Von Liebe und sowas alles

Die Großen. Aus Zwölfern wurden Dreizehner, was insofern gut ist, als die Frau Hilde seit diesem Schuljahr wieder Zwölfer ihr eigen nennt (von denen noch zu reden sein wird), und da käme man sonst ja durcheinander und sowas alles.

Ja. Jetzt sind sie also groß. Irgendwie. Vor allem körperlich. Es ist ein bisschen anstrengend, sich immer mit Brustkörben und Bauchnäbeln zu unterhalten, aber wenn man halt einfach keine einssiebzig misst, nicht mal in Stiefeln, dann muss man da  durch. 

Immerhin haben sie sich so reifetechnisch nicht weiters verändert. Im Gegenteil. Je näher es dem schriftlichen Abitur zugeht, desto infantiler nervtötender verhaltenskreativer werden sie.

Letzte Stunde.

Thema ist „Agnes“ von Peter Stamm und die Frage, was eigentlich Liebe ist.

An der Tafel steht „Liebe ist …“ und die Frau Hilde bittet ihre Helden (nebst zwei –innen), die Leerstellen zu füllen.

Schnell entsteht eine leicht philosophisch angehauchte Diskussion. Und die Frage, ob die Frau Hilde, wenn man Liebe jetzt so definiert, dass Zuneigung und Vertrauen da sind, ihre Delinquenten jetzt liebt oder nicht.

„Sie vertrauen uns echt? Und Sie mögen uns echt?“ S. kann’s nicht glauben.

„Ich mag euch, und ich vertraue euch“, sagt die Frau Hilde, „aber eurer Definition zufolge liebe ich euch deshalb auch, und da hab ich jetzt schon so meine Zweifel.“

„Hm“, macht P., „würden Sie mir einfach so Geld leihen?“

Es entspannt sich eine weitere Diskussion darüber, ob Geldverleih jetzt in die Rubrik Vertrauen fällt.

Weil S. das Niveau offensichtlich zu hoch ist, tut er das, was er am liebsten tut: Er senkt es.

„Wär des jetzt aach e Abiuffgab?“, will er wissen.

Die Frau Hilde übersetzt sich den Satz schnell ins Deutsche und verneint dann.

„Ja, aber“, S. ist noch nicht befriedigt, „wann ich jetz ins Deitschabi gängt, do wär des doch meglich, dass Sie so was frooche.“

Die Frau Hilde übersetzt sich den Satz schnell ins Deutsche, verneint dann erneut und erinnert S. daran, dass man letztes Schuljahr mal eine echte Abiprüfung mit echten Fragen zusammen durchgespielt hat.

Dann fällt ihr der Fehler in der Matrix auf.

„Moment mal, S., du hast die ganze Zeit gesagt, dass du in Mathe gehst!“

S. ist, soweit S. das kann, ein wenig peinlich berührt, dann gesteht er, dass er das zwar irgendwie vorhatte, aber dann feststellen musste, dass Wunsch und Wirklichkeit in Sachen Mathenote doch eklatant auseinanderklafften.

Gehässiges Lachen von C.

„Du mit deine zwee Punkt brauchsch ja mol gar nix sage!“ (S. ist ein bisschen sauer.)

C. will gerade Luft holen, und man weiß ja was passiert, wenn S. und C. sich nicht grün sind, und das sind sie eigentlich nie, und das beinhaltet ein wenig kommunikativen Sprengstoff, da schreitet dann aber die Frau Hilde ein, sagt C., dass er doch bittedanke steckenlassen soll, und S., dass ihm aber schon klar sein müsse, dass man in einem Deutschabi seine Lektüren gefälligst auch gelesen haben muss.

S. versucht einen Welpenblick. Er scheitert. Und darf sich dann noch anhören, dass er sich sicher sein kann, dass WENN die Frau Hilde im mündlichen Abi merken sollte, dass er die Lektüre nicht gelesen hat, sie ihn darauf festnageln wird, weil das ist immerhin ein Abi.

C. lacht gehässig.

S. schmollt.

Die Frau Hilde meint, ein leises „Un außerdem bisch du Ka-Es-Tsee-Fän, deshalb mag dich die Fraa Hilde eh net!“ aus S.‘ Richtung zu vernehmen, aber vielleicht täuscht sie sich da auch.

Weil er aber ein harmoniebedürftiges Kerlchen ist, zumindest tief im Inneren, lenkt er das Gespräch wieder in harmlose Bahnen und äußert sich wie folgt zum Thema Liebe:
„Also, Liebe, des is doch aach liebhabbe. Weil, also nemme mer mol o, dass mer so e bissl … nimme nüchtern is. Und dann sacht mer doch aach mol zu emme Kolleech, dass mer en liebhat.“

Befremdete Blicke seitens des Rests.

„Machn ihr des net?“ S. ist überrascht. „Also, wann de Paule un ich was getrunge hen, dann nimmt er mich immer in de Arm un saacht, mir henn dich lieb.“

Befremdete Blicke seitens des Rests.

„Ihr sinn bleed.“ S. versteht die Welt nicht mehr, was insofern nicht weiters auffällt, als er sie noch nie so richtig verstanden hat.

V. guckt … v-ig.

„Was sagst du dazu, V.?“, erkundigt sich die Frau Hilde.

B. bekommt einen Lachkrampf: „Der weiß doch gar nicht, was Liebe ist!“

P. ist sich da nicht so sicher.

„Der hasst uns alle, und wer hasst, der kann auch lieben!“, so seine philosophische Erkenntnis.

„V., möchtest du dich dazu äußern?“, fragt die Frau Hilde.

„Bloß net!“ – S. hat seine Sprache wiedergefunden – „Guggen Se mol, wer SO Filme guckt wie der … nä.“

V. wirft S. einen V-Blick zu, und S. verliert spontan seine Sprache wieder.

Da das Thema für eine Doppelstunde konzipiert ist und man sich am Ende der ersten Stunde befindet, sammelt die Frau Hilde noch ein paar Ideen zum Thema, und das Niveau steigt wieder.

Das letzte Wort muss dann aber doch wieder S. haben, wie könnte es anders sein.

„Gell, Sie ware in de Hääbschdferie in London.“

Die Frau Hilde nickt.

„Mitm Herr A.“

„Der war da auch, ja.“

„Na, da hemmer jo e Definition von Liebe. Mitm A. nach London …“

(Anm. d. Fr.H.: Just for the record: Nein.)

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Über frauhilde

Chaostrampelndes Lehrerschusselchen
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42 Antworten zu Von Liebe und sowas alles

  1. pimalrquadrat schreibt:

    😄

    Oh Mann, das hat sooo gefehlt, liebe Frau Hilde! 😄
    Einfach nur toll, diese ehemaligen Zwölfer! 😀
    Und S. und P. sind doch herzig, das muss auch mal gesagt werden. 🙂

    PS: Was hen se denn gege Transformers? 😛
    PPS: Oho, London, jetzt wirds aber romantisch hier! 😉

    • frauhilde schreibt:

      Herzig?
      Na, du hast eine seltsame Definition von „herzig“ …

      Gege Transformers? Nix, was wirkt. Der V. geht mir damit seit der 11 auf die Nerven. [Und vielleicht wird er auch irgendwann gewinnen, wer weiß. 😉 ]

      • handvolldackel schreibt:

        Nix, was wirkt 😉 Nur Twilight ist schlimmer als Transformers. Schau mit den Kindern vor Weihnachten doch „Vielleicht lieber morgen“, da lernen sie dann auch ein bisschen, was Liebe ist. Und Freundschaft. Und sich in den Arm nehmen und so.

      • pimalrquadrat schreibt:

        Na komm, die sind doch putzig! 😀

        Ach, irgendwann wirst auch du dich transformieren! 😛
        Übrigens: So schlecht der auch gealtert ist, und so viele Probleme es auch bei der Handlung gibt, der alte Transformers-Film aus den 80ern ist deutlich besser als alles, was Michael Bay fabriziert hat. Und er wartet mit Leonard Nimoy als Unicron auf. 😉
        Und nein, ich bin nicht V. 😄

        • frauhilde schreibt:

          Der meinte aber nicht den alten, sondern die neuen. Und die kommen mir nicht in den Player!! 😛

          • pimalrquadrat schreibt:

            Oh, ok. Dann ist V nicht mehr zu retten. 😄
            Für dich besteht aber noch Hoffnung. Wie stehst du zu Anime? 😛

            • frauhilde schreibt:

              Uh, ich fürchte, diesbezüglich bin wiederum ich nicht mehr zu retten. Ich mag sie nämlich nich.
              Übrigens bin ich immer noch der Meinung, V. sollte im nächsten Star-Wars-Film eine Rolle bekommen. Alternativ geht auch irgendeine (überflüssige) Fortsetzung von der Sache mit den kleinen Wesen und den großen Füßen und dem Ring da.
              Als Bösewicht kann V. bei SEINEM Blick auf jeden Fall Sauron Konkurrenz machen!

  2. buchpost schreibt:

    Schön, einfach schön.

    • frauhilde schreibt:

      Rückblickend schon. Im Moment des Geschehens hat man dann doch ab und an so seltsame Fantasien von geknebelten Schülern, die einem nicht auf den Senkel gehen können. 😉

      • buchpost schreibt:

        Kenne ich. Meine Fantasie: Ich nehme still und elegant meine Jacke, packe alles ruhig zusammen, wünsche noch einen angenehmen Tag und entschwinde in den Sonnenuntergang oder so ähnlich. 🙂

  3. Pingback: Aus aktuellem Anlass: Bildung in Deutschland | buchpost

  4. Dubleee schreibt:

    „Die Frau Hilde übersetzt sich den Satz schnell ins Deutsche“ – und wir?!
    (oh Mann, Steineklopfen, gell?)
    Zu süß… und sowas macht „Reife“prüfung 😉
    Hier *müssen* alle in D *und* Mathe, auch die mit „zwee Punkt“….
    Sag dem S., er soll „Agnes“ lieben lernen, das ist eine sehr nette Lektüre (die *müssen* hier alle machen – wolle Mail? 😎)

    • frauhilde schreibt:

      Ich kann ihn ein bisschen verstehen; mein Favorit isses auch nicht grad. 😉
      Mail – immer gerne! 🙂
      Wir sind aber inzwischen ohnehin fast durch mit dem Buch; mal sehen, mit was ich sie als nächstes plagen werde. Woyzeck oder … hm …

      Konntest du sein gepfälzertes Anliegen dann noch verstehen?

      • Abiprüfer schreibt:

        Sandmann vielleicht, damit sie den Unterschied zwischen Romantik in der Liebe und Romantik als Epoche lernen. 😉
        Schön, dass die Frau Hilde wieder bloggt!!!!

        • frauhilde schreibt:

          @Abiprüfer: Den Sandmann haben wir in 11 schon „erledigt“. Überlege grad, ob ich ihnen „Woyzeck“ antun soll oder doch lieber noch was Effi-Briestiges.

          • Abiprüfer schreibt:

            Woyzeck, weil….
            a) kann man da szenisch arbeiten (gerade die Ermordung Maries wird immer wieder gerne mit großem Eifer „handlungsorientiert“ interpretiert…); Männer zur Besetzung der Rollen hast du ja genug;
            b) ist ein Stück, zumal so ein fragmentarisches, flotter gelesen als ein Roman (also jetzt mal so schülerzentriert gedacht und alles);
            c) gibt eine männliche Hauptfigur, geknechtet von den Verhältnissen, eine tolle Identifidingensfigur ab für die Pfälzer Jungs ;-); und
            d) ist der historische Hintergrund spannender als bei der Effi.

            Effi, weil…
            a) es ist viel zu lesen („Heern Se mol, Frau Hilde, wivill Seite hotten dess? – Waas? Och näää!“ etc.) und dient deshalb
            b) ausgezeichnet als „Argumentationshilfe“ bei der Prüfungsfachwahl des Herrn S.; 😛
            c) es gibt so wenige weibliche Titelfiguren in der Literatur,
            d) Fontane hat so viel geschrieben, dass man locker eins seiner weiteren Werke als Grundlage von Kursarbeit oder Abiprüfung heranziehen und vergleichen lassen kann (also jetzt eher so lehrer- und abiprüferzentriert gedacht und alles).

            • frauhilde schreibt:

              Wow, danke für die ausführliche Antwort!!
              Es wird der Woyzeck werden, weil weniger umfangreich und das lese ich parallel mit den Zwölfern, was auch ganz praktisch ist.
              Und ich entgehe der Lynchjustiz ob des Umfangs! 😀

      • Anne schreibt:

        Ja, konnte ich. Meine NRW-Ohren sind seit fast 20 Jahren auf Ba-Wü-Sound trainiert…
        *pling* You’ve got Mail 😉

    • Abiprüfer schreibt:

      Vielleicht ist S sogar einer der Pfälzer, die in D *und* M ins Mündliche müssen, und weiß das nur noch nicht….

  5. guinness44 schreibt:

    Allein der Dialekt ist der Kracher

  6. Myriade schreibt:

    Ja, jaaaa, genauso sind sie …….. manchmal bringen sie einen zum lachen manchmal könnte man sie strangulieren. Danke für den absolut realistischen Bericht 🙂

  7. Sylana schreibt:

    Ich schmeiß mich weg.
    Und was wär ich froh, könnte ich solche geistreichen Dialoge…..seufz.

    Aber, ohne Mist mal ich bin vor Lachen echt grad (wirklich!!!!!) vom Stuhl gefallen!

    Aua!

    Gemeingefährlich, dieser Blog 😉
    Liebe Grüße
    Sylana

    • Sylana schreibt:

      Äh ja. Moment mal.
      Du bist Deutschlehrerin? Also nicht, dass ich den Kommentar jetzt korridingst zurück bekomme?

    • frauhilde schreibt:

      Woops! 😀
      Ich verleihe dir hiermit den (zweifelhaften) Titel „Hilde des Tages“, weil wegen nämlich, also vom Stuhl fallen vor Lachen, das ist wirklich preisverdächtig!

      • Sylana schreibt:

        Danke!
        Ich liiiiieebe solche Titel. Und grade DER fehlte mir noch!
        (Scheixx neuer Bürostuhl mit Leichtrolldingsda dran!)
        Weißt Du wie mein Hintern aussieht?!?

        Und ich hab schon viele solche Titel. Die hießen nicht unbedingt Hilde, aber immerhin….

  8. War ich lange nicht mehr hier, ich habe viel nach zu lesen 🙂 Aber schön, dass du wieder schreibst 🙂

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