die auch vom landei besucht wurde.

    Nun schaut das landei auf Heimatbesuch gerne mal in der Schule vorbei. Jedesmal sagt die landei-mama: „Du, Herr/Frau xyz hat gerade eine Freistunde, kannst gerne ins Lehrerzimmer gehen und Hallo sagen.“ Und plötzlich schrumpft das landei, ist wieder so zwischen 13 und 15 (gefühlt) und geht nur unter Herzflattern und mit sehr komischem Bauchgefühl in die „heiligen Hallen“. Und fühlt sich immer ertappt.

  12. handvolldackel schreibt:

    Langeweilertisch klingt doch sehr nett, ich finde, dass Langeweile sehr unterschätzt wird 😉 So bisweilen hätte ich’s gern mal ein bisschen langweilig.

  13. hoetuspoetus schreibt:

    DAS war sehr schön zu lesen am frühen morgen …
    hab viel geschmunzelt und gelacht …
    DANKE dafür!

  14. Franka schreibt:

    Köstlich beschrieben. Und es kommt mir alles sehr bekannt vor 😉
    (Ich komme von Anna-Lena rüber)

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